Damals und heute Dem Punk sei Dank

Nigel Kennedy gehört seit mehr als 25 Jahren zu den schillerndsten Figuren in der klassischen Musikszene

Von Rita Argauer

Das Bild von Nigel Kennedy, das so viele Menschen im CD-Schrank stehen haben, ist eigentlich ganz gediegen. Damals, Ende der Achtzigerjahre, sah Nigel Kennedy noch ganz brav aus. Von dem leichten Undercut-Haarschnitt einmal abgesehen, den er auf dem Cover-Foto seiner legendären Einspielung von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" aus dem Jahr 1989 trägt. Der etwas abgerissene Geigen-Punk (quasi im Crossover-Genre das Gegenstück zum geschniegelten Violin-Rebellen David Garrett), wurde optisch erst später aus ihm.

Nun, 25 Jahre nachdem er mit dieser Vivaldi-Einspielung weltberühmt wurde, trägt er einen leicht ergrauten Irokesen-Schnitt. Dazu gibt es mal es eine Lederjacke, eine schwarze Hose mit Palästinenser-Tuch als Gürtel oder ein Fußball-Trikot. Immer etwas abgerissen, getreu dem Provokationsgebot eines jeden Punks. Aber richtig provozieren tut das schon lange niemanden mehr - wer zu Nigel Kennedy ins Konzert geht, weiß, was ihn erwartet. Außer die bayerische Polizei. Die veranstaltete, frei nach der Annahme, Punk bedeutet Drogen, vor einigen Jahren in Bad Wörishofen eine Razzia in seinem Hotelzimmer.

Nach seinem Erfolg Ende der Achtzigerjahre brach Nigel Kennedy auch optisch die Tabus der Klassikszene: 1991 mit Strubbelfrisur und Ziegenbart.

(Foto: Imago stock&people)

Seitdem lässt Kennedy selbst keine Gelegenheit mehr aus, ein wenig in Richtung Exekutive zu pöbeln: Sei es bei einem Konzert in der Philharmonie, als er auf kopierten Din-A-4-Zetteln, die er im Zuschauertraum auslegte, die ganze Geschichte aus seiner Perspektive erzählte. Oder wenn man ihn fragt, warum er so gerne ohne Dirigent auftritt und das Orchester selbst leitet: "Ich hasse Dirigenten fast noch mehr als die bayerische Polizei", heißt die lautstarke Antwort darauf. Zwei Eigenschaften gebe es für ihn, die einen Musiker dazu brächten, Dirigent zu werden: Das Streben nach Macht und nach Geld. Beides liebt der alte Anarcho-Punk natürlich von Haus aus nicht. Trotzdem ist Kennedy ein Mega-Star der Klassik, immerhin hält er seit 25 Jahren den Rekord, das bisher bestverkaufte Klassik-Album eingespielt zu haben. Besagte "Vier Jahreszeiten", mit denen er nun auf Jubiläums-Tournee ist. Ganz klassisch diesmal, begleitet von der Russischen Kammerphilharmonie Sankt Petersburg, obwohl er im vergangen Herbst eine Crossover-Neuauflage dieser Musik herausgebracht hat.

"Es geht darum, diese Musik in die Gegenwart zu bringen", sagt Kennedy. Für ihn selbst ist diese Tournee deshalb genauso wenig eine Rückschau, wie eine Wiederbegegnung: "Mich hat diese Musik nie verlassen, ich spiele sie seit über 25 Jahren, ich bin quasi mit ihr verheiratet." Verändert habe sich seine Interpretation, obwohl er den Vergleich zu seinem jüngeren Selbst nicht kennt: "Es ist mir egal, was damals war. Ich höre meine eigenen Aufnahmen nicht an, deshalb weiß ich nicht, wie das damals klang. Was ich weiß, ist, dass ich jetzt mit Sicherheit ein besserer Künstler bin."

Aktuell zeigt er sich als Fußballfan.

(Foto: N. Hudak)

Kennedy interessiert anderes als seine eigene Vergangenheit oder das Alter der Musik, die er spielt: "Der Konzertsaal ist kein Museum", sagt er. Als Beweis für die Gegenwärtigkeit von Vivaldi reicht ihm hingegen ein Blick in die Fußballstadien und die Fans dort, die die Melodien des Frühlings singen. Denn: "Es gibt nicht viel klassische Musik, deren Melodien einfach nachzusingen sind." Hinzu kommen vier eigene Kompositionen, die er als "Dedications" in das Jubiläums-Programm integriert hat. Damit zückt er dann den Hut vor den Musikern, die ihn als jungen Geigenschüler auf den Weg neben der reinen Klassik-Interpretation gebracht haben. Kennedy hat sie großen Vorbildern - wie etwa dem französischen Jazz-Violinisten Stéphane Grappelli - gewidmet.

Nigel Kennedy, Dienstag, 1. März, 20 Uhr, Herkulessaal, Residenzstraße 1