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Digitale Kunstschau im Schloss Bellevue:Sind so große Augen

Astrid Kleins "Ohne Titel (Der Blick)" ist zwei Meter breit und schon 1999 entstanden.

(Foto: Astrid Klein, Courtesy of the artist, Sprüth Magers)

Eine virtuelle Ausstellung im Schloss Bellevue feiert, was derzeit immer schwieriger wird: Begegnungen im öffentlichen Raum.

Von Renate Meinhof

Am Anfang ist, ganz unjohannäisch, das Auge, in diesen Maskenzeiten sowieso. Noch vor dem Mund und dem Wort ist zwangsläufig das Auge da, gerade wenn man Astrid Kleins Fotoarbeit "Der Blick" anschaut. Riesige Augen sind es, die einen anziehen und doch auf Abstand halten. Und erst nach diesen vorsichtigen inneren Bewegungen des Weg und sogleich wieder Hin liest man das Wort, das unter diesem Augenpaar steht. "Das 'Vom-Anderen-gesehen-Werden' ist die Wahrheit des 'Den-Anderen-Sehens'", ein Zitat aus Jean-Paul Sartres "Das Sein und das Nichts", und es passt natürlich sehr gut zum Titel der Ausstellung, die am Donnerstag vom Bundespräsidenten in Schloss Bellevue eröffnet wurde. Es ist der Titel eines Gedichtes von Nicolas Born: "Das Erscheinen eines jeden in der Menge". Es ist eine virtuelle Schau, in der es um die Bedeutung von Begegnungen im öffentlichen Raum geht. Die gibt es ja gerade kaum mehr, und gibt es sie doch, dann müssen wir zuallererst den Augen vertrauen, danach dem Klang der Stimme, dem Wort.

Astrid Klein, geboren 1951, ist eine der wichtigsten deutschen Konzeptkünstlerinnen, und fürs Schloss Bellevue liefert sie also dieses Augenpaar, von dem man meinen könnte, es sei im Auftrag und gerade eben erst, im Lockdown, entstanden, irgendeinen Zeitungsausschnitt irgendeines Maskenmenschengesichts aus der vergangenen Woche hat sie sich genommen und vergrößert auf die Breite von zwei Metern. Aber so ist es nicht, Astrid Kleins Arbeit entstand im Jahr 1999. Wie verloren der Mensch ohne ein Gegenüber ist, das spürt jeder und jede in Zeiten der Seuche. "Sartre erinnert uns daran", sagt Frank-Walter Steinmeier in seiner Eröffnungsrede, "dass wir in Isolation und Weltabgeschiedenheit keinen Begriff vom Anderen, von unserem Gegenüber haben können, ebenso wenig wie von uns selbst. Wir gewinnen ihn nur im Bezug zur Welt und zu uns selbst."

Hier entsteht ein nachdenkliches Puzzle all der Ängste und Einsamkeiten in der Pandemie

Ein feine Auswahl hat die Kuratorin Bettina Klein fürs Schloss zusammengetragen. Da hängen die "Einmannbunker" von Wilhelm Klotzek und Konrad Mühe, drei Betondrucke - Bunker in archaischen Formen, die aus dem letzten Weltkrieg stammen und Menschen auf allerkleinstem Raum Schutz bieten sollten. Ein Guckloch, eine Tür, mehr nicht. Im "Gespräch" mit der "Erschöpften Vase" der Bildhauerin Judith Hopf, mit den kleinen wie Porzellanfiguren anmutenden Gestalten in Ivan Seals Gemälde "village confirms class over the resemblance" aus dem Jahr 2015, mit den Arbeiten Kader Attias, Marcus Webers und Simon Wachsmuths entsteht ein nachdenkliches Puzzle all des Bruchstückhaften dieser Zeit, der Ängste und Einsamkeiten in der Pandemie.

Wer Museumsbesuche und Konzerte seit Monaten elend vermisst, für den ist dieser virtuelle Ausstellungsrundgang ein kleines Substitut, das man, zusammen mit Interviews der Künstler und Künstlerinnen, von Freitag an auf der Homepage des Schlosses Bellevue anschauen kann. Viele freiberufliche Musiker, Künstlerinnen und Künstler in ganz Europa stehen vor dem Ruin, ungezählte Kultureinrichtungen auch. Wenn der Bundespräsident in seiner Rede davon spricht, wie wir uns unseren "Lebens- und Kulturraum" nach der Pandemie "zurückerobern und um ihn kämpfen müssen", dann hat das eine kriegerische Dimension, es fragt sich nur, wer gewinnt.

© SZ/RJB
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