Darmstädter Gespräch Von Schuhgrößen und Pigmenten

"Wer ist Wir?" - Das diesjährige Darmstädter Gespräch setzte die in der Nachkriegszeit begonnene Selbstvergewisserung der Deutschen fort. Sie führte diesmal nach Afrika.

Von Volker Breidecker

Inmitten der Trümmerlandschaft der Nachkriegszeit boten die "Darmstädter Gespräche" seit 1950 den Deutschen ein Forum der Selbstvergewisserung. In der Nachbarschaft zu moderner Kunst und Neuer Musik wurde leidenschaftlich um die Legitimität der Moderne und der Avantgarde gestritten. Wiederbelebt, fanden sie jetzt erstmals den Rahmen eines großen Festivals, dem das Darmstädter Staatstheater für drei Tage die Tore und sämtliche Bühnen und Foyers öffnete.

Die Eröffnungsrede, die der Schriftsteller Ingo Schulze am Freitag im Staatstheater Darmstadt hielt, haben wir an dieser Stelle abgedruckt (SZ vom 18. September). Unter der Regie der Literaturkritikerin Insa Wilke zielte die neuerlicher Selbstvergewisserung verpflichtete Leitfrage "Wer ist Wir?" nicht auf eine bestimmte Antwort, sondern auf differenzierende Nachfragen und auf die Verunsicherung stereotyper Vorstellungen von Gruppenidentität.

Dass dieses Konzept aufging, dafür sorgten als stärkste Stimmen eine Reihe afro-britischer und afro-deutscher Schriftsteller und Intellektueller. Die gebürtige Britin Taiye Selasi, die auf vier Kontinenten zu Hause ist, drehte die alte Idee des "Weltbürgertums" versuchsweise so um, dass nicht mehr Europa, sondern Afrika im Zentrum steht. Sie erweiterte in ihrer Darmstädter Rede ihr "afropolitisches" Manifest von 2005, mit dem sie das neue kosmopolitische Lebensgefühl einer jungen, hochgebildeten und hochmobilen afrikanischen Generation artikulierte, um einen "weltafrikanischen" Blick auf Europa, von dem die Europäer noch lernen könnten: "Das Privileg der Afropoliten" sei die Fähigkeit, Komplexität auszuhalten und zu akzeptieren, im Wissen darum, "dass nichts ganz schwarz oder weiß ist", und dass ethnische Zugehörigkeit "vor allem eine Frage der Politik, nicht der Pigmente ist".

Vielleicht können die in der Literatur erzählten Geschichten den Wissenschaften helfen

Als fließend deutsch sprechende und schreibende Vertreterin "Schwarzer Literatur" - die Farbe ist ihr politischer Begriff - hatte die in Berlin lebende gebürtige Britin Sharon Dodua Otoo im vorigen Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis errungen. Von darüber verstörten Vertretern des Literaturbetriebs musste sie sich die Frage gefallen lassen, ob ihr prämiierter Text aus dem Englischen übersetzt worden sei. Was nicht sichtlich weiß, sondern schwarz ist, markiert offenbar weiterhin eine Leerstelle im Literaturkanon.

Darüber sprach die schwarze Literaturwissenschaftlerin und Aktivistin Peggy Piesche. Sie erinnerte ihre weißen Landsleute daran, wie sehr sich gerade das kulturelle und nationale Selbstverständnis der Deutschen historisch über die Vehikel Sprache und Literatur geformt hatte. Die Geschichte der Schwarzen in Deutschland und ihrer Literatur sei weder neu noch unerforscht. Aus einem Dünkel, dessen rassistische Wurzeln in Deutschland auf eine lange Überlieferung schauten - wie auch das noch immer geltende Einwohnerrecht Relikt einer unterbelichteten kolonialen Vergangenheit sei -, schotte die hiesige Literaturlandschaft sich weiterhin ab.

Tatsächlich waren - so sagte Piesche unter Berufung auf die Forschungen der Historikerin Fatima El-Tayeb (zuletzt: "Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft, transcript Verlag 2016) - "die Anderen schon immer hier" und kamen nicht erst mit der sogenannten Flüchtlingskrise. Für den afro-deutschen Kasseler Politologen Joshua Kwesi Aikins ist dies Geschichtsvergessenheit. Erst durch den Nazistaat und die Ermordung der Juden sei die "lange Präsenz von Menschen mit diasporischen Bezügen" in Deutschland und anderswo unterbrochen worden. Auch auf die Frage, "wer sind wir", hatte er eine lehrreiche Antwort parat: "Wir wissen es, denn wir leben Diversität schon lange vor."

Schönes Wort. Wo Pluralität und die Anerkennung von Verschiedenheit auch innerhalb von Gemeinschaften und Gruppen an die Stelle eines vermeintlich homogenen oder mythischen "Wir" tritt, hat auch die "Brüderlichkeit der Hassenden" keinen Platz, mag sie auch heute wieder Räume finden, in denen sie toleriert wird. Darüber diskutierte die Darmstädter Professorin für Philosophie Petra Gehring mit dem Hirnforscher Wolf Singer. Die Wissenschaft wisse noch viel zu wenig über die Regionen im menschlichen Hirn, in denen Reflexe und starke Gefühle wie Hass als Auslöser grausamen Handelns infrage kommen. Womöglich könnten die Geschichten, die Literatur zu erzählen hat, manche Defizite der Wissenschaft ausgleichen. Das Gespräch zwischen dem französischen Politologen und Autor Gilles Kepel und der aus Indien stammenden französischsprachigen Schriftstellerin Shumona Sinha - soeben erschien bei Nautilus ihr neuer Roman "Staatenlos" - jedenfalls nährte diese Hoffnung.

Überhaupt bedarf es der Sprache wie der Fähigkeiten und Reichtümer des Erzählens zur Artikulation und Verarbeitung gleich welcher Erfahrungen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Nach Ansicht der afro-deutschen Psychiaterin Anna Yeboah, die mit dem Soziologen Oliver Nachtwey diskutierte, steht allein die Verschiedenheit menschlicher Schuhgrößen jeder Gleichmacherei seitens obstruktiver, ihre Grenzen missachtender Gemeinschaften im Weg.