700. Todestag Dantes:Im Hochrisikogebiet

700. Todestag Dantes: "In der Mitte unseres Lebensweges kam ich zu mir in einem dunklen Wald. Der rechte Weg war da verfehlt." - Dante auf der Piazza Santa Croce in Florenz.

"In der Mitte unseres Lebensweges kam ich zu mir in einem dunklen Wald. Der rechte Weg war da verfehlt." - Dante auf der Piazza Santa Croce in Florenz.

(Foto: Vincenzo Pinto/AFP)

Dantes "Göttliche Komödie" wird in einem Atemzug genannt mit den Epen Homers und den Dramen Shakespeares. Aber wie genau strahlt sein Werk 700 Jahre nach seinem Tod eigentlich noch in unsere Gegenwart hinein?

Von Dirk Lüddecke

In der Nacht vom 13. auf den 14. September 1321 starb der italienische Dichter und Philosoph Dante Alighieri in Ravenna. Es war das Ende eines Lebens im Exil. In seine Heimatstadt Florenz konnte er nach politischen Machtkämpfen seit 1302 nicht mehr gefahrlos zurückkehren. Unversöhnlich blieb die über Dante verhängte Todesstrafe in Kraft. Unter den Bedingungen des Exils schuf er neben einem bedeutenden Werk zum politischen Denken des Mittelalters, der "Monarchia", sein monumentales Hauptwerk, die "Commedia" - die später sogenannte "Göttliche Komödie".

Darin schickte er in 100 Gesängen sein literarisches Ich im Jahre 1300 auf eine Reise durch die Jenseitswelten von Hölle, Purgatorium und Paradies. Für solche Erkundungen des Jenseits gab es große Vorbilder. Vergil lässt Aeneas, Homer seinen Odysseus in die Unterwelt gelangen. Dantes Anspruch - und sein Geltungsdrang - war gewaltig. Er traf Gottes Urteil und entschied, wer in die Hölle und wer in den Himmel kommt.

Mit einer sonderbaren Metapher, die an die suggestive Kraft der Symbolsprache Dantes heranreicht, schloss im Mai dieses Jahres der Französische Staatspräsident Emanuel Macron seine Ansprache zum 200. Todestag Napoleons: "Le soleil d'Austerlitz brille encore." Die Sonne von Austerlitz scheint noch immer. Strahlen, so lässt sich am 700. Todestag Dantes fragen, auch seine Sterne, mit denen die drei Teile der "Göttlichen Komödie": Hölle, Purgatorium und Paradies jeweils enden, noch bis in unsere Gegenwart hinein?

In seinen Verurteilungen konnte er so ätzend sein wie in seinen politischen Visionen einer Weltmonarchie kühn

Nun, die Bedingungen könnten schlechter sein. Dante hätte sein Werk in Latein verfasst haben können. Doch er wählte die Volkssprache Italienisch, die damit, kaum dass sie zur Sprache der Dichtung geworden war, schon zur Sprache eines unvergleichlichen Meisterwerks der Literatur geadelt wurde. Die "Göttliche Komödie" wird heute in einem Atemzug genannt mit den Epen Homers und den Dramen Shakespeares. Dante erlangte mit ihr den Status des italienischen Nationaldichters.

Raffaels strenges Porträt des Dichters geht heute als gängige italienische Zwei-Euro-Münze durch unsere Hände. Doch wie stehen wir gedanklich zu Dante und seinem Werk? Auf den ersten Blick scheint auch da eine gewisse Vertrautheit zu bestehen. Denn Wirkungsgeschichte, historische Erforschung sowie zahlreiche Ansätze modernisierender Lesarten scheinen ihn uns nahezubringen.

Franziska Meier gibt in ihrem Buch, das in diesem Jubiläumsjahr unter dem etwas lapidaren Titel "Besuch in der Hölle" erschienen ist, einen Überblick über 700 Jahre der Rezeption und Anverwandlung der "Komödie". Da ist etwa der politische Dichter der Sehnsucht nach Ordnung und Gerechtigkeit, der angesichts der politischen Wirren seiner Heimatstadt im Exil auch zum Mahner und zum Dichter, ja Propheten politischen Zorns geworden ist. Die Invektiven gegen die politischen Verhältnisse in Florenz, den Verfall des Reiches oder die Verdorbenheit der Kirche sind in ihrer Heftigkeit kaum zu überbieten. Die "Komödie" ist auch politische Dichtung. Sie ist als politische Poesie in die Not und politische Krisenerfahrung des frühen 14. Jahrhunderts gesprochen. In seinen Verurteilungen konnte er so ätzend sein wie in seinen politischen Visionen einer Weltmonarchie kühn.

Mit seinen Versen wurde er aber auch zum Halt für Verfolgte im Zeitalter der Extreme des 20. Jahrhunderts. So wie etwa für Primo Levi, der als Lagerinsasse über die Botschaft menschlicher Lebensweise im Gesang des Odysseus bemerkt, sie gehe alle Menschen in Bedrängnis an. Anders las Arno Schmidt. Er teilte brieflich einem gewissen Herrn Dante Alighieri unter der Adresse Berlin, Reichssicherheitshauptamt mit, die Hölle eigne sich bestens als Handbuch der KZ-Gestaltung.

