bedeckt München 21°

Das erstaunliche neue Musikvideo von Billie Eilish:In Zukunft liebt sie sich

Mit der Single "My Future" verwandelt Billie Eilish, der ungewöhnlichste Pop-Superstar der Gegenwart, Melancholie in gute Laune. Und ganz Youtube staunt. Womöglich sogar der ganze Rest der Welt.

Von Jan Kedves

Der wichtigste Teenager der Welt ist sie nicht, das ist Greta Thunberg. Aber Billie Eilish ist der zweitwichtigste Teenager der Welt, und der wichtigste im Pop. Ihr Debütalbum "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" vereinte im vergangenen Jahr eine diverse Fan-Schar aus Jugendlichen, Erwachsenen, Pop-Liebhabern, Goths und Hip-Hop-Heads auf sich. Im Januar gewann sie fünf Grammys. Mit ihren beuteligen Oversize-Outfits trotzt sie stilsicher der Sexualisierung weiblicher Körper im Pop.

Gerade hat die 18-jährige Sängerin aus Los Angeles eine neue Single veröffentlicht. "My Future" heißt sie, und sie ist nicht einfach eine neue Single, sondern Zeugnis einer beglückenden kreativen Metamorphose.

Der erste warme Rhodes-Akkord, Innehalten, offener Mund, Griff ans Herz: "Yesss, sing it, Billie!"

Das zeigt sich unter anderem daran, dass zu den knapp 30 Millionen Klicks, die das im Anime-Stil gezeichnete Video zu dem Song seit vergangenem Freitag auf Youtube schon gesammelt hat, noch unzählige sogenannte React-Videos auf derselben Plattform kommen. Sie laufen fast immer nach demselben Muster ab: Jemand bekennt, dass Billie Eilish großartig ist und man auf diesen neuen Song sehr, sehr gespannt war. Dann: der erste warme Rhodes-Akkord, Innehalten, offener Mund, Griff ans Herz, Tränen. "Yesss, sing it, Billie!"-Rufe. Dann, bei Minute 1:40, wenn unvermittelt noch ein swingender Beat einsetzt: "Huch, so einen Beat gab es bei Billie noch nie!", gefolgt von Kopfnicken, Lächeln, Genugtuung in den Gesichtern.

Musikvideo Billie Eilish

Im Video zur Single verwandelt sich die Umwelt der Comicfigur Billie Eilish von einer regnerischen Nacht in eine regenbogenhell blühende Zukunft.

(Foto: Billie Eilish)

React-Videos sind Videos, in denen Pop-Fans oder selbsternannte Musikexperten sich selbst dabei filmen, wie sie einen Song zum ersten Mal hören oder ein Video zum ersten Mal sehen. Sie werden zum Teil mehrere zehntausend Mal angeklickt. Sie können sehr unbarmherzig ausfallen oder, wie bei "My Future", fast einstimmig euphorisch. Sie sind zum Gradmesser für den kulturellen Impakt von Pop-Künstlern geworden.

Im Fall von "My Future" reagieren sie auf eine Single, die nicht deutlicher brechen könnte mit den düsteren Durcharbeitungen von Teenage-Angst und Selbsthass, wie Billie Eilish sie in ihren Songs bislang zu verspüren schien.

"I Don't Wanna Be You Anymore" hieß zum Beispiel einer ihrer ersten Songs, in ihm konnte sie den eigenen Anblick im Spiegel nicht ertragen, was ja nicht nur ein bekanntes Adoleszenzproblem ist. Jetzt, in "My Future", singt sie, ihr Spiegelbild müsse von nun an ohne sie auskommen, denn sie, Billie, sei auf dem Weg in eine neue Zeit voller Selbstliebe. "I'm in love with my future, can't wait to meet her", singt sie absichtlich doppeldeutig: Die Zukunft ist weiblich, und: Ich bin verliebt in die zukünftige Version meiner selbst. Wie schön!

Die von Optimismus gestärkten Zeilen singt sie im flügelnden Vibrato eines Schmetterlings, der sich gerade entpuppt hat, ihre Melismen umspielen dabei zart das "I", das Ich. Eilishs Stimme klang noch nie so sehr nach altem Blues und Jazz wie hier. In einem der React-Videos auf Youtube sagt jemand, sie klinge jetzt wie Norah Jones, was ziemlich gemein ist, aber in dem Video ist es durchaus positiv gemeint. Tatsächlich schrammt "My Future" recht knapp an supergediegenem Lounge-Sound vorbei, was aber lustig ist, wenn man noch im Ohr hat, wie verzerrt und zerrissen ihre Hits bisher klangen. Diese dezenten Funk-Gitarren-Licks! Und dieser Bumpety-Bump-Beat, der an den Acid-Jazz der frühen Neunzigerjahre erinnert!

Ja, da hat die Künstlerin anscheinend in den Wochen der Quarantäne ziemlich gute Laune bekommen. Und davon kann die Welt doch gerade etwas gebrauchen. Eilish sagt, "My Future" sei der erste Song gewesen, den sie nach Ausbruch der Pandemie geschrieben habe. So gesehen ist es eine den aktuellen Realitäten trotzende große Weltumarmung. Im Anime-Video dazu heult sie erst mit tränenden Augen den Vollmond an, um dann mit Anbruch des Morgens von erwachender, knospender, sprießender Fauna - wir befinden uns im Wald - umarmt und in den Himmel gehoben zu werden. Da oben strahlt die Sonne, und Eilish sieht fast glücklich aus. Danach folgt, zum Nachspüren quasi, dreißig Sekunden lang Schwarz.

© SZ vom 06.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite