"Das Glücksrad" im Kino:Und in Tokio geht's oft her wie in Filmen von Rohmer

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(Foto: neopa/fictive/Film Kino Text)

Der Episodenfilm "Das Glücksrad" von Regiestar Ryûsuke Hamaguchi ist ein beglückend meditatives Erlebnis.

Von Annett Scheffel

Magisch sei es gewesen. Auf einer langen Taxifahrt lehnt sich das Fotomodell Meiko (Kotone Furukawa) auf der Rückbank nah an ihre beste Freundin Tsugumi, um deren Erzählungen von einem Mann zu lauschen, dem sie begegnet ist. Der Zauber der ersten Verliebtheit und die glimmende Möglichkeit einer großen zukünftigen Liebe liegen über ihrem Bericht von der ersten Verabredung. Meiko bemerkt aber schnell, dass ihre Freundin, ohne es zu wissen, mit ihrem Ex-Freund Kazuaki anbandelt. Die Sache ist nicht schön auseinandergegangen, und so richtig sind beide noch nicht über die Trennung hinweg. Und während draußen die Lichter der nächtlichen Straßen Tokios vorbeirauschen, weiß die wankelmütige Meiko lange nicht, wie sie reagieren soll. Ist sie eifersüchtig auf die Magie, die die Freundin erlebt? Gehört Kazuaki nicht allein ihr? Kann sie ihn noch zurückgewinnen? Und ist die Liebe so berechenbar, dass sie sich noch einmal in alte Bahnen lenken lässt?

Mit dieser emotional vertrackten Dreieckskonstellation, die schließlich zu einer nächtlichen Konfrontation des ehemaligen Paares führt, beginnt Ryûsuke Hamaguchis Episodenfilm "Das Glücksrad". Der japanische Regisseur und Oscar-Gewinner erzählt in drei Kapiteln von der Macht des Zufalls. "Magie (oder etwas weniger Verlässliches)" ist dieser erste Teil seines Kurzgeschichten-Triptychons überschrieben. Ein Titel, der zugleich eine gute Beschreibung seines Kinos der poetischen Miniaturen ist. Die Magie der alltäglichen Begegnungen und Begebenheiten entfaltet sich in langen, mit reduzierten Mitteln, aber präziser Bildsprache umgesetzten Einstellungen. Der Film ist ein ungleiches Zwillingswerk zu Hamaguchis "Drive My Car" (Oscar für den besten internationalen Film). Noch bevor dessen internationaler Siegeszug 2021 in Cannes begann (dort erhielt er den Drehbuchpreis), wurde "Das Glücksrad" im selben Jahr auf der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Die beiden Filme ähneln sich - etwa in den lange Dialogszenen, der sinnlichen Aufladung von Sprache, der Kraft unerwarteter Nähe - und sind doch sehr verschieden. In gewisser Weise kann man "Das Glücksrad" als Vorübung zu seinem Spielfilm sehen. Trotzdem entwickelt der Episodenfilm in seiner Form der narrativen Verdichtung einen eigenständigen Charme, der pandemiebedingt mit einem Jahr Verspätung nun endlich im Kino zu sehen ist.

Simpel konstruierte Situationen, unter deren Oberfläche es brodelt

Es ist vor allem ein beglückend meditatives Erlebnis. Ryûsuke Hamaguchi ist ein stiller Meister der bittersüßen Alltagspoesie. Mit einer Leichtigkeit und einer Vorliebe für den Zufall erzählt der Regisseur von Tokios bürgerlicher Mittelschicht wie früher Éric Rohmer von Paris. In drei anrührenden Teilen folgt er verschiedenen Figuren, deren Leben durch schicksalhafte Begegnungen in unerwartete Richtungen gelenkt werden. Die Episoden funktionieren voneinander unabhängig, sind aber in thematischen Spiegelungen lose miteinander verknüpft. Im Zentrum stehen dreimal lange Zwiegespräche in einem abgeschlossenen Raum: im Auto, Büro oder Wohnzimmer. Simpel konstruierte Situationen, unter deren Oberfläche es brodelt.

