Architektur in München:Hör jetzt bloß nicht auf!

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Architektur in München: Dem von Andreas Meck geplanten Kirchenzentrum in Poing bei München wurde der bedeutsame Architekturpreis "Große Nike" verliehen.

Dem von Andreas Meck geplanten Kirchenzentrum in Poing bei München wurde der bedeutsame Architekturpreis "Große Nike" verliehen.

(Foto: Christina Falkenberg/imago/Westend61)

Lange war München architektonisch in der Regionalliga. Doch plötzlich sammeln Projekte an der Isar Architekturpreise ein wie Weltmeister. Was ist da los?

Von Gerhard Matzig

Unter Umständen kann sich auch ein Underdog in einen Rausch hineinspielen. In diesem Fall ist das München. Auf dem Spielfeld von Architektur und Stadtbaukunst befand sich die Stadt zuletzt etwa dort, wo sich auch der FC Bayern München einmal befand: in der Regionalliga. Das war in den Jahren 1963/64. In jener Zeit aber geschahen - wir sind immer noch beim Fußball und in den frühen Sechzigerjahren - einige Wunder.

Der FCB war seinerzeit so mittellos, dass man fast nur junge, unbekannte und preiswerte Talente spielen lassen konnte. Eines hieß Sepp Maier. Zwei weitere Nobodys kamen hinzu: Franz Beckenbauer war der eine. Über einen gewissen Gerd Müller sagte der damalige Trainer Zlatko Čajkovski: "Was soll isch mit dieses Junge, diese Figur, unmöglich." Der Rest ist Geschichte. Wenn man heute irgendwo auf der Welt erzählt, man sei Bayern-Fan, dann wendet sich normalerweise alles gelangweilt ab. Weil die halt eh immer gewinnen. Nennt sich Bayern-Gen.

Architektur in München: Dem Neubau eines genossenschaftlichen Wohnhauses "San Riemo" wurde gerade der DAM-Preis 2022 für Architektur des Deutschen Architekturmuseums verliehen.

Dem Neubau eines genossenschaftlichen Wohnhauses "San Riemo" wurde gerade der DAM-Preis 2022 für Architektur des Deutschen Architekturmuseums verliehen.

(Foto: Felix Hörhager/dpa)

Umso interessanter war es bis jetzt in der Architektur. Wenn man beispielsweise aus jener offenkundig mittellosen, zudem fantasiearm zu Tode verwalteten Dornröschenschlafstadt kommt, ja doch, München, das baukulturell eigentlich nicht in der gleichen Liga spielt wie Greuther Fürth und Arminia Bielefeld. Aus München, genau, wo Hochhäuser per Bürgerentscheid verboten sind, weil sie den Kirchturmspitzen und Alpengipfeln Konkurrenz machen. Wo man Fußgängerzonen siebzig Jahre nach ihrer deutschen Erfindung in Kassel für eine Innovation in der Sendlinger Straße hält. Wo man an einem S-Bahn-Tunnel herumplant, den ein Maulwurf im Sitzstreik schneller gegraben hätte. Wo man das Fahrradfahren für eine exotische Merkwürdigkeit und Autos, die auf Bürgersteigen parken, für ein Menschenrecht hält. Nennt sich München-Gen. Ist aber ein Vorort-Gen.

München: Wo grüne Stadträte Wohnraum-Experimente wie die Werkbundsiedlung mitten in der Stadt verhindern, aus ökologischen Gründen, während überall an den Rändern solarbedeckelte, wie mit der Laubsäge gebastelt wirkende, dicklich gedämmte Einfamilienhäuser aus dem Fundus des Baumarktes gebaut werden - die alles andere als ökologisch sind. Wo der CSU-Stadtrat eine Verschwörung der Münchner Architektenschaft enthüllt, die möglicherweise zu einer mafiösen Spielart der Freimaurer führen könnte. Was die Münchner Architektinnen und Architekten einmal monatlich im Donisl wirklich tun, dazu ein anderes Mal Erschütterndes mehr.

Vom Englischen Garten und der Maximilianstraße lebt München noch heute. Als Stadt der Zwerge auf den Schultern von Riesen

Jedenfalls sind die wenigsten Münchner Architektinnen und Architekten an den wie Sondermülldepots entstandenen, antiurbanen, kleinmütigen, schuhschachtelhaft hässlichen, identitätslosen Banal-Siedlungen rund um die Stadt München beteiligt, für die sich die Provinz in Baugrund und Boden schämen würde. München ist über Jahre hin zu einer oft bis sehr oft architekturfreien Zone geworden, in der die Altstadtfreunde seufzend das Erbe der Residenz-Zeit polieren und sich die letzten Architekturambitionen der Wirtschaft verdanken: Bayern-München-Arena und BMW-Welt. Vom Städtebau schweigt man am besten.

Die letzte öffentlich gesteuerte Großtat ist eine aus dem Jahr 1972: Damals hatte München den gesamtgesellschaftlichen Mumm, Olympische Spiele auszutragen und einen ganzen Stadtraum samt Infrastruktur zu realisieren, der bis heute seinesgleichen in der Bauwelt sucht. Davor hatte man alles, was Baukunst sein könnte und räumliche Identitätsstiftung verheißt, den regierenden Visionären überlassen. Das Wort Partizipation, an dem gerade die Ideen zum Paketposthallenareal zerschellen, war noch nicht erfunden. Vom Englischen Garten und der Maximilianstraße lebt München noch heute. Als Stadt der Zwerge auf den Schultern von Riesen.

