Damals und heute Weltstar dank Elvis

Der 70 Jahre alte Shakin' Stevens kommt in die Tonhalle

Von Michael Zirnstein

Er war jung und brauchte das Geld. Ja, wirklich, Shakin' Stevens hungerte im Jahr 1977, und so ließ er seine Band The Sunsets in Wales schmoren, während er in London für ein Elvis-Musical am Westend vorsang. Sie warteten länger als gedacht, denn die Show im Astoria Theatre lief statt der geplanten sechs Monate zwei Jahre. Offenbar erfüllte sie wenige Monate nach dem Tod des King of Rock'n'Roll ein Bedürfnis, und offenbar spielte der 29 Jahre junge Shaky seine Hauptrolle als mittlerer der drei Elvisse im Musical prächtig. Der Rockabilly-Wegbereiter Carl Perkins, der ebenso mal im Publikum saß wie der junge David Bowie, soll ihm bescheinigt haben, er habe Presley eine ganz neue Seite abgewonnen.

Freunde hatten Michael Barratt alias Shakin' Stevens gewarnt, durch die Elvis-Imitation würde er ewig auf diese Rolle festgelegt sein. Einerseits sollten sie Recht behalten, schließlich sang der Waliser im Anschluss an das Musical in den in 32 Ländern ausgestrahlten Fernseh-Show-Reihen "Oh Boy" und "Let's Rock" wieder die Musik der Fünfziger und Sechziger. Andererseits brachte es dem damals Anfang-30-Jährigen überhaupt erstmals landesweite, ja sogar weltweite Aufmerksamkeit und einen guten Plattenvertrag mit CBS ein. Nicht, dass er vorher untätig gewesen wäre als Musiker: Von seinem ersten Auftritt als Sänger in einem Puppen-Schultheater an formte er, der als Polsterer, Milchmann und auf dem Bau Geld verdiente, schon in den Sechzigerjahren Bands wie die Olympics, The Cossacks, die Denims (nach dem Werbeaufdruck auf ihrem Band-Minibus) und The Sunsets um sich, die bis nach Deutschland tourten, 1969 im Vorprogramm der Rolling Stones auftraten und vom New Musical Express zur Live-Band des Jahres gekürt wurden. Die spätere Radio-Legende John Peel kam in seine Pub-Shows und nahm als Produzent und Chef des Labels Dandelion ein Album mit ihm auf, das nie herauskam.

Zum Weltstar, so wie man ihn heute in Erinnerung hat, wurde "Shaky" aber erst nach Elvis: Bisweilen noch mit Tolle und verpopptem Rock'n'Roll landete er als erfolgreichster Solo-Sänger der Achtziger vier Mal auf Platz eins der britischen Single-Charts. In Deutschland bekam er zwei Mal den Bravo-Otto in Gold. Man kann über seinen selbstverfassten und -gejodelten Hit "Oh Julie" die Nase rümpfen, und er selbst empfindet seine Rolle damals ja als überaus "naiv" - aber in Zeiten von kühlem Wave und zornigem Post-Punk mit Rockabilly abzuräumen, hat auch etwas Subversives. "Mary Mary", das ihm den Weg in Europa ebnete, hatte er sich von der Underground-Band The Blasters aus dem Black Flag-Umfeld geborgt, "This Ole House" von Stuart Hamblen aus dem Jahr 1954 war die düstere Geschichte eines ermordeten Goldsuchers, und hinter der "Green Door", einem Song von Nick Low, befand sich einst das Gateway, der erste Club für Lesben in London, was nicht mal Shaky ahnte, seine Millionen Teenager-Fans aber noch weniger.

Die Geschichten, die er heute mit fast 71 singt, sind ihm bekannt. Inzwischen. In seiner Kindheit mit zehn Geschwistern in Cardiff habe man nie über die Ahnen geredet, sagt er. Aber nach einem Herzinfarkt bei der Gartenarbeit wollte er "endlich wissen, wer er ist". Er vergrub sich in die Familienchronik. Er fand "Secrets And Lies" über die Arbeit des Großvaters in den arsenverseuchten Kupferminen Cornwalls, über die Oma in der Heilsarmee, über Onkel Leonard, der im Ersten Weltkrieg krepierte - elf Tage vor der Geburt seines Sohnes. So dunkel wie dies und die Sorgen über die Welt ("Last Man Alive") ist auch der Sound des Albums "Echoes of Our Times": bluesig, rootsrockig, erdig, mit Saxofon, Harmonika und Slidegitarre - so weit weg vom Musical-Elvis wie nie zuvor. Wobei er sagt: "Blues, Cajun, Americana - für mich ist immer alles Rock'n'Roll."

Shakin' Stevens, Montag, 18. Februar, 20 Uhr, Tonhalle, Atelierstraße 24