Auch das "Lasciate ogni speranza voi ch'entrate" (Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren) über dem Höllentor konnte zum geflügelten Wort und Signum der Zeit werden. Der politische Philosoph Eric Voegelin griff das Wort des Höllentors als Motto seines Buches über "Politische Religionen" zur Deutung des Totalitarismus des 20. Jahrhunderts auf.

Ist da eine noch allgemeinere, grundsätzliche existenzielle Vertrautheit?

Und ist da nicht auch eine noch allgemeinere, grundsätzliche existenzielle Vertrautheit? Der Dichter Dante schreibt von Liebe und Zorn, vom Sehnen nach Gerechtigkeit und vom Streben nach Erkenntnis. All das lässt er dem Leser in einprägsamen Individuen und prägnanten Szenen entgegentreten - ob in Erlösten oder in Verdammten. Auch in der Hölle sind Menschen.

Er lässt uns sein die Jenseitsreiche durchwanderndes Ich der "Komödie" inmitten einer tiefen Lebenskrise entgegentreten, aus der ihn zunächst Vergil als Begleiter durch Hölle und Purgatorium rettet, ehe später die früh im Leben des Dichters idealisierte geliebte Beatrice als Führerin durch das Paradies übernehmen wird. "In der Mitte unseres Lebensweges kam ich zu mir in einem dunklen Wald. Der rechte Weg war da verfehlt." Wenn Franziska Meier darauf fragt, ob die enorme Zugkraft dieses Beginns von einer "vielfach auslegbaren anthropologischen Grundsituation" herrühre, möchte man nicht gleich widersprechen und folgt aufmerksam den vielfältigen Assoziationen zur Midlife-Crisis. Doch der tiefen Verzweiflung des verirrten Dante am Anfang der "Commedia" wird das nicht gerecht.

Zu einer gewissen Vertrautheit mag auch die historische Erforschung der Biografie, der geistigen Situation seiner Zeit und der sozialen und politischen Verhältnisse beitragen sowie die literaturwissenschaftliche Forschung zum Werk und dessen Einbettung in die zeitgenössische Formen-, Sprach- und Ideenwelt. Wir können, wenn wir wollen, heute mehr denn je über den Dichter, sein Werk und seine Zeit wissen.

Gebündelt stehen die Ergebnisse der Forschung als Erklärungen dem heutigen Leser Dantes in zahlreichen Ausgaben, Übersetzungen und Kommentierungen zur Verfügung. In deutscher Sprache etwa liegen der Kommentar des Romanisten Hermann Gmelin aus den Jahren 1954 bis 1957 vor sowie aus jüngerer Zeit die Erläuterungen Ferdinand Barths und der Kommentar Hartmut Köhlers. Nicht zu vergessen: die in wunderbar leichtfüßiger wissenschaftlicher Prosa geschriebene "Einladung, Dante zu lesen" des Philosophiehistorikers Kurt Flasch.

Im neunten Kreis der Hölle ist der Graf Ugolino in alle Ewigkeit dazu verdammt, am Schädel des Bischofs Ruggiero von Pisa zu nagen

Im tiefsten neunten Kreis der Hölle, der den Verrätern als Strafort zugedacht ist, treffen wir als Leser beispielsweise auf die fürchterliche Szene, in der Graf Ugolino in alle Ewigkeit dazu verdammt ist, am Schädel des Bischofs Ruggiero von Pisa zu nagen. Den Grund erfahren wir von Ugolino selbst, der sich an den Wanderer wendet und dazu seine Strafarbeit kurz unterbricht. Wir hören, welch schauriges historisches Ereignis in einem Turm der Stadt Pisa den Anlass für diese wohl zugemessene gerechte Bestrafung gegeben hat. Und die Kommentare helfen mit weiteren historischen und theologischen Erklärungen nach.

Und doch staunen wir ob der grob erbarmungslosen Anschaulichkeit, mit der Dantes Straffantasie hier das gerechte göttliche Vergeltungsprinzip des Contrapasso anwendet. Das Prinzip bemisst die höllische Bestrafung in genauer Entsprechung zur jeweiligen Sünde. Man könnte auch sagen: Gerechtigkeit mit einem hämischen Zug. Es schwingt noch heute mit, wenn etwa darüber berichtet wird, dass ein bekannter amerikanischer Radiomoderator, der keine Gelegenheit ausließ, über die Corona-Impfung zu spotten, an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung stirbt. Wie auch immer: Die Sprache der Gewalt und Grausamkeit in der Ugolino-Szene kann erschüttern oder auch einfach nur abstoßen.

