Süddeutsche Zeitung

Das Internetvideo der Woche:Der traurigste Mann im Netz

Wenn der Tag daraus besteht, im Internet nach lustigen Tiervideos zu suchen und in Diskussionsforen als Erster "First!" zu schreiben: Nerds in der Clip-Kritik.

Christian Kortmann

Wer einerseits um Austausch auf seinem Fachgebiet bemüht, andererseits jedoch vom emotionalen Drumherum zwischenmenschlicher Kontakte abgeschreckt ist, findet im Internet die ideale Kommunikationsplattform. Denn hier wird die komplexe Materie der Welt auf den Handel mit Informationen reduziert, sozusagen auf 1 und 0 heruntergekocht. Binär ist besser, könnte das Motto lauten: Willkommen im Reich der Nerds!

Nun, was genau ist ein Nerd? Herkunft und Namensgebung dieser mal nur eigenbrötlerischen, mal zusätzlich genialen Außenseiterfigur sind nicht geklärt. Passenderweise tauchen in den Tiefen des Netzes laufend neue Erklärungsmodelle auf, vom Akronym N.E.R.D., das auf der Arbeitskleidung eines Telekommunikationsunternehmens prangte, bis hin zur Verballhornung von "knurd", dem rückwärts ausgesprochenen "drunk", was die Nüchternheit des vollständig in seine Arbeit vertieften Nerds betont.

So mysteriös seine Historie ist, so zweifelsfrei gibt sich ein Nerd nach außen zu erkennen: Im Clip "The Life of a Blogger", der auch unter dem Titel "Saddest Man on The Internet" kursiert, stellt er sich als Jhidekim vor, ein junger Mann mit T-Shirt und Ziemlich-viele-Tage-Bart, der den Zuschauer ins Leben eines menschlichen Webbrowsers einführt.

Er sei Mitgründer der Seite butternutjelly.com, auf der er Netzfundstücke präsentiere, sagt Jhidekim. Hinter ihm an der Wand hängen unter anderem ein Foto des als Computersymbiotikers berühmt gewordenen "Knight Riders" David Hasselhoff und das einer Katze, dem Wappentier der Internetvideos.

Bloggen ist für ihn nicht nur Lifestyle, sondern harte Arbeit. Dinge im Netz zu finden, die die meisten noch nicht kennen, sei verdammt nochmal nicht leicht: "Man benötigt dafür eine Menge Fähigkeiten." Bei solch einem fordernden Job kann man zur Entspannung ruhig mal ein bisschen E-Gitarre spielen und seinem Avatar beim Performen zusehen oder bei der x-ten Nachtschicht wegnicken und abrupt in den Workflow zurückschrecken.

Jhidekim verkörpert den Nerd präzise bis ins Detail: der entrückte Gesichtsausdruck, als er glaubt, bei YouTube einen Porno entdeckt zu haben oder sein Lachen über den dressierten Affen, über den eben nicht jeder lachen würde. Im ganzheitlichen Nerd-Lebensstil bilden Nachos die gesunde Ernährungsgrundlage: Jhidekim liebt sie und hat einige Tricks bei ihrer Zubereitung im Mikrowellenherd auf Lager, eine Wissenschaft für sich, wie er sagt.

Netz der Vollendung

Bis zu 24 Stunden am Tag verbringt Jhidekim im Garagenbüro, seiner "Trutzburg der Einsamkeit - the place, where 'the magic' happens": Die Einsamkeit wandelt sich in dieser Deutung vom sozialen Makel zur Stärke, weil sie das auf ein Ziel fokussierte Arbeiten des Einzelnen ermöglicht. An der Garagenwand hängen Surfbretter, es ist eine fast schon nostalgische Silicon-Valley-Start-up-Atmosphäre. Am Ende stört der Mitbewohner die Aufnahme mit seinem Motorrad: Jhidekim hat sich um Kontakt zur Außenwelt bemüht, doch jenseits seiner Website will er ihm nicht gelingen.

Eine der typischen Nerd-Kommunikationsformen, das Kommentieren von Artikeln mit dem Wort "First" - sei es in Blogs oder unter den neuesten Katzenvideos bei YouTube - wenn man als Erster die Kommentarfunktion nutzt, wird im Clip "First!" von Casimir Nozkowski vorgeführt. Überraschenderweise hat sich der "First"-Trend in Deutschland noch nicht durchgesetzt, dabei gibt es doch allerorten hübsche weiße Kästen, die vollgeschrieben werden wollen.

Das Wort "First" ist das Internet-Äquivalent zum "I was here"-Graffito auf Sehenswürdigkeiten und Schultoiletten. Es erschöpft sich in sich selbst: konkrete Poesie, die als Denkmal in den Foren steht, nicht als Symbol. Früher habe er wortreicher kommentiert, erklärt der "First"-Poster, der im Daunenanorak autonom vermummt am Computer sitzt. Dann aber habe er die Kunstform der Reduktion auf das "First" entdeckt, das er je nach Stimmung und Anlass variiert, mal mit Ausrufezeichen oder mit vielen "r" schreibt: "firrrrrst".

Unter Künstlernamen wie KidDynamite oder crazy dude76 ist er Teilnehmer in einem Wettbewerb, in dem es darum geht, andere "First"-Poster zu übertrumpfen und ihnen eine Beleidigung entgegenzuschleudern, wenn sie merken, dass sie diesmal nur "Second" sind. Der Reiz, als Erster zur Stelle zu sein, ist umso größer, weil der Ort, an dem neuer Inhalt zu Tage tritt, vorausgeahnt werden muss.

Wie Jhidekims Job ist auch das harte Arbeit: Der "First"-Poster baut den Informationsdruck des sich stets aktualisierenden Mediums ab, die Angst, etwas zu verpassen, wie ein von Aktenbergen überforderter Chef, der Unterlagen als "zur Kenntnis genommen" abzeichnet. Es ist eine nervöse Reaktion auf das nervöse Netz, das keinen Moment der harmonischen Stabilität kennt.

Auf die Idee, dass das Internet in diesem Augenblick vollendet ist und keine neuen Inhalte mehr nötig sind, kann nur ein volltrunkener Nichtnerd kommen.

Die Kolumne "Das Leben der Anderen" erscheint jeden Donnerstag auf sueddeutsche.de. Bookmark: www.sueddeutsche.de/lebenderanderen

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