bedeckt München 20°
vgwortpixel

Biographisches Debüt:"Das Leben war schwer, und man dachte, es würde immer so weitergehen."

Isaac Bashevis Singer ist ein offensichtlicher Einfluss für diese Prosa, Dana von Suffrin nennt aber auch die Sweatshop-Poeten, eine Gruppe osteuropäischer, jüdischer Emigranten, die Ende des 19. Jahrhunderts in New York so verarmt ankamen, dass sie 16 Stunden pro Tag in Sweatshops schufteten, und trotzdem abends noch auf Jiddisch ihre Texte schrieben.

Dichter wie Morris Winchevsky, Morris Rosenfeld, David Edelstadt, alles Proletarier, einige Kommunisten, die in New York avantgardistische Gruppen wie "Di Yunge" ("Die Jungen") formten und sich der "reinen Poesie" verschrieben.

In die Bereiche, aus denen die deutsche Literatur ihre Talente scoutet, hatte Dana von Suffrin keinerlei Kontakte, weshalb sie sich bei einem Seminar in Köln anmeldete, bei dem angehende Debütanten einander ihre Manuskripte vorstellen. Die sechs Seminarteilnehmer waren so etwas wie ihre Probeöffentlichkeit und von der habe sie die erfreuliche Rückmeldung bekommen, dass das, was sie da veranstalte, entschieden zu weit gehe, dass über den Holocaust so lustig nicht zu schreiben sei und ihr Buch außerdem keinen Plot und keine Entwicklung habe.

Das ist natürlich erst einmal wahr. Der Aufbau des Roman orientiert sich weniger an der Dramenlehre, als an der Erinnerung selbst. Dinge versinken, werden woanders wieder angespült, die Gedanken springen, man stelle sich einfach Saul Bellows "Herzog" vor. Und wahr ist auch, dass sich die Autorin, als sie den Roman schrieb, immer wieder gefragt hat, ob dieser Humor einem deutschen Publikum zuzumuten sei.

Literatur Ein großer Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
Literatur

Ein großer Roman des zwanzigsten Jahrhunderts

Kein anderes Buch hat die vernichtete Welt des jüdischen Bürgertums in Berlin literarisch gerettet wie Gabriele Tergits "Effingers". Endlich erscheint dieses Meisterinnenwerk erneut.   Von Jens Bisky

An den Wohnwagen zum Beispiel, in den Otto seine Töchter so gern gezwängt hat, weil er Wohnwagen-Urlaub so liebte ("Es war mir so fein!"), erinnert sich die Erzählerin so: "Als uns in der siebten Klasse ein Bild des kurz nach der Befreiung von Buchenwald von seiner Pritsche aus fragend in die Kamera blickenden Elie Wiesel gezeigt wurde, war meine erste Assoziation: meine Familie im Wohnwagen." Oder die Szene, in der Otto im Krankenhaus liegt und der deutsche Arzt seinen Arm nach einer Vene absucht und Otto daraufhin ruft: "Nein, ich habe so eine Nummer nicht! Wir sind davongekommen!"

Der französische Philosoph Henri Bergson ist in seinem Essay "Das Lachen" der Frage auf den Grund gegangen, wann eine Erzählung lustig ist. Seine Antwort: Das Publikum lacht, wenn sich das Mechanische mit dem Organischen verbindet. Wenn uns also das Leben, das uns unberechenbar erscheint, als eine Kette von unveränderlichen Mustern gegenübertritt. Für die Geschichte der europäischen Juden ist dieses unveränderliche Muster der ständige Wechsel von Alltag und Vernichtung, von Zivilisation und Barbarei. Die Wiederholung gehört zu den Prinzipien des Lustigen, schreibt Bergson, und eine Geschichte der Wiederholungen ist eben auch die Geschichte der Juden in Europa: "Das Leben war schwer", heißt es an einer Stelle, "und man dachte, es würde immer so weitergehen: Manche werden geboren, sagte mein Vater, manche werden krank, manche haben Erfolg, manche nicht, manche heiraten, und manchmal bringen einen die Christen um, so lief das Leben."

Obwohl die Geschichten, die sich die europäischen Juden über sich selbst erzählen, regelmäßig in Pogromen, Vertreibungen und Genozid münden, geraten sie, sobald sie erzählt werden, zwangsläufig lustig, gerade weil es immer wieder passiert, als handele es sich um ein physikalisches Grundgesetz. Dieses Prinzip unterlegt auch Dana von Suffrins Roman, es bildet den morbiden Takt ihrer Familiengeschichte: "Dann kamen die Jahre nach 1941, in denen Gott nahm und die Juden wie Gänseblümchen von der Erdoberfläche pflückte. Fast alle unsere Verwandten kamen um, denn sie blieben in Ungarn zurück. (Die Grenze zwischen Rumänien und Ungarn war im Norden, heute gibt es dort kein Rumänien mehr, sondern Ukraine und Ruthenien und Weißderteufelwas, sagte mein Vater, Länder, von denen wir Schwestern nur dank des Eurovision Song Contest eine Vorstellung hatten: Die Völker der einstigen Judenschlächter waren jetzt mit Eurodance beschäftigt.)"

Um die öde Debütantenturnübung "Provokation" geht es diesem Roman zum Glück trotzdem nicht, seine Stärken liegen eher in der intelligenten Indiskretion und der diskreten Intelligenz. Auch das übrigens Werte, die einem an der Grenze niemand abnehmen kann.

Lesen Sie jetzt mit SZ Plus:
Literatur So sehen Sieger aus

Literatur

So sehen Sieger aus

Der New Yorker Gary Shteyngart ist einer der wichtigsten Autoren unserer Zeit, und womöglich auch der komischste. Über einen Neurotiker und Uhrensammler.   Von Christian Zaschke