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Daniel Kehlmann: Lob:Enfant flexible

Wie ein naseweiser Gymnasiast, der sich ins leere Lehrerzimmer schleicht und Zensuren verteilt: Daniel Kehlmann bespricht in seinem Buch "Lob" vor allem Autoren, die kein Lob mehr brauchen - zum Beispiel sich selbst.

Christopher Schmidt

"Lob - Über Literatur" heißt der gerade erschienene Band, der, neben seiner Göttinger Poetik-Vorlesung, Dankes-, Fest- und Lobreden, auch Gelegenheitskritiken versammelt, die Daniel Kehlmann unter anderem in dieser Zeitung veröffentlicht hat.

Daniel Kehlmann, 2009

Daniel Kehlmann gefällt sich mit seinem neuen Buch "Lob" in der Hoffart, seine Waffen nur aufblitzen zu lassen, als lohnte es sich nicht, sie zu benutzen.

"Lob" ist die Fortsetzung des Sammelbandes "Wo ist Carlos Montúfar? Über Bücher". Damals vor fünf Jahren ging es um Voltaire, Stendhal, Hamsun, Tolkien, Céline und Helmut Krausser. Das neue Buch handelt über Truman Capote, Kleist, Stephen King und Roberto Bolaño - eine wilde Mischung, könnte man meinen. Und sich freuen: Endlich einmal nur Gutes aus den Schreibstuben der professionellen Verdrossenheit, endlich Freudenfeuer und flammende Bekenntnisse! Doch so ungeteilt, wie der Titel verspricht, ist das Lob dann gar nicht.

Ein Gnadenakt

Zum Panegyriker taugt Kehlmann nur bei solchen, die seines Lobes gar nicht mehr bedürfen, weil sie ohnehin Klassiker sind. Je weiter es in der Literaturgeschichte zurückgeht, desto feierlicher schreitet auch Kehlmann. Bei Shakespeare und Kleist schließlich ist der Marmor so glatt poliert, dass seine Huldigungen daherkommen wie in Museumspantoffeln. Allzu oft rutscht die Rede in den abendländischen Plural, das Wirgefühl des literarischen Weltgeistes gibt den Ton an.

Schon in der klassischen Moderne ist dagegen Tadel nicht mehr tabu. Samuel Becketts Roman "Murphy" dünkt Kehlmann "stilistisch überambitioniert, ja beinahe prätentiös", und das "Tagebuch eines schlimmen Jahres" lässt er dem Literaturnobelpreisträger J.M. Coetzee gerade noch mal durchgehen. Kehlmann genießt es, den Daumen lange unentschieden in der Luft zucken zu lassen und immer wieder in die mit den großen Geistern der Vergangenheit besetzte Arena hineinzuhorchen, bevor er einem Todgeweihten das Leben schenkt. Jedes Geltenlassen ein Gnadenakt.

Im Falle von Thomas Bernhard hat Kehlmann den vermeintlichen Apokalyptiker als "kühlen Lobbyisten" und Strippenzieher entlarvt, der die Literatur für schnöde Eigeninteressen missbrauchte. Im letzten Moment aber streckt er dann aber doch noch die Hand aus, in die er den vom Sockel Gestürzten weich plumpsen lässt und attestiert ihm "Kunst". Uff, gerade noch mal gut gegangen.

Bloß keinen postmodernen Schabernack

Daniel Kehlmann gefällt sich in der Hoffart, seine Waffen nur aufblitzen zu lassen, als lohnte es sich nicht, sie zu benutzen. Es liegt wohl auch an seinem gedrechselten, oft salbungsvollen Stil ("daß das Schreiben zu den wichtigsten Unterfangen gehört, denen sich ein Mensch in seinem kurzen Leben hingeben kann, daß in dieser gefallenen Welt kaum etwas so viel Hingabe verdient, wie die Literatur"), dass Kehlmann einem mitunter vorkommt wie ein naseweiser Gymnasiast, der sich ins leere Lehrerzimmer schleicht und Zensuren verteilt, nach dem Prinzip: Und du bist auch überschätzt! Setzen!

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie Kehlmann alles kritisiert, was sich fortschrittlich wähnt.

