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Das Feuilleton - früher und heute:Aus existenziellen Fragen waren Leidenschaften geworden

Männer wie Kaiser und Reich-Ranicki waren wie Fährtensucher durch schwieriges Gelände, die in einer Klaviersonate oder einem Roman eine Tiefe entdeckten, die nicht nur ein ästhetischer Gewinn war, sondern ein Ausbruch aus diesem Kerker der Vergangenheit.

So anders die Arbeit des Feuilletonisten sich heute gestaltet, so anders ist auch diese Figur und ihre Geschichte. Man hatte es sicher leichter, wenn man als Journalist in den Achtzigerjahren groß wurde.

Die Bürde der Vergangenheit war längst keine erdrückende Last mehr. Dafür hatte die Generation zuvor, die der Achtundsechziger, schon gesorgt. Sicher musste man sich auch an den Älteren reiben. Doch wenn sich die Gründung einer Zeitschrift wie Tempo auch noch als Kampfansage gegen jene Achtundsechziger verstand, gegen ihre Verkrustung in einem Aspik aus Besserwissermoral und schalen Rockbands, so hatte die Kultur ihre Rolle als Leitmotiv des gesellschaftlichen Wandels längst verloren.

Sie funktionierte als ästhetischer Betrieb und Industrie der Unterhaltung. Aus den existenziellen Fragen waren Leidenschaften geworden. Ein Luxus, der aber auch Freiräume schuf für neue Formen.

Die neue Themenbreite entwickelte sich in den vergangenen zwanzig Jahren. Zu den klassischen Sujets des Feuilletons, zu Musik, Theater, Literatur, Film und Kunst kamen immer mehr dazu - erst der Pop, dann die Politik, die Wissenschaft und das Digitale.

Heraus aus der Nische der Hochkultur

Mit den Themen verändert sich auch der Kulturbegriff, der gerade in dieser Zeit wieder vollkommen neu definiert wird. Auch die Arbeit hat sich gewandelt. Aus Künstlern wurden Stars. Zur klassischen Form des Feuilletons, der Kritik, kamen unzählige andere Spielarten des Journalismus - die Reportage, die Analyse, das Interview, die Satire.

Nicht nur das, im digitalen Zeitalter sind auch noch all die Formen dazugekommen, die im Internet entstanden - die Videokolumne, der Liveticker, das Listicle, das Scrollytelling, der Feed auf Twitter und Facebook.

Der digitale Alltag zeigt aber auch, wie weit sich das Feuilleton heute von seiner Rolle als Nische der Hochkultur entfernt hat. Mit der Vielfalt der Themen kam eine noch größere Vielfalt der Meinungen. Und damit der Streit.

Kerstin Pätzold, 51, Zamdorf

"Das Feuilleton ist eine ganz eigene Welt, manchmal auch etwas abgehoben. Ich finde es schön, dass es so etwas noch gibt."

Bei der Arbeit der vergangenen drei Jahre, aus einer Tageszeitung ein Medium zu entwickeln, das nicht nur im Tages-, sondern auch im Wochenrhythmus der SZ am Wochenende und dem 24-Stunden-Puls des Internets funktioniert, war diese neue Dynamik direkt erlebbar.