Das Ende des Kunstbooms? Der Künstler kauft sich selbst

Für 100 Millionen Dollar galt Damien Hirsts Diamantenschädel als die teuerste Arbeit eines lebenden Künstlers. Jetzt stellt sich heraus, dass der lebende Künstler ihn selbst gekauft hat.

Von Stefan Koldehoff

"Ich habe mir einfach überlegt, was kann ich maximal erfinden, um den Sieg über den Tod zu markieren", hat der britische Künstler Damien Hirst zur Eröffnung seiner aktuellen Ausstellung am 3. Juni in Jay Joplings "White Cube Gallery" in London erklärt. " Da dachte ich mir: Du musst einen perfekten Schädel mit perfekten Diamanten überziehen".

Inspiration habe er in seinem Haus in Mexiko gefunden: "Die Menschen dort haben einen großartigen Umgang mit dem Tod. Sie feiern ihn, als wollten sie sagen: Fuck you!" Angeblich in einem Geschäft in Islington fand Hirst den Schädel eines etwa 35 Jahre alten Mannes, der Ende des 18. Jahrhunderts gestorben sein soll. Er ließ das Original in Platin abgießen und mit 8601 lupenreinen Diamanten im Gesamtgewicht von 1106.18 Karat besetzen. Auf der Stirn prangt ein tränenförmiges Herz, ein 52.50-Karat-Diamant aus Angola.

Ethisch korrekter Steinhandel

Alle Steine, betonten Hirst und seine Mitarbeiter, stammten aus ethisch korrektem Edelsteinhandel. Als das Werk am 3. Juni zum ersten Mal vorgestellt wurde, zeigten die weltweiten Schlagzeilen, dass Damien Hirst vor allem das funkelnde Symbol für den anhaltenden Boom des internationalen Kunstmarktes geschaffen hatte. Dass es zugleich das erste Anzeichen für das Ende des Höhenfluges abgeben würde, kann Hirst zu diesem Zeitpunkt noch nicht geahnt haben.

Am Donnerstag vergangener Woche teilte Hirsts Manager Frank Dunphry stolz mit, eine Investorengruppe habe die Schädelplastik mit dem Titel "For the Love of God" für 100 Millionen Dollar erworben (SZ vom 31. August). Damit galt der Platinkopf als die teuerste Arbeit zeitgenössischer Kunst eines lebenden Künstlers.

Zwei Tage später stellte sich nun heraus, dass der angebliche Rekordverkauf nicht viel mehr als eine Marketingaktion gewesen zu sein scheint, die der Künstler selbst mit eingefädelt hat. Am Freitag musste White Cube-Pressesprecherin Sara Macdonald eingestehen, dass Hirst selbst Mitglied der Käufergruppe gewesen sei: "Er behält einen Anteil an dem Schädel."

Der Nachrichtenagentur Bloomberg teilte sie außerdem mit, die Investoren wollten die Skulptur irgendwann wieder verkaufen. Sie könne allerdings weder einen Zeitpunkt noch den dann erwarteten Preis nennen. Auch die Höhe von Hirsts Beteiligung wurde nicht bekanntgegeben. Dafür bestätigte Sara Macdonald, dass die Käufergruppe den Diamantenschädel auf eine weltweite Tournee durch Museen und Galerien schicken wolle, bevor sie die Plastik wieder zum Kauf anbieten will. Kritiker wie der kalifornische Kunsthändler Richard Polsky sprechen deshalb von einer reinen Marketingaktion: "Das ist reines Investment, mit Kunst hat das nichts zu tun."

Gigantisches Privatvermögen

Für den Künstler selbst rentierte sich die Investition gleich doppelt: Der angebliche Preisrekord katapultierte ihn in die Schlagzeilen und gibt seinen Sammlern das sichere Gefühl, die richtigen Werke gekauft zu haben - auch wenn aus dem Atelier Hirst schon seit Jahren nur die bekannten Schmetterlingsbilder, Formalintiere und Pillenschränke kommen. Um dessen Finanzen muss sich auch nach dem Eigenkauf dieser Woche niemand Sorgen machen: Mit einem Privatvermögen, das laut Sunday Times mehr als 270 Millionen Dollar beträgt, einer gigantischen eigenen Kunstsammlung und einem 300 Jahre alten Landsitz bei Ilfracombe in Devon gilt der 42-Jährige als reichster Künstler Großbritanniens.

Ob Hirst mit seiner Aktion allerdings auch dem Kunstmarkt insgesamt einen Gefallen getan hat, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Dass er selbst sein eigenes Werk erwerben musste, ist schließlich vor allem ein Hinweis darauf, dass sich in den vergangenen drei Monaten kein anderer Käufer gefunden hat. Angeblich war der Schädel zwischenzeitlich einem Sammler schon für 76 Millionen Dollar angeboten worden, auch er lehnte dankend ab.

Nach der Immobilien- und Bankenkrise in den USA sind Auktionshäuser und Marktbeobachter nicht sicher, ob die großen Auktionen im November wieder so erfolgreich sein werden wie die im Frühjahr. Sotheby's und Christie's haben bereits die Garantiesummen erhöht, die sie Einlieferern auch bei Nichtverkauf zusagen.