Das Hakenkreuz und seine Geschichte Vom Unheil eines Heilszeichens

Es mag sein, dass ,,die Idee, dass das Hakenkreuz und der Sowjetstern als kämpfende Zeichen aufeinander bezogen waren'', in den zwanziger Jahren verbreitet war.

Doch für den Aufstieg des Hakenkreuzes zunächst in die Mitte der Partei-, dann durch das Flaggengesetz von 1935 in die Mitte der Nationalfahne, für diesen Aufstieg zum Signum einer Großmacht dürfte ein bloß reaktiver Impetus nicht ausgereicht haben.

In den interessanten Abschnitten, in denen die Beziehungen des italienischen Faschisten Julius Evola zu Gottfried Benn, der das Hakenkreuz nur einmal beiläufig erwähnt, behandelt werden, spielt dieses Motiv eines Gegensymbols denn auch ebenso wenig noch eine Rolle wie in den Forschungen des Leo Frobenius zum ,,svestikalen Menschen'' und wie in den Forschungen des verbannten Kaisers Wilhelm II., der das ,,Knielaufschema'' seiner Gorgofiguren in der Swastika stilisiert fand.

Dem Rezensenten scheint es so zu sein, dass das Medium des symbolischen Zeichens mit der argumentativen Unterfütterung oder Neuentfachung eines Streits der Historiker überfordert oder zweckentfremdet ist.

Kriegsfarben verstärken Wirkung

Hitler ließ 1920 den Münchener Goldschmied Joseph Fueß Entwürfe für ein nationalsozialistisches Parteiabzeichen ausarbeiten, unter denen er dasjenige auswählte, welches das Hakenkreuz in die alten Reichs- und Kriegsfarben Schwarz, Weiß und Rot einlagerte: ein weißer runder Schild mit dem schwarzen Hakenkreuz von einem roten Rand umfasst.

Das Hakenkreuz richtet die ,,Haken'' nach rechts, bringt sie also in einen dynamischen Lauf. Das Hakenkreuz ist auf die Spitze gestellt, so dass es nicht gesetzt und behäbig aufruht, sondern in einer schwebenden und wachen Lage verharrt.

In dieser Konfiguration war es geeignet, immer wieder Aufmerksamkeit und Spannung zu wecken und eine Anziehungskraft zu entwickeln, zumal wenn es in Fahnen mit einem dominanten Rot massenhaft wiederholt und in Reihenformationen bewegt wurde.

Durch die geradezu modernistische ästhetische Inszenierung konnte es alle konkurrierender Zeichen - den Davidstern, Hammer und Sichel - vergessen lassen. Die ,,plakatmäßige Wirkung'', die von der Industriereklame, auch der amerikanischen, inspiriert war, war Hitler offenbar wichtiger als eine diffuse, kanonisierte Sinnfracht.

Zwar sollte die Farbe Rot die soziale, das Weiß die nationale und das Hakenkreuz die antisemitische Programmatik der Partei symbolisieren, aber die raunenden Überhöhungen des Zeichens durch Alfred Rosenberg lehnte Hitler scharf ab.

Unentbehrliches Standardwerk

Karlheinz Weißmann (,,Schwarze Fahnen, Runenzeichen'', Düsseldorf 1991) hat wohl richtig gesehen, dass es Hitler darum gegangen ist, mit dem Einsatz des Hakenkreuzes die Schlagkraft der sozialistischen Propagandamittel, die er bewunderte, nicht aggressiv zu ,,stellen'', sondern sie imitativ zu überbieten, um die Arbeitermassen durch Fahnen mit abgeklärten Farben und Formen, durch ein von Weiß und Rot eingefasstes prägnantes schwarzes Zeichen zu beeindrucken und zu überzeugen.

Jägers Buch ist für die Geschichte der Swastika seit dem 19. Jahrhundert ein unentbehrliches Standardwerk. Es erschließt auch anhand neuer Quellen wichtige Etappen aus der Vorgeschichte der nationalsozialistischen Karriere dieses Zeichens. Auch möchte man hoffen, dass der Verfasser mit seinem Schlusssatz recht behält, dass ,,jenseits von kleinen marginalisierten Gruppen die Geschichte des Hakenkreuzes in Europa zu Ende ist''.

LORENZ JÄGER: Das Hakenkreuz. Zeichen im Weltbürgerkrieg. Eine Kulturgeschichte. Karolinger Verlag, Wien und Leipzig 2006. 247 Seiten, 27 Euro.