Je berühmer einer ist

Kehlmann geriert sich gerne als Präzeptor, seine Urteile kommen stets aus dem tief gestaffelten Raum der Geistesgeschichte. Als Enzyklopäde und EinMann-Kindlerlexikon, ja als zweiter Borges beugt er sich über jeden Fall. "Ein bisschen langweilig war es, und, mein Gott, all die Namen, aber er hat sich immerhin Mühe gegeben!" würden seine Zuhörer wohl auf dem Heimweg sagen -so nimmt Daniel Kehlmann etwaiges Gähnen bei seiner Laudatio auf Max Goldt vorweg und hält sein Versprechen, indem er eine Rede hält, die trotz aller Gelahrtheit und trotz der Großsatiriker, die Kehlmann in den Zeugenstand ruft, um Goldt zu kanonisieren, das Charakteristische des Kleist-Preisträgers nicht erfasst.

In seiner umstrittenen Salzburger Rede "Die Lichtprobe" war mangelnde Anschaulichkeit ein Trick, um Ross und Reiter nicht nennen zu müssen. So ging seine Polemik ins Leere. Vom "Bündnis zwischen Kitsch und Avantgarde" spricht er, vom Regietheater als der "letzten verbliebenen Schrumpfform linker Weltanschauung" und einem Klima der progressiven Repression.

Die Romane wissen mehr als ihr Autor

Auch in der Literatur streitet er wider "das Phänomen der kalkulierbaren Provokation, der erwartbaren Avantgarde" und verbittet sich postmodernen Schabernack. Schon recht, möchte man meinen, lockte er nicht selbst seine Leser vorzugsweise in die Spiegelkabinette der Referenzen.

Und dass ihm an Stephen King ausgerechnet gefällt, dass dessen Romane mehr wissen als ihr Autor, ist poststrukturalistische Literaturtheorie in nuce.

Als Kehlmann in Göttingen über seinen Bestseller "Die Vermessung der Welt" sprach, lieferte er selbst eine Apologie des Regietheaters. Denn die Freiheiten, die er sich nahm, als er historische Persönlichkeiten literarisierte, verteidigte er so: "Wessen Name so lange überlebt hat, daß seine Leistungen mit solcher Klarheit hervortreten, der ist offenbar all den Erwägungen enthoben, daß man ihn schützen müsste vor der schwärzenden Kraft der Einbildung." Und: "Je berühmter einer ist, desto geringer die Gefahr, daß eine Erfindung bildbestimmend ist". Dieses Argument könnten freilich auch die Klassikerschänder des Theaters ins Feld führen.

Daniel Kehlmanns Seitenhiebe gegen alles, was sich fortschrittlich wähnt, zeigen, dass er sich seines eigenes Literaturbegriffs, des "magischen" oder auch "gebrochenen Realismus" nicht so sicher ist, wie er tut. Vorderhand kostet er das etwas wohlfeile Spiel aus, hohlen Tiefsinn und hypertrophen "Interpretenkitsch" mit angelsächsischem Understatement zu unterlaufen.

Es hagelt Backpfeifen

Beckett, der Autor der transzendentalen Obdachlosigkeit? Papperlapp! Vielmehr der Chronist von Schwäche, Alter und Verfall. Thomas Mann, halb Apollo, halb Dionysos? Unfug! Der Widerstreit zwischen dem Buchhalter in sich und dem Bohemien war sein wahres Problem. Und - hier wird's kurios: Günter Grass, ein engagierter Didakt? Weit gefehlt! Unser großer Magier ist das, der deutsche Márquez.

Es hagelt Backpfeifen, aber die Besserwissereien dieses junkerhaften Kenners, der manchmal aufjault wie ein kastrierter Hauslehrer, wirkt kompensatorisch, als traute Kehlmann seiner stillen Hoffnung nicht recht, das radikalste literarische Experiment könnte jenes sein, das gar keines ist. Einstweilen hat sein Konservatismus etwas Kokettes.

"Perfekt" und "tastend", das sind die beiden häufigsten Vokabeln in Kehlmanns Texten zur Literatur. Das eine steht für das Ziel, das andere für den Weg dorthin. Grundfalsch sind sie beide. Denn bei Kehlmann lauert in der Perfektion auch die Gefahr der Sterilität, dass Literatur eine Art Steckschach mit anderen Mitteln wird. Und im Tasten verrät sich die Suche nach Halt bei den Vorbildern, die diese Sterilität noch befördern, indem man ihre Partien nachspielt.

In seiner Poetik-Vorlesung interviewt Daniel Kehlmann sich selbst und stellt all die Fragen, die ihm Journalisten nie stellen, nämlich die richtigen. Und am Schluss entblödet er sich nicht, sich bei sich selbst artig für die vielen klugen Fragen zu bedanken. Ist das noch Eitelkeit oder schon Solipsismus? Oder am Ende gar postmodern?

DANIEL KEHLMANN: Lob. Über Literatur. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2010. 192 Seiten, 18,95 Euro.

© SZ vom 31.07.2010/rus
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