Roman "Das dreizehnte Kapitel":Immer neue Koseworte, und was für welche

Dort die zunächst spröde evangelische Theologin, eine Art ins Idealische entrückte Margot Käßmann, halb geschmeichelt, halb spöttisch den Stürmer und Dränger an ihrem Herzen zappeln lassend. Sogleich entlarvt sie seine Doktrin, die wahre Liebe zeige sich erst, wenn das körperliche Begehren nachlasse, als kokette Unterwerfungsgeste eines eifersüchtig Entflammten, der doch keinen Zweifel daran lässt, dass er noch weit entfernt ist von der Geschlechtsverrentung. Wo er tändelt und sülzt, ist sie klar und bestimmt, nimmt der Anbahnung alles Frivole, indem sie das, was den beiden widerfährt, ins Metaphysische hochschraubt.

Bei aller kühlen Distanz zeigt sie sich viel entschiedener in ihren Gefühlen als der egomanisch verschmierte, gefühlsschlampig flatterhafte, romantische Liebesnarr. Sie erkennt ihren Amour fou als schicksalhaft - "wir sind die Extreme, die einander berühren" -, weiß das, was sie verbindet, jenseits von Betrug und Verrat, jenseits auch des schnöden Gegensatzes von Wahrheit und Lüge. Diesem stellt sie die Tiefe der alle Dichotomien aufhebenden Aletheia, der Unverborgenheit entgegen, "das allumfassend Weibliche als das welterhaltende Sowohl-als-auch".

Auf jüngere Leser mag das befremdlich wirken

So antiquiert dieses mystifizierende Frauenbild auch wirken mag, der Gültigkeit dieser ergreifenden Liebesgeschichte tut das genauso wenig Abbruch, wie der zunächst forciert anmutende philosophische Überbau die Wahrheit der Gefühle zu schmälern vermag. Für jüngere, an die Explizitheit von Chatroom und sozialen Medien gewöhnte Leser mag das, was diese Briefabenteurer da miteinander treiben, allerdings mindestens so befremdlich sein wie die Form, in der sie es tun: diese altmodisch-manierlichen Episteln aus dem Bildungshaushalt, in denen man einander in wohlgesetzten Worten erklärt, wie es um einen steht.

Dass das Wort "gnädige Frau" Schauer bisher nicht erlebter Wollust auslösen kann, ist uns kaum weniger fern, als dass sich zwei weiterhin noch lange siezen, die sich doch längst offenbart haben - und mit welch kunstvollen Wendungen und Windungen sie nacheinander schreien. Und dass die Einhaltung der Zwei-Wochen-Frist zwischen den Briefen als Vor- und Nachlust zum Liebesspiel gehört. Sie reden sich mit Titeln und mit Namen an, nennen sich Freund und Freundin, mal ist sie die Vertraute, die zu sehr Abwesende, mal er der Anempfinder oder gar der Vorwurfsfreudige und Verratssüchtige.

Stützen und aufrichten

Immer neue Koseworte finden sie füreinander, und was für welche: sie, die Teilhaftige, Maestra, Gelieferte, Kapitulierende, er, der Ausgelieferte, der Belletrist, der Übermütige, Erschienener, von ihr Lebender, ihr ganz und gar Gehörender, vor Gemeinsamkeit Vibrierender, von Aussichtslosigkeit Geblendeter. Nur ein einziges Mal jedoch: Liebster und Liebste. Allein dieser verspielte Benennungszauber ist der schönste Beweis dafür, dass Gefühl und Verstand eben kein Gegensatz sind, dass das dumpf Empfundene sich erst in Sprache gefasst zum klaren Gefühl läutert, dass Herzensbildung kein verschmockter Backfischbegriff des 19. Jahrhunderts ist, sondern der Name für eine Poetik der Emotionen.

Was als leichtes Parlando beginnt, mündet bald in eine Innigkeit, mit der man sich für die Gefühls- und Gedankenwelt des anderen öffnet - so macht Maja, die Göttliche, ihren Basil mit der existenzphilosophisch grundierten Theologie ihres Vorbildes Karl Barth vertraut. Und man erzählt einander ganz ungeschützt von den jeweiligen "Ehe-Gehegen". So ist Maja eben nicht nur in Basils Leben die starke Frau, sondern auch in dem ihres Mannes, den sie stützen und aufrichten muss. An diesem scheinbar so triumphalen Wissenschaftler und Unternehmer nagen Zweifel und Verunsicherung, und selbst noch die Demütigung, die ihm ein falscher Freund, ein Blender und "Ego-Midas", zufügt, betrachtet er als gerechten Lohn.

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