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Damon Albarn mit neuem Album:Heute ein König

Damon Albarn, der Miterfinder des "Cool Britannica"-Sounds und sowieso Gründer von ,,Blur'', ist gewissermaßen ein Fossil auf der guten Seite der Macht. Als solches hat er gerade, sagen wir mal, das Album des Jahres eingespielt.

Tobias Kniebe

Die Geschichte des Pop ist voll bewegter Schicksale und seltsamer Wendungen. Nichts darin ist gültig formuliert, nichts geht je zu Ende, und selbst ein definitiv abgeschlossenes Schlachtenepos wie die ,,Battle Of Britpop'' lässt sich mühelos noch um ein aktuelles, überraschendes Nachwort erweitern.

In diesen Tagen und Wochen wird es formuliert, die ersten Entwürfe geistern bereits durch die britische Presse, und es kann nicht mehr lange dauern, bis sich die neue Lesart zum Konsens verdichtet. Sie lautet, zusammengefasst: Oasis mögen drei Sommer lang die Könige gewesen sein und Jarvis Cocker der schlaueste Mann des Universums - aber der eigentliche Sieger der Geschichte heißt... Damon Albarn.

Er ganz allein hat überlebt, er ganz allein ist nicht in Starrsinn und Nostalgie versunken, er und nur er darf heute in einem Atemzug mit David Bowie und Syd Barrett genannt werden, während die Gallagher-Brüder beispielsweise... nun ja, reden wir nicht weiter von den Gallagher-Brüdern.

Wer die Neunziger Jahre tanzend, mitgrölend und wenigstens radiohörend erlebt hat, darf und soll an dieser Stelle ungläubig den Kopf schütteln. Damon Albarn, der Sänger und Songschreiber von Blur, war das nicht immer der unsympathische Besserwisser, der Ehrzgeizling mit dem Stock im Arsch, der vieles anfing und dann doch nichts durchgezogen hat, der scheinbar alles konnte aber dann doch nichts richtig?

Im Zuge weitschweifiger musikalischer Sinnsuche, so geht die Legende, stolperte er eines Tages über das neue Selbstbewusstsein von ,,Cool Britannica'', skizzierte mit tollen Melodien den neuen englischen Gassenhauer und mit cleveren Texten den neuen englischen Lad-Humor und gab mächtig damit an - nur um dann, als es wirklich zur Sache ging, von größeren Gassenhauern überrollt, cooleren Typen übertrumpft, lustigeren Spaßmachern gedemütigt und geradezu an den ,,Wonderwall'' gestellt zu werden. Albarn war, mit anderen Worten, der klassische Losertyp, der auf dem Höhepunkt seiner Niederlage von wildfremden Menschen auf der Straße angegriffen wurde. Einfach so. Immer druff.

Was aber, in Gottes Namen, ist nun passiert? Wie kann man diese neue Wendung der Ereignisse erklären? Schwierig. Rein äußerlich hat Albarn eine neue Band gegründet, die formal nicht einmal einen Namen hat. Mit dieser Band hat er zwölf Songs eingespielt und unter dem Titel ,,The Good, The Bad & The Queen'' (Parlophone / EMI) auf einer Platte vereint, die diese Woche erscheint und nach der auch das ganze Projekt benannt ist. Es gibt viele schöne, sogar sehr schöne Melodien darauf, die sich an der Grenze zum Ohrwurm bewegen, den Sprung dann aber doch nicht wagen, also: Richtige Gassenhauer sind das schon mal nicht.

Dann gibt es sehr metaphorische, in der Grundstimmung traurige, möglicherweise auch clevere Texte, die aber die Schwelle zur Allgemeinverständlichkeit auch nie recht überschreiten, es geht um London, damals und heute, um den Krieg im Irak, vielleicht aber doch nicht so richtig. Es gibt jedenfalls keine klaren Botschaften. Anders ausgedrückt: Alles ist ungefähr so, wie es bei Damon Albarn schon immer war. Und genau das ist ja das Rätsel.

