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Damals und heute:Düsseldorfer Postpunk

Ask Helmut - Tipps für den 29. Juni 2017

Die Band Fehlfarben

(Foto: AskHelmut.com)

Vor 37 Jahren sorgten "Fehlfarben" mit ihrem Album "Monarchie und Alltag" für Aufsehen. Jetzt kommen sie in die Kammerspiele

"Das beste Buch des Jahres ist eine Schallplatte: ,Monarchie und Alltag' von Fehlfarben", behauptete Ende der Achtzigerjahre der Titel einer alternativen Vorlesung während des Studenten-Streiks an der LMU. Die Musikzeitschrift Rolling Stone listete das 1980 beim Major-Label EMI erschienene Album sogar auf Platz 61 in einer Liste der 500 besten Alben aller Zeiten. Damit gilt es dort als bestes Album eines deutschen Künstlers überhaupt. Trotzdem hat es mehr als 20 Jahre gebraucht, bis die Verkaufszahlen dem Fehlfarben-Album eine Goldene Schallplatte bescherten.

Sänger Peter Hein, der die Band berufsbedingt kurz nach der Veröffentlichung verlassen hatte, war später wieder zurückgekehrt und singt in den Konzerten seit dem auch den größten Hit der Band: "Ein Jahr (es geht voran)". Dabei wurde dieses Lied gegen den Willen der Band nur aufs Debüt-Album genommen, weil dieses der Plattenfirma sonst zu kurz erschien. Auch die Single-Auskopplung ein Jahr später geschah ohne Zustimmung der Band, die sich wiederholt gegen das Stück aussprach. Zu sehr sei es von einer Hausbesetzerszene missverstanden worden, die es zu ihrer Hymne erhob. Und Vergleiche mit den Ton Steine Scherben lehnen die Düsseldorfer deshalb bis heute ab. Würde man aber nur die Qualität ihrer Texte analysieren, wie es in der eingangs erwähnten Vorlesung geschah, und würde man dann die zeitgemäße Rock-musikalische Umsetzung der Texte betrachten, darf man den Erstling von Fehlfarben sehr wohl mit einem Scherben-Klassiker vergleichen.

Zumal auch das Plattencover samt Albumtitel eine deutliche Kampfansage ist: "Zehn Millionen Fernseh-Zuschauer können sich nicht irren" behauptet darauf ein Werbeplakat für einen Fernseher, auf dem ein älteres Paar in die Röhre guckt. Einsam hängt es an der kahlen Wand eines Mehrfamilienhauses, dessen Konturen auf dem Cover-Rücken mit dem entsprechend gesetzten Textblock nachgezeichnet sind. Trister wurde die Monotonie des Alltags selten gezeigt, der nun dem Titel nach eine Monarchie gegenüber gestellt wird. Die bunte Glitzerwelt nämlich, die aus Werbeplakaten ebenso in den Alltag wirkt wie aus einem auf dem Plakat beworbenen Fernsehapparat.

"Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen", fasst eine Textzeile die Vermengung einer medialen mit der tatsächlichen Wirklichkeit zusammen. Dann wieder entgegnet der Sänger, dass ein Grauschleier über der Stadt hängt, den seine Mutter noch nicht weg gewaschen hat. Und wie im richtigen Leben lauert am Ende der Platte der Tod: "Paul ist tot. Kein Freispiel drin." Was bleibt, ist ein Aufbegehren: "Was ich haben will, das krieg ich nicht. Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht". Als Fehlfarben 1980 diese Songs im Vorprogramm der englischen Punkband 999 spielen wollten, drehte diese den Düsseldorfern den Saft ab. Und auf den Wiener Festwochen stoppte André Heller persönlich den Auftritt.

Fehlfarben; Freitag, 30. Juni, 20 Uhr, Kammerspiele (Kammer 1), Maximilianstraße 26-28

© SZ vom 30.06.2017
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