Netzkolumne: Kryptowährung, DAO:Zwischen Gier und Utopie

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Netzkolumne: Kryptowährung, DAO: Das Original der US-Verfassung, versteigert bei Sotheby's für 43 Millionen Dollar.

Das Original der US-Verfassung, versteigert bei Sotheby's für 43 Millionen Dollar.

(Foto: ED JONES/AFP)

Sind dezentralisierte autonome Organisationen (DAOs) die beste Art, um eine neue Gesellschaft zu gestalten? Oder geht's nur ums Geld?

Von Michael Moorstedt

Lauscht man Fantasy-Geschichten, fliegen die Sympathien des Publikums meistens dem Underdog zu. So war es in der vergangenen Woche auch in den üblichen sozialen Medien. Da wollte eine Bande von Emporkömmlingen beim Auktionshaus Sotheby's einen wertvollen Druck der US-Verfassung ersteigern. Über 17 000 Menschen gaben in Form von Kryptowährungen Geld für die Aktion. Innerhalb von nur vier Tagen ist auf diese Weise der Gegenwert von mehr als 40 Millionen US-Dollar zusammengekommen.

Das hört sich zunächst an wie ein Flashmob mit hohem Einsatz. Aber es mangelt auch nicht an Ideologie. "Dezentralisierung und Kryptowährungen haben Strukturen geschaffen, die es den Menschen ermöglichen, sich mit einem beispiellosen Maß an Autonomie und Freiheit selbst zu regieren", hieß es mit einer großen Dosis Feierlichkeit auf der Website der Gruppe. Es sei deshalb nur "passend, dass wir diese Technologie nutzen, um das größte historische Werkzeug für die menschliche Regierung zu ehren und zu schützen: die US-Verfassung." Der nicht ganz unbeabsichtigte Nebeneffekt der Aktion: dem Establishment mal wieder was auf die Mütze geben. Geschafft haben sie es leider nicht. Überboten wurden sie von einem Vertreter der klassischen Wirtschaftsordnung, einem Hedgefonds-Milliardär.

Noch interessanter als die Aktion selbst ist aber die Art und Weise, wie das Gebot zustande kam. Die Möchtegernkäufer haben sich in einer sogenannten DAO organisiert. In der akronymverliebten Welt der Kryptowährungen steht das Kürzel für "dezentrale autonome Organisation", und auch wenn man in der schnelllebigen Szene kaum noch durchblickt, sei versichert, dass es sich bei DAOs um den gerade aktuellsten Hype handelt.

Nur ein Chatroom mit Bankkonto?

In einer solchen DAO mitmachen kann jeder, der eine eigens dafür aufgesetzte Kryptowährung erwirbt. Die erzielten Einnahmen landen in einer gemeinschaftlichen Kasse und gemeinsam wird entschieden, was mit dem angesammelten Geld gemacht werden soll. Je mehr Token man hält, desto mehr Gewicht hat auch die eigene Meinung. Insofern unterscheidet sich das DAO-Konzept zunächst nicht sonderlich von einer ganz analogen Aktiengesellschaft. Anders als bei den Gesellschaften der Vergangenheit gibt es bei einer DAO jedoch keine einzelne Person oder Hierarchie, die die Organisation kontrolliert. Weder CEO noch Vorstand treffen Entscheidungen, stattdessen kann jedes Mitglied einen Vorschlag für die Aktionen oder die Richtung der Gruppe machen. Außerdem werden alle Regeln und finanziellen Transaktionen in der Blockchain aufgezeichnet. Das macht DAOs zumindest theoretisch transparent, unveränderbar und unbestechlich.

Im Idealfall handelt es sich also um aus dem Internet stammende, globale Kollektive, die Ressourcen gemeinsam nutzen und auf gemeinsame Ziele hinarbeiten. Mancher Vordenker glaubt, dass DAOs in Zukunft die beste Art und Weise sein werden, wie Menschen sich organisieren. Vielleicht ist diese Form der digitalen Selbstverwaltung auch die logische Konsequenz eines immer akuteren Ohnmachtsgefühls, das unter den Leuten grassiert. Ein Mensch mit böser Zunge hat DAOs dagegen mal als Chatroom mit Bankkonto beschrieben. Wie so oft, wenn man in der Krypto-Welt unterwegs ist, befindet sich das Ganze irgendwo in der Grauzone zwischen Performance-Kunst und seriösem Geschäft. Manche wollen geschichtsträchtige Dokumente kaufen - in den meisten Fällen geht es bei den heutigen DAOs jedoch darum, gemeinsam in Kryptowerte zu investieren, in der Hoffnung auf schnellen Reichtum.

Und die Verfassungs-DAO? Die lässt sich - typisch Underdog - nicht unterkriegen und erklärte das Scheitern zum symbolischen Triumph. Auf Twitter und Discord rätselt die spontan entstandene Gruppe von Gleichgesinnten nun, wie es weitergehen soll. Einige wollen nur ihre Einlage zurück. Andere schlagen vor, statt der Verfassung doch vielleicht lieber die Unabhängigkeitserklärung zu kaufen. Oder gleich eine Insel, auf der man dann selbst einen eigenen Staat ausrufen könne.

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