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Das ist schön:Bloß nicht daran denken

Des Zuhörers Lust und Qual im Konzertsaal

Wie ein Zauber legt sich die Musik in den Raum, schmiegt sich ans Ohr des Lauschenden, vertreibt alle Gedanken an Steuererklärung, Strafzettel oder missglückten Schweinsbraten und schafft Platz nur fürs Schöne. Die Triolen des Orchesters werden von den Achteln und Sechzehnteln am Flügel sanft konterkariert, die Melodie streckt sich vom hohen Dominantseptakkord zu dessen Auflösung bis tief in den Bassbereich, wozu der Pianist mit der rechten Hand über die Linke greift, was er mit großer Geste tut; alles atmet Harmonie, der Mensch ergibt sich der Unendlichkeit des Klangs. Nein, bitte! Jetzt nicht!!!

Am besten wäre es, einfach nicht daran zu denken. Doch schon geht's los: ganz tief, am untersten Ast der Bronchien, ein kaum spürbares Kratzen. Und eine Ahnung. Hätte man nicht doch beim Forte des ersten Satzes prophylaktisch ein bisschen husten sollen? So leise, dass der Nachbar es nicht hört, aber doch so energisch, dass sich der Kanal zwischen den Lungenflügeln weit genug dehnt? Es ist ja der Fluch jeden zweiten Satzes, dass ihm meist ein Adagio oder Andante leise Zartheit befiehlt. Während dessen sich tief im Inneren, knapp über dem Zwerchfell, langsam, aber unaufhaltsam, ein Reiz breitmacht, dessen Herr zu werden eigentlich ein kleiner, aber kräftiger Husterer reichen würde, welchselbiger aber im Hier und Jetzt, da sich gerade über die zarte Modulation ins Moll das zweite Thema ankündigt, ein absolutes No Go ist. Sonst ist der Künstler irritiert.

Vielleicht hilft Flachatmung, um die mit schrecklicher Garantie eintretende Explosion des Atmungsorgans ein wenig hinauszuzögern, wenigstens bis dorthin, wo das Allegro Vivace des dritten Satzes mit vollem Tutti eine Art dezibelstarken Konkurrenzlärm bietet. Doch sind wir noch nicht einmal bei der Coda des Andante angelangt, als sich der immer mehr kitzelnde Reiz über die Bronchienäste nach oben hangelt in Richtung Luftröhre.

Also doch: Den Ärmel des Sakkos vor den Mund gepresst, eine klitzekleine, kurze Kompression des Zwerchfells, ein paar Sekunden sind gewonnen. Der Pianist lenkt die Melodie mit schier endlosem Ritardando zur Reprise. Geht's nicht ein bisschen schneller? Flachestatmung - wenn es sein muss, bis zur Bewusstlosigkeit. An was ganz anderes denken, nein, nicht an die letzte Zigarette vor dem Konzert, aber an ein Pistazieneis vielleicht. Dann endlich: der letzte Akkord, die letzten Triolen, das letzte F am Klavier. Stille. Noch ein kurzes Warten mit angehaltenem Atem, bis irgendjemand anfängt. Da! Ein Husten aus der letzten Reihe; und noch einer. Trompete! Welch Glück! Ach, ist das schön. Und weiter atmen . . .