Neue Klassik-CDs:Sing dein Lied

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Der Pianist Daniil Trifonov wird auch bei den Salzburger Festspielen auftreten. Aber jetzt schon ist seinen neueste CD erschienen, da begleitete er den Sänger Matthias Goerne in Robert Schumanns "Dichterliebe". (Foto: Kissinger Sommer)

Für viele Musiker ist der Gesang die eigentliche Musik. Das hört man aktuellen Klassik-Neuaufnahmen an.

Von Helmut Mauró

Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte war klar: Die menschliche Stimme ist der Kern aller Musik, das Singen die Grundlage für alles, was in den vergangenen tausend Jahren allmählich zur reinen Instrumentalmusik mutierte. Die allerdings konnte auch in ihrer lobgepriesenen Form der absoluten Musik den Gesang nie ganz verdrängen, sondern hat ihn gleichsam in das Orchester integriert. Wie sehr dies schon Joseph Haydn, dem Erfinder der klassischen Symphonie, am Herzen lag, zeigen neue Aufnahmen aus der Schweiz.

Der Bariton Matthias Goerne, einer der profiliertesten der letzten Jahrzehnte, hat das schon einmal mit einer umfangreichen Serie von Schubert-Liedern erfolgreich praktiziert: jedes Album mit einem anderen Pianisten erarbeiten. Er setzt dies nun fort mit ganz unterschiedlichen Liedern, diesmal mit Kompositionen von Alban Berg, Robert Schumann, Hugo Wolf, Dmitri Schostakowitsch und Johannes Brahms. Das geht, gerade in der letzten Zeit, nicht immer gut, die Stimme macht nicht mehr alles mit. Aber sie ist noch immer sehr ausdrucksstark und tönt gewaltig in der Tiefe. Was dem Zyklus von Schumanns "Dichterliebe" mitunter ganz neue Facetten abfordert. Vielleicht liegt es aber auch an der Genauigkeit und Ernsthaftigkeit des Pianisten Daniil Trifonov, der natürlich nicht als verhuschter Begleiter auftritt, sondern als einfühlsamer Partner auf der Suche nach dem wahren Kern der Musik. Auf dem Weg dorthin wandelt er durch Licht- und Schattenwelten und findet einen ganz eigenen romantischen Ton. Einen unsentimentalen, klaren, ehrlichen (Deutsche Grammophon).

Es ist das Zeitalter der Aufklärung, aber so freudlos, wie spätere Strömungen vermuten ließen, war die Zeit nicht. Zudem war sie noch immer durchdrungen und überstrahlt von barockem Glanz, der sich gerade in der Musik noch eine Weile halten sollte. Sogar die einst zentrale liturgische Gattung der Motette pflegte man am französischen Hof. Der Komponist Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville, den hierzulande kaum jemand kennt, hat dazu Mitte des 18. Jahrhunderts ein paar prächtige Beispiele geliefert. Choeur & Orchestre Marguerite Louise haben unter Leitung von Gaétan Jarry drei besonders opulente Exemplare neu eingespielt. Und viel Spaß dabei gehabt. Zum Beispiel beim "Mare vidit, et fugit", das sich nicht per Handstreich von Moses teilt, sondern in Wellenbewegungen zurückzieht, musikalisch mit einem sich federnd entfernenden Echo (Chateau de Versailles).

Ebenso prächtig erklingt das Magnificat und diverse Psalmvertonungen von Alessandro Grandi aus dem frühen 17. Jahrhundert. Grandi, als Handwerkersohn in Venedig geboren, musizierte ab 1617 an der Markuskirche und wurde Stellvertreter des über die Stadt und die Zeit hinaus berühmten Claudio Monteverdi, mit dessen Kirchenmusik die vorliegenden Stücke teilweise durchaus konkurrieren können. Die mit Werken von Grandi erfahrenen Musiker der Accademia d'Arcadia und des UtFaSol-Ensembles und die Sänger der Accademia d'Arcadia spüren dem aufregenden Klang dieser Zeit nach (Arcana).