Denn nach dem zweiten, dritten, vierten Hören ertappt man sich dabei, dass man diese Songs viel länger zu kennen glaubt als man sie kennt, und schon viel lieber mag, als man sie eigentlich mögen dürfte. Und dass dieser Typ einem so nahekommt wie in den ganzen Britpop-Jahren und auch danach nicht, und dass die neuen Damon-Albarn-Hymnen in der britischen Presse möglicherweise völlig berechtigt sind.

Nur warum? Vielleicht hat es ja doch an dem ganzen Aufwand um seine Band zu tun. Es ist nämlich, schreckliches Wort aus den Siebzigerjahren, tatsächlich so etwas wie eine ,,Supergroup''. Am Bass: Paul Simonon, in Herrgottsnamen, der legendäre Gitarrenzertrümmerer auf dem legendären ,,London Calling''-Cover von The Clash. Ja richtig, er hatte sich zwischenzeitlich ganz der Malerei verschrieben, aber jetzt ist er halt wieder da. An den Drums: Der Nigerianer Tony Allen, der ,,wichtigste Musiker der letzten fünfzig Jahre'' (Brian Eno), der Taktgeber einer ganzen Musikbewegung, die nicht umsonst Afrobeat heißt und nicht Afrosound oder Afrohook. Man wähnte ihn zuletzt beim Jammen in Lagos, aber jetzt ist er halt einfach hier. An der Gitarre schließlich Simon Tong, nicht ganz dieselbe Liga aber doch immerhin schon bei The Verve dabei.

Wohl wahr, der Donnerhall solcher Namen klingt natürlich mit, wenn es jetzt um den neuen Albarn geht. Dass diese Legenden, wie der Guardian schrieb, ,,sich Damons Willen gebeugt haben'' - das ist schon mal die erste Zacke an seiner neuen Krone als Siegertyp. Die zweite und noch größere ist, dass er den Einfluss dieser Mitmusiker in keinster Weise zur Schau stellt. Ein paar der neuen Songs sind in ihrer frühesten Form tatsächlich in Afrika entstanden, als Albarn und Tong auf einem Weltmusiktrip im Studio von Tony Allen vorbeigeschaut haben. Das hört man aber nicht. Alles klingt grundsätzlich britisch, alles klingt zuallererst nach Albarn - und man muss die Ohren schon wirklich spitzen, um hier einen synkopierten Beat zu erhaschen und dort stählern vibrierenden Soundeffekt, der die Gedanken in afrikanische oder karibische Gefilde schweifen lässt. Simonons Einfluss ist noch schwerer zu beschreiben, aber schon bei The Clash war er es ja, der die Ohren der britischen Punks auch für sonnendurchflutete Reggae- und Dub-Klänge geöffnet hat.

Am Ende kann man sagen, dass das alles sich zu einer magischen Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit, aus Trauer und Fröhlichkeit verdichtet, dass mal die frühen Pink Floyd und mal die späten Beatles aufscheinen - und dass dieselbe Qualität, die Damon Albarn im Tagesgeschäft der Neunziger Jahre einst zum Loser gemacht hat, ihn nun, nach all den Jahren, zum glorreich Überlebenden werden lässt: Er hat sich tatsächlich niemals festlegen lassen, er hat das allzu Offensichtliche halt doch immer gemieden, und sobald ein Ding so richtig groß und simpel und dumpf wurde, war er einfach schon einen Schritt weiter. Es war ein Leichtes, ihm das als Schwäche oder Unvermögen auszulegen. Als Watschenmann des Britpop bot er sich an. Noch seine Chartserfolge als Mastermind der Cartoon-Band Gorillaz ließen sich als Flucht interpretieren, vor dem Alter, vor dem Haarausfall, vor den Fans und vor der Bühne - und der feindselige Abgang seines Blur-Kollegen Graham Coxon als Zeichen kreativer Isolation.

,,The Good, The Bad & The Queen'' ist eine definitive Antwort darauf - die gerade deshalb ein so lautes Echo findet, weil sie so leise und so unangestrengt daherkommt.

© SZ v. 25.02.2007
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