Da ist ein Cembalo, darunter quietscht ein Frosch, in der Ferne klimpert ein Glockenspiel. Verträumt wandelt das Lied durch eine fremde, mittelalterliche Welt. Doch der Klang schreitet zeitlich immer weiter voran. Ein furchtbarer Streicher setzt ein, seine elektronische Geige fiept und kreischt unaufhörlich denselben Ton. Dann bricht die Musik aus ihrer ursprünglichen Form völlig aus, schreit und zerrt wie ein Computerglitch, bis die Szene völlig zu einem kitschigen Videospielsoundtrack aus den frühen Nullerjahren mutiert.
Wollte man diesen Song des kanadischen Musikers Daphni mit einem einzigen Satz beschreiben, dann vielleicht so: „Invention“ klingt wie die elektronische Bach-Vertonung der Synthesizerpionierin Wendy Carlos, die mit dem Soundtrack von „Super Mario 64“ zusammengemixt wurde.
Auf dem neuen Album „Butterfly“ von Daphni krachen an vielen Stellen musikalische Welten aufeinander. Das fängt schon beim Musiker selbst an. Hinter Daphni steckt der DJ Dan Snaith, auch bekannt als Caribou. Bisher ließen sich Snaith’ Projekte in etwa so voneinander unterscheiden: Während Caribou eher für experimentelle, indieelektronische Popsongs stand, widmete sich Daphni direkterer, elektronischer Tanzmusik. Ganz trennscharf war diese Distinktion zwar noch nie, auf „Butterfly“ scheint sie nun aber völlig zu verschwimmen.
Caribou tritt auf dem besten Song des Albums, „Waiting So Long“, kurzerhand sogar als Feature auf. In der Kollaboration mit sich selbst kreiert Snaith darauf einen wunderbar euphoriegeladenen Discopopsong, der mit strahlenden Synthhörnern und sich immer wiederholenden Lyrics an Daft Punk erinnert und schon im Februar einen vierminütigen Sommerurlaub vorgaukelt.
Jeder scheinbare Gegensatz löst sich in symbiotischer Tanzmusik völlig auf
Wer ist dieser Mann, der so viele musikalische Identitäten auf sich vereint? Rein optisch sorgt Dan Snaith im ersten Moment eher für Verwunderung: Der 48-Jährige trägt nahezu immer monochrome T-Shirts, manchmal dazu eine altmodische, große Brille mit dünnem Rahmen, vorneherum hat er kaum noch Haare. Er sieht weniger aus wie ein Technoclub-affiner Musikstar, eher wie der Protagonist aus einem Dokumentarfilm über amerikanische Kernphysiker in den Achtzigerjahren.
Und ganz falsch ist dieser Eindruck auch nicht. Zu Beginn seiner Karriere als Musiker (damals noch unter dem Alias Manitoba) arbeitete Snaith nebenher als Mathematiker, am Imperial College in London erlangte er 2005 den Doktortitel. Musikalisch inspiriert wurde er aber nicht vom Thema seiner Dissertation, sondern von minimalistischen Technomusikern wie Plastikman und Prog-Rock Bands aus den Siebzigerjahren wie Yes oder Emerson, Lake & Palmer. Und so wirkt auch heute seine Musik nicht mathematisch ausgeklügelt oder verkopft, sondern wie das Werk eines Musiknerds.
„Butterfly“ erschafft tanzbare, gespenstisch düstere Clubmusik, dann aber auch ganz leichte, naturinspirierte Traumszenen. Man hört Feen über den Waldboden trippeln, das Quaken einer Kröte, ein Synthesizer plätschert unaufhörlich surreale Arpeggios, dann wieder ganz finsteres, technisches Rattern und Klackern riesiger Maschinen, schließlich chaotisches, futuristisches Gepiepse eines Spaceshuttle-Cockpits. Natur und Technik gehen fließend ineinander über, und jeder scheinbare Gegensatz löst sich in symbiotischer Tanzmusik auf.
Die besten Momente des Albums entstehen aus dem Zusammenspiel von Technobeats und streberhaften Indie-Elektropopsongs, die Snaith’ musikalische Persönlichkeiten ausmachen. Aus dieser Kombination kreiert er eine ganz mitreisende Nostalgie für die melancholischen Zwischenmomente des Nachtlebens. „Sad Piano House“ zum Beispiel erinnert mit einer ganz einfachen, sehnsüchtigen Klaviermelodie an einen kühlen Lufthauch in einem furchtbar verschwitzten, vollgerauchten Technokeller. Und der wunderschöne Song „Good Night Baby“ klingt wie der Moment, in dem man frühmorgens aus dem Club nach Hause torkelt und noch den Sonnenaufgang genießt, bevor man völlig erschöpft ins Bett fällt.