Joseph Haydns "Lamentatione" ist eine sehr intime Musik, sie heißt so, weil im Adagio die Oboe so leidend klingt

Joseph Haydn gehört zu den bekanntesten unbekannten Komponisten. Seine mehr als 100 Symphonien werden kaum aufgeführt, und wenn, dann sind es meist die mit den lustigen Namen: die Paukenschlag-Symphonie, die Militärsymphonie, "Der Bär", "Die Henne", "Die Uhr". Vielleicht noch "La Passione". Aber es gibt eine frühe Symphonie, die - dem britischen Dirigenten Christopher Hogwood und seiner spektakulären klanglichen Wiederentdeckung von Haydns Symphonik in den 1970er-Jahren sei Dank - mit den anderen mindestens gleichziehen müsste. Allerdings ist sie ungefähr das Gegenteil dessen, was die berühmteren an Opulenz und Showeffekt versprechen. Besonders das Adagio, das im Wesentlichen aus einem cantus firmus im Bass besteht, also einer feststehenden Melodie, und Umspielungen der hohen Geigen. Es ist eine sehr intime Musik, und weil im Adagio die Oboe so leidend klingt, hat sie irgendjemand mal der vorösterlichen Zeit zugeordnet und "Lamentatione" genannt. Es ist aber gar keine Leidensmusik, sondern eine ganz nach innen gerichtete Rede, ein Selbstgespräch, das in einem fiktiven, solchermaßen geschützten Raum große seelische Kraft entfaltet.

Giovanni Antonini hat mit dem Kammerorchester Basel eine neue Aufnahme davon vorgelegt im Zusammenhang einer noch zu vollendenden Gesamtaufnahme der Haydn-Symphonien. Die beiden überzeugendsten, berührendsten Aufnahmen stammten bislang von Christopher Hogwood mit einem nicht genannten Orchester auf Youtube (in der CD-Box mit seinen Aufnahmen der wichtigsten Haydn-Symphonien ist sie nicht enthalten) und vom Orchestra of The Age of Enlightenment unter Leitung von Frans Brüggen. Hogwood dehnt den Satz, mit Wiederholungen, auf herrliche neuneinhalb Minuten, kostet jede Nuance aus, verhilft jeder Verzierung zu tragender Würde, bringt immer lange Vorschläge, wo andere sie als kurze Akzentuierungen nehmen. Wunderbar. Könnte noch viel länger so gehen. Es ist eine der klangsinnlichsten Symphonien Haydns, wenn man sie denn auch so versteht und die Oboe im Adagio wirklich ausschwingen und aussingen lässt.

Das ist nicht in allen Aufnahmen der Fall. Adam Fischer hat es mit seinem zudem höher gestimmten Austro-Hungarian Haydn-Orchester stellenweise etwas zu eilig, er setzt insgesamt eher auf einen warmen Streicherklang. Antal Dorati und die Philharmonia Hungarica scheinen eher eine Symphonie von Brahms im Kopf zu haben, ebenfalls mit dominanten Streichern. Und Antonini? Scheint zunächst alle diese Sicht- und Hörweisen unter einen Hut bringen zu wollen. Bis er sich schließlich doch auf einen eigenen Klang besinnt, der sich in einer ganz speziellen Balance aus hohen Streichern und Oboe entwickelt. Allerdings geht auch er grundsätzlich von einem locker-fröhlichen Grundgefühl aus, der Kammerton ist auch hoch angesetzt. Dennoch, nicht nur diese Symphonie, sondern das ganze Aufnahmeprojekt ist nicht nur wegen seines Anspruchs einer Gesamtaufnahme das Bedeutendste zur symphonischen Musik Joseph Haydns. Pünktlich zum 300. Geburtstag 2032 soll es abgeschlossen sein (Alpha).

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