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Festival "Dance" in München:Revolution der Mikroben

Lucinda Childs: Works in Silence

Das Ensemble Dance On in "Works in Silence", neu einstudierten Kurzstücken von Lucinda Child.

(Foto: Jubal Battisti)

Choreografien von Jan Martens und Lucinda Childs bei der Münchner Biennale "Dance".

Von Sabine Leucht

Körper rollen zur Seite, Knie lösen sich vom Boden, und nachdem eben noch alle stockgerade auf ihren Bäuchen und Gesichtern gelegen haben, fängt die wandernde Kamera fast Gemütlichkeit ein. Doch prompt schnellt der Blick in die Vogelperspektive, und einen Moment lang sieht man ein Bild, das den Titel von Jan Martens' neuer Arbeit erschreckend genau illustriert: "Any attempt will end in crushed bodies and broken bones." Mit diesem Zitat des chinesischen Staatschefs Xi Jinping ist die im Übrigen eher Mut machende Auseinandersetzung mit dem Körper im Widerstand überschrieben, die vor wenigen Tagen das 17. Münchner Festival "Dance" eröffnet hat. Bedauerlich nur, dass die Uraufführung aus den bekannten Gründen live aus dem Concertgebouw in Brügge gesendet wurde. Allerdings fangen fünf Kameras das choreografische Mix and Match gut ein, das der 1984 geborene Belgier Martens aus der Perspektive eines so menschenfreundlichen wie form- und strukturbewussten Zuschauers angerichtet hat.

An dem Abend, den Martens mit dem Berliner Ü-40-Ensemble Dance On realisiert hat, steht ein atypisches Corps de Ballet auf der Bühne. Die 17 Tänzer sind 16 bis 69 Jahre alt und bringen die diversesten Tanzsprachen, -techniken und Trainingsstände mit. Anders als bei Martens' verstörendem Duo "Victor" von 2013, das die Anziehungskräfte zwischen einem 14-Jährigen und einem erwachsenen Mann auslotete, sind die körperlichen Unterschiede hier aber kein Thema. Man sieht sie, aber die Spannungen verlaufen anderswo: Zwischen wütenden Texten aus Kae Tempests Protestsongs oder den Post-Brexit-Romanen von Ali Smith und szenisch etablierter Solidarität, zwischen ruhigen und manisch-exzessiven Passagen, Individuum und Gruppe.

Während der erste Teil auf die tänzerische Vielsprachigkeit fokussiert, peitscht zum furiosen Finale Henryk Góreckis sich unaufhörlich widerholendes Konzert für Cembalo und Streichorchester die Tänzer vor sich her. Der Beat schlägt Zäsuren in den Bewegungsfluss, lässt alle zucken oder boxen; Ticks brechen sich Bahn, wimmelnde Hände, verirrt wirkende Gesten. Revolutionen verlangen penetrantes Insistieren, müssen aber auch jeden Einzelnen mitnehmen: Das ruft Martens' den gespaltenen Gesellschaften dieser Tage zu. Und dafür, zu zeigen, wie wichtig diese Einzelnen sind, nimmt er sich im Zentrum seines Stücks 25 Minuten lang Zeit: Das gleichmäßige Geräusch von Schritten ersetzt das Dröhnen der Musik. Tanz wird zur mathematischen, Protest zur architektonischen Frage in diesem Geh-Stück im Stück, in dem die Tänzer auf den Boden gemalten Linien folgen, Gruppenzugehörigkeiten diffundieren und ein einziger Richtungswechsler oder Innehaltender zum Pionier eines Umschwungs werden kann.

Es lohnt sich, diese demokratische Geh-Szene ins Licht der in den Siebzigern entstandenen Kurzstücke der Postmodern-Dance-Ikone Lucinda Childs zu halten, die vermeintlich einfache Bewegungen wie Sitzen, Stehen und Gehen unendlich neu variierten. Fünf von ihnen hat der langjährige Childs-Tänzer und -Assistent Ty Boomershine mit Zweier- bis Fünfergruppen seines Ensembles Dance On neu einstudiert und als "Works in Silence" schon im Dezember zur Premiere gebracht.

Darin wirken die vertrackten Gänge und Bewegungsmuster, die Childs anders als Martens nicht auf dem Boden, sondern in hochkomplizierten Scores notierte, gar nicht formalistisch, sondern berückend leicht und vor allem in der Kreisminiatur "Radial Courses" auch humorvoll. Weil die Kamera meist Abstand hält, fächern sich die Szenen vor einem auf, als ob man in das einer heimlichen Ordnung folgende Chaos wuselnder Mikroben und Teilchen blickte, auf dem Ohr nur die vom gelegentlichen Quietschen der Turnschuhe begleitete rhythmisch-meditative Schrittmusik und den Kopf frei für Assoziationen. Diese Freiheit ist das zeitlos Schöne an reiner Bewegung. Schon allein dafür lohnt es sich, die Arbeit von Tanzpionieren wie Childs auch nach Jahrzehnten immer wieder hervorzuholen.

© SZ/jhl
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