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"Dallas Buyers Club" im Kino:Das Leben in der Randgruppe

Matthew McConaughey ist für seinen Auftritt als Ron Woodroof für einen Oscar nominiert, verdientermaßen. Obwohl er sich in den vergangenen Jahren mit einer Reihe von Rollen - in William Friedkins "Killer Joe" oder Steven Soderberghs "Magic Mike", oder als Homosexueller in den Sechzigern, in "The Paperboy" - schon sehr erfolgreich von seiner Karriere als Teenieschwarm verabschiedet hat, nimmt Hollywood seinen Wandel zum Charakterdarsteller gerade erst zur Kenntnis. Aus den üblichen Gründen: Weil er Mut zur Hässlichkeit beweist, weil er einen spielt, der nichts mit ihm selbst zu tun hat, und - ganz wichtig - weil er sich für die Rolle fast bis zum Skelett heruntergehungert hat.

McConaughey macht darüber hinaus aber tatsächlich etwas, was man ihm vor ein paar Jahren, als er noch den Beau in mittelmäßigen Romantic Comedies spielte, nicht unbedingt zugetraut hätte: Er verwandelt sich vor unseren Augen, nicht nur physisch, sondern als Mensch, ganz langsam, mit jeder Szene ein wenig mehr.

Im Film ist es Rayon, der sanftmütige, rosa gewandete Paradiesvogel, der Ron hilft, ganz am Anfang seiner Krankheit. Er steht stellvertretend für viele neue Freundschaften, die der echte Ron bei seinem Kreuzzug gegen die Pharmabehörden geknüpft, und für viele Vorurteile, die er dabei verloren hat. Rayon erweicht den Rodeo-Macho mit einer unirritierbaren Herzlichkeit, der Ron sich dann irgendwann nicht mehr verschließen kann. So was kann man nur mit einiger dramaturgischer Freiheit erzählen.

Kritik an den Figuren

Es ist Jean-Marc Vallée, bei aller Begeisterung für die Schauspielleistungen, nicht nur Zustimmung entgegengeschlagen, als der Film in den USA anlief. Es gab einige Kritik daran, wie "Dallas Buyers Club" mit seinen Figuren umgeht: Dass es ein Film über einen Hetero ist, der fast im Alleingang für Abhilfe sorgt; dass andere Organisationen - die es natürlich gab, und die meist von Schwulen gegründet wurden - gar nicht vorkommen; dass die homosexuellen Charaktere hier nur eine Randerscheinung sind.

Man kann das nicht ganz von der Hand weisen - der Film handelt ja nun mal tatsächlich von der Initiative eines Heterosexuellen. Doch schwulenfeindlich ist das nicht - der wichtigste, emotionalste Teil dieser Erzählung ist die Beziehung, die zwischen Ron und Rayon entsteht. Fast alle Szenen in diesem Film, die Kraft entwickeln, die bewegend sind, spielen sich zwischen den beiden ab.

Leichtfertiger Umgang mit Fakten

Dass Vallée ansonsten recht leichtfertig mit den Fakten umgeht - das könnte man ihm dann schon vorwerfen. Zum einen erscheint hier AZT als mörderisches Teufelszeug, was so nicht ganz stimmt. Zum anderen schüttet er in seiner Begeisterung für die Selbstmedikations-Clubs das Kind mit dem Bade aus. Seine Beamten auf der Suche nach illegalen Substanzen sind allesamt nahezu diabolisch - in Wirklichkeit ist behördliche Regulierung bei der Abgabe und Zulassung von Arzneimitteln ja eine sinnvolle Erfindung, und kein unverschämter staatlicher Übergriff auf die Persönlichkeitsrechte.

An den Rahmenbedingungen, von denen Vallée erzählt, ändert das nichts. In dieser Geschichte vom homophoben Hetero, der sich plötzlich in einer sogenannten Randgruppe wiederfindet, steckt eine tiefere Weisheit: Bei einer Gesellschaft, die bereit ist, einen Teil ihrer Mitglieder ihrem Schicksal zu überlassen, kann man nie wissen, wen sie als Nächstes aussortiert.

Dallas Buyers Club, USA 2013 - Regie: Jean-Marc Vallée. Drehbuch: Craig Borten, Melissa Wallack. Kamera: Yves Bélanger. Mit: Matthew McConaughey, Jennifer Garner, Jared Leto, Steve Zahn. Ascot Elite/Paramount, 117 Minuten. In deutschen Kinos ab dem 6. Februar 2014.

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