Die Jahrhunderte zu überbrücken, dabei hilft auch jene inzwischen lange und verzweigte Tradition, die den Dichter für Phänomene, Ideen und Errungenschaften der Moderne in Anspruch nimmt. So wäre etwa auch mit Dante die Geburt des Intellektuellen, einer charakteristischen Figur der Moderne, zu erzählen, wie es der französische Mediävist Jacques LeGoff vorschlägt, der Dante freilich zum nicht einzuordnenden Genie erklärt. Der emigrierte Mittelalter-Historiker Ernst Kantorowicz wiederum, der einmal bekannte, sein Schmerz sei es, kein Dante zu sein, krönte sein berühmtes Buch über die "Zwei Körper des Königs" mit einem Kapitel zu Dante und der Entdeckung der Würde des Menschen.

Die Einheit der Humanitas, die alle religiösen, ethnischen, politischen Differenzen übergreift, ist es auch, die für den politischen Philosophen Claude Lefort die Modernität Dantes ausmache. Dass solche Einheit für den Laienphilosophen im 14. Jahrhundert in einer spezifischen, auf den mittelalterlichen Aristoteles-Kommentator Ibn Rushd (Averroes) zurückgehenden Lesart des menschlichen möglichen Intellekts begründet liegt, die zudem zur Begründung einer Weltmonarchie herangezogen wird, fällt angesichts des hehren Ziels einer Menschheit, als politisch-bürgerliche Einheit gedacht, schon nicht weiter ins Gewicht.

Im 26. Gesang der "Komödie" kommt es zur viel beachteten Begegnung des Jenseitswanderers Dante mit Odysseus. Auch sie wird zuweilen als Einladung verstanden, Dante modern zu machen. Sein Odysseus scheint wie der Prototyp des modernen Menschen gezeichnet. Treibt diesen denn nicht unstatthafte Neugier über die Säulen des Herkules hinaus, die dem menschlichen Wissendrang als Grenzen gesetzt waren? Ist er nicht das Sinnbild des Plus Ultra und damit jener Hybris neuzeitlicher Neugier, die Dante in ihm hellsichtig vorwegnimmt - und grandios scheitern lässt?

Das Streben nach Erkenntnis und Tugend macht die Würde des Menschen aus, nicht das bloße Weiterleben wollen

Im achten Kreis der Hölle büßt Odysseus für sein betrügerisches Handeln vor Troja. Das ist, von Vergil erklärt, schnell abgemacht. Spannend wird es, wenn der Dichter seinen griechischen Helden nicht nach Hause zurückkehren lässt. Dieser kann vielmehr die verbliebenen Gefährten von einer wagemutigen Weiterfahrt über das Mittelmeer hinaus auf den offenen Ozean überzeugen. Denn das Streben nach Erkenntnis und Tugend mache die Würde des Menschen aus, nicht das bloße Weiterleben wollen. Primo Levi traf es, als er sich dieser Zeilen in Ausschwitz erinnerte, wie ein Posaunenstoß.

In den Worten Odysseus' bringt Dante eine existenzielle Erfahrung zum Ausdruck. Daran ändert nichts, dass nach mehrmonatiger Fahrt gen Süden Odysseus und seine Gefährten schließlich Schiffbruch erleiden. Der liegt in der gefahrvollen Natur des offenen Meeres und erlaubt es, das Ende des Helden zu schildern. Der Untergang bestraft nicht das Erkenntnisstreben. Ebenso wenig wie Dante, vorausblickend auf die Neuzeit, deren unmäßigen Wissendrang infrage stellen wollte. Odysseus erfüllt vielmehr seine menschliche Natur. Um ihn so zu zeichnen, reichte Dante seine Kenntnis des griechischen Philosophen Aristoteles, dessen Metaphysik mit den Worten beginnt, dass alle Menschen von Natur aus nach Wissen streben.

Ist uns also Dante über die Jahrhunderte hinweg ein Vertrauter? Es bleibt da doch ein Unbehagen an solcher Deutung trotz aller Dante-Tagungen, Festivals und künstlerischen Anverwandlungen. Es bleibt die Ahnung eines Abstands. Zu Recht bedenkt Kurt Flasch zunächst einmal Gründe für "Dantes Ferne". Dante lesend auf seine Jenseitsreise zu begleiten, bedeutet Aufenthalt in einem Hochrisikogebiet zu wagen, ohne zu wissen, wie man zurückkommt und wie einem, verwandelt, die Gegenwart danach erscheint.

Jede der drei Teile der "Göttlichen Komödie" endet mit dem italienischen Wort "Stelle", Sterne. Es waren die Sterne eines geordneten, geschlossenen Kosmos, dessen gewaltiger Stufenbau durch Dantes kosmologische Dichtung erhellt und durchmessen wurde. Und während heute erste Sonden den Mars erreichen, die Himmelsphäre, die der Dichter den Kämpfern für den Glauben zugedacht hat, ist uns Dante heute fern wie die Sterne eines offenen Universums. Ganz unauffällig, so wie sich Vergil vom Wanderer Dante in der Komödie entfernte, ist er uns entrückt. Eben noch wollte der Wanderer Vergil ansprechen. "Aber Vergil hatte uns verlassen." Am 700. Todestag gilt das Gedenken einem verborgenen Dante, einem Dante absconditus.

© SZ/crab
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