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"Dallas Buyers Club" im Kino:Im Stich gelassen

Filmtipp "Dallas Buyers Club"

Die Schauspieler Jared Leto (l.) als Rayon und Matthew McConaughey als Ron Woodroof in "Dallas Buyers Club".

(Foto: Ascot Elite/dpa)

Vom Rodeo-Macho zum Lebensretter: Oscar-Mitfavorit Matthew McConaughey spielt in Jean-Marc Vallées Film "Dallas Buyers Club" einen homophoben Aidskranken, der sich seine Behandlung selbst organisieren muss und dabei zu einem anderen Menschen wird.

Von Susan Vahabzadeh

Der Typ ist von gestern, so ein richtiger Siebzigerjahre-Cowboy. Am Anfang von "Dallas Buyers Club" sieht man Ron Woodroof, wie er ein paar Rodeo-Schönheiten vernascht, ein dürrer Kerl in zu engen Jeans, der sich irgendwie toll vorkommt - kein sympathischer Typ. Er sieht schlecht aus, alt, ausgemergelt, schwächlich. Ron glaubt, dass das an seinem Lebenswandel liegt: Er arbeitet als Elektriker, der Rest ist Party, in seinem Trailer, beim Rodeo, in der nächsten Bar, er raucht wie ein Schlot und trinkt, als gäbe es kein Morgen. Bis er zusammenklappt. Und im Krankenhaus sagen sie ihm, dass es wirklich kein Morgen gibt.

Jean-Marc Vallées Film spielt zu der Zeit, als die neu entdeckte Krankheit Aids zur Seuche wurde - und viele noch glaubten, infizieren könnten sich allenfalls Schwule. Genau das glaubt auch der militant heterosexuelle Woodroof (gespielt von Matthew McConaughey) - bis er nicht länger verleugnen kann, dass es ihn erwischt hat. Er habe nicht mehr viel Zeit, sagen ihm die Ärzte, Heilung gebe es nicht, und er hustet schon Blut. Seine Kumpels sind genauso homophob wie er selbst, und was das bedeutet, bekommt er bald zu spüren. Ein Cowboy-Freund, dem er sich offenbart, erzählt es allen anderen. Woodroof fliegt aus dem Trailerpark, wo er lebt, und keiner will mehr etwas mit ihm zu tun haben - nicht mal mehr schlagen wollen sie sich mit ihm. Das ist ihnen zu gefährlich.

Kampfansage

Ron ist nun auf sich gestellt - es hilft ihm auch kein Arzt, nicht mal die eine Ärztin (Jennifer Garner), die wollen würde. Das einzige Medikament, das man in dem texanischen Krankenhaus hat, in dem Ron behandelt wird, ist der Wirkstoff AZT - aber es ist 1985, AZT ist noch in der Erprobungsphase, eine Studie wird gemacht. Ron könnte sich bewerben, müsste warten und wüsste dann immer noch nicht, ob er nicht doch nur ein Placebo bekommt. Also sagt er dem sicheren Tod den Kampf an.

Erst beschafft er sich AZT illegal -aber die Dosierung ist viel zu hoch. Er landet halb tot in einem Behelfsspital jenseits der Grenze, auf mexikanischem Boden - dort geht es ihm besser. Ein Arzt behandelt ihn, der in den USA nicht mehr praktizieren darf. Dessen Medikamente helfen wirklich - aber sie sind in den USA nicht zugelassen. Also beginnt Ron, Unmengen davon zum vermeintlichen Eigengebrauch über die Grenze zu schaffen, verkauft sie weiter, an die aidskranken Schwulen, die er nicht mag. Er tut sich mit einer Krankenhausbekanntschaft zusammen, Rayon (Jared Leto), um Kontakte zu bekommen. Um nicht als Dealer belangt zu werden, knüpfen beide die Medikamentenabgabe bald an eine neuerfundene Clubmitgliedschaft - so entsteht der "Dallas Buyers Club".

Zeitgeschichte und Anklage gegen das System

Als "Dallas Buyers Club" im Herbst in Toronto lief, war der Filme eine Überraschung - eine selten gute Mischung aus Zeitgeschichte und Anklage gegen das System. Vor allem aber eine Charakterstudie, ein Psychodrama. Es hat Ron Woodroof tatsächlich gegeben, und seinen Club, der die Versorgung von Aidskranken mit Medikamenten übernahm, während die Behörden blockierten. Sowohl die Figur als auch die Umstände sind allerdings dramatisch überspitzt, nur die Eckdaten stimmen. Wahr ist, dass sich die Patienten und Medikamentenhändler mit den Behörden ein Katz-und-Maus-Spiel lieferten, und tatsächlich hat dieser Ron Woodroof da mitgemischt, und ist selbst, in den letzten Jahren seines Lebens, ein anderer geworden. Einer, der gar nicht mehr nur sein eigenes Leben retten wollte.

Das Leben in der Randgruppe

Matthew McConaughey ist für seinen Auftritt als Ron Woodroof für einen Oscar nominiert, verdientermaßen. Obwohl er sich in den vergangenen Jahren mit einer Reihe von Rollen - in William Friedkins "Killer Joe" oder Steven Soderberghs "Magic Mike", oder als Homosexueller in den Sechzigern, in "The Paperboy" - schon sehr erfolgreich von seiner Karriere als Teenieschwarm verabschiedet hat, nimmt Hollywood seinen Wandel zum Charakterdarsteller gerade erst zur Kenntnis. Aus den üblichen Gründen: Weil er Mut zur Hässlichkeit beweist, weil er einen spielt, der nichts mit ihm selbst zu tun hat, und - ganz wichtig - weil er sich für die Rolle fast bis zum Skelett heruntergehungert hat.

McConaughey macht darüber hinaus aber tatsächlich etwas, was man ihm vor ein paar Jahren, als er noch den Beau in mittelmäßigen Romantic Comedies spielte, nicht unbedingt zugetraut hätte: Er verwandelt sich vor unseren Augen, nicht nur physisch, sondern als Mensch, ganz langsam, mit jeder Szene ein wenig mehr.

Im Film ist es Rayon, der sanftmütige, rosa gewandete Paradiesvogel, der Ron hilft, ganz am Anfang seiner Krankheit. Er steht stellvertretend für viele neue Freundschaften, die der echte Ron bei seinem Kreuzzug gegen die Pharmabehörden geknüpft, und für viele Vorurteile, die er dabei verloren hat. Rayon erweicht den Rodeo-Macho mit einer unirritierbaren Herzlichkeit, der Ron sich dann irgendwann nicht mehr verschließen kann. So was kann man nur mit einiger dramaturgischer Freiheit erzählen.

Kritik an den Figuren

Es ist Jean-Marc Vallée, bei aller Begeisterung für die Schauspielleistungen, nicht nur Zustimmung entgegengeschlagen, als der Film in den USA anlief. Es gab einige Kritik daran, wie "Dallas Buyers Club" mit seinen Figuren umgeht: Dass es ein Film über einen Hetero ist, der fast im Alleingang für Abhilfe sorgt; dass andere Organisationen - die es natürlich gab, und die meist von Schwulen gegründet wurden - gar nicht vorkommen; dass die homosexuellen Charaktere hier nur eine Randerscheinung sind.

Man kann das nicht ganz von der Hand weisen - der Film handelt ja nun mal tatsächlich von der Initiative eines Heterosexuellen. Doch schwulenfeindlich ist das nicht - der wichtigste, emotionalste Teil dieser Erzählung ist die Beziehung, die zwischen Ron und Rayon entsteht. Fast alle Szenen in diesem Film, die Kraft