Architektur in München: Auch das "Werk 12", entworfen von MVRDV und Nuyken/von Oefele, erhielt schon im vergangenen Jahr den Architekturpreis des Deutschen Architekturmuseums.

Auch das "Werk 12", entworfen von MVRDV und Nuyken/von Oefele, erhielt schon im vergangenen Jahr den Architekturpreis des Deutschen Architekturmuseums.

(Foto: Catherina Hess)

Aber jetzt, inmitten solcher Düsternis und depressiver Verstimmung, sind sie plötzlich da, die besonders wunderlichen Umstände, von denen eingangs die Rede war. München hat einen bemerkenswerten Lauf. Wenn das so weitergeht, wird man sich auf der Leopoldstraße noch delirierend im Autocorso wiederfinden, haltlos herumhupend und vor Wonne jauchzend, weil München endlich mal aufsteigt in höhere Sphären. Dafür spricht zum Beispiel das Projekt "San Riemo". Dem von der Arbeitsgemeinschaft Summacumfemmer und Juliane Greb realisierten Wohnhaus in der Münchner Messestadt Riem wurde (SZ vom 29. Januar) der DAM-Preis 2022 zuerkannt. Das genossenschaftlich organisierte und von den genialischen Grundrissideen her auf die offene Wohnzukunft einer sich immer schneller verändernden Gesellschaft zielende Wohnhaus darf jetzt als "Bauwerk des Jahres" in Deutschland gelten.

Schon im vergangenen Jahr ist der renommierte Architekturpreis, den das Deutsche Architekturmuseum auslobt, nach München gegangen. Damals wurde ein Gebäude im Werksviertel hinter dem Ostbahnhof ausgezeichnet: "Werk 12", entworfen von MVRDV und Nuyken/von Oefele. Nimmt man jetzt noch den bedeutsamen Architekturpreis "Große Nike" vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten hinzu, der zuletzt an ein von Andreas Meck geplantes Kirchenzentrum in Poing im Münchner Osten vergeben wurde, dann hat man den Hattrick eigentlich schon erlebt. Der Häuser-des-Jahres-Award, der vom Callwey-Verlag verliehen wird und vor einiger Zeit an ein Haus in Olching bei München ging, ist quasi ein Übersteiger für die Galerie. Und dass die "Nike für Neuerung", die im gleichen Jahr wie die Große Nike verliehen wurde, 2019, an Florian Naglers in jeder Hinsicht herausragende Parkplatzüberbauung in München ging, bekannt geworden als "Stelzenhaus": geschenkt.

Man muss inzwischen etwas genauer hinschauen, um zu begreifen, was eine zukunftsfähige Architektur ausmacht

München, muss man sagen, sammelt seit einiger Zeit Architektur-Titel ein, als hätte es nie etwas anderes getan. Was, siehe oben, dann doch nicht ganz der Fall ist. Trotzdem wird man demnächst sehr gern im Donisl sitzen, um dort zu erfahren, dass der nächste Pritzkerpreis als Nobelpreis der Architektur endlich nach München geht. Mal sehen. Im Übrigen ist es auch ein bisschen zeichenhaft, dass München stärker wird, während andere die Punkte liegen lassen. Berlin (Flughafen, Humboldt-Forum und die James-Simon-Galerie, die aussieht, als habe man sie aus Zündhölzern erbaut) will man beinahe täglich tröstend in die Arme nehmen. In Hamburg verhüllt die Elbphilharmonie im Licht der allgemeinen Bewunderung geschickt all das, was im Schatten dieses Bauwerks an Backsteinfuror und Highend-Dürftigkeit entstanden ist. Und ist Köln mittlerweile eigentlich mehr als ein eingestürztes Stadtarchiv?

Außerdem sind die jüngsten Preise auch geeignet, missverständlich zu sein. San Riemo ist erst mal so wenig fotogen wie das Wellblechhaus in Olching. Und ist ein Haus, Werk 12, auf dem in großen Comicbuchstaben "Wow" zu lesen ist, auch wirklich eben dies: wow? Dass aber eine Kirche in Poing die Elbphilharmonie (Herzog & de Meuron) in Hamburg aus dem Rennen wirft und ein Genossenschaftsprojekt in der Messestadt München den von Rem Koolhaas entworfenen Axel-Springer-Neubau in Berlin, das sind auch Zeichen für eine überfällige Neuorientierung in der Architektur.

Die Epoche der Schaufensterbauten und Signature Buildings neigt sich dem Ende zu, was auch für das Phänomen der Star-Architektur insgesamt gelten dürfte. Das heißt: Man muss inzwischen etwas genauer hinschauen, um zu begreifen, was eine zukunftsfähige Architektur ausmacht. Und man muss Städten, die man zuletzt eher auf den hinteren Rängen verortet hat, auch mal anerkennend zurufen: Hör jetzt bloß nicht auf! Dass München leuchtet, war ja immer schon erstens ein Missverständnis. Und zweitens, nachzulesen in Thomas Manns Novelle "Gladius Dei" eine ironisierte Fiktion in der Vergangenheitsform. Aber es könnte leuchten.

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