"Das Glücksrad" im Kino: Nao (Katsuki Mori, u.) wird von ihrem Liebhaber angestiftet, seinem Literaturprofessor eine Liebesfalle zu stellen.

Nao (Katsuki Mori, u.) wird von ihrem Liebhaber angestiftet, seinem Literaturprofessor eine Liebesfalle zu stellen.

(Foto: neopa/fictive/Film Kino Text)

In jedem der drei Kapitel dreht sich die Handlung um Frauenfiguren: Nach Meiko im ersten Teil ist es im zweiten Nao. Von einem unverbindlichen Liebhaber wird die verheiratete Studentin angestiftet, seinem Literaturprofessor aus Rache für seinen verpatzten Abschluss eine Liebesfalle zu stellen. Die Intrige, den renommierten Segawa in seinem Büro zu verführen, schlägt fehl. Als Nao ihm eine detailliert beschriebene pornografische Passage aus seinem eigenen Buch vorliest, entwickelt sich rasch eine unvorhersehbare Vertrautheit zwischen den beiden. Ein Moment des Sich-im-Gegenüber-Erkennens, dessen aufrichtige Schönheit am Ende aber sogleich wieder weggewischt wird, als eine an eine falsche Adresse gesendet E-Mail das Leben von beiden aus den Angeln hebt.

Etwas Tröstlicheres hat man lange nicht auf der Leinwand gesehen

Ryûsuke Hamaguchi erzählt mit einer warmen Leichtigkeit von diesen tiefschürfenden Geschichten. Die Regeln, nach denen sich das große Schicksalskarussell in seinem Film dreht, sind zugleich ganz einfach und kompliziert. C'est la vie mit philosophischen Untertönen. Immer geht es um unerfülltes Begehren, um das Feststecken in engen gesellschaftlichen Strukturen und um das, was passieren kann, wenn sich zwei Menschen gegenseitig zuhören. Um die fein choreografierten Tänze zwischen Fremdheit und Empathie, zwischen dem Universellen und dem Persönlichen. Und vielmehr als um die Unberechenbarkeit des Lebens geht es Hamaguchi darum, sich auf das einzulassen, was der Zufall einem vor die Füße wirft.

Am schönsten kommt das in der dritten und letzten Episode zum Ausdruck, die Hamaguchi zudem mit einem kleinen Science-Fiction-Twist ausschmückt: In einer Welt, in der ein Computervirus die Menschen auf Offline-Kommunikation zurückgeworfen hat, begegnen sich zwei Frauen auf einer Rolltreppe. In entgegengesetzten Richtungen schweben Nana und Moka aneinander vorbei und erkennen sich als alte Schulfreundinnen wieder. Das Wiedersehen erweist sich aber als Irrtum. Keine von beiden ist die verlorene Geliebte, die die andere glaubt, erkannt zu haben. Trotzdem machen sie weiter, wie in einem performativen Akt, und spielen für die andere die Rolle der herbeigesehnten Freundin. Die Verwechslung ermöglicht es Nana und Moka, über Gefühle zu sprechen, die sie 20 Jahre lang unterdrückt haben. Hamaguchi gibt seinen Figuren, diesen beiden Fremden, die Chance, sich gegenseitig zu heilen. Etwas Tröstlicheres hat man lange nicht auf der Leinwand gesehen. Der Zufall ist mächtig. Die Macht des Spiels mächtiger.

Gûzen to sôzô, Japan 2021 - Regie und Buch: Ryûsuke Hamaguchi. Kamera: Yukiko Iioka. Mit: Kotone Furukawa, Kiyohiko Shibukawa, Katsuki Mori, Fusako Urabe, Aoba Kawai, Hyunri, Ayumu Nakajima. Film Kino Text, 112 Minuten. Kinostart: 1. September 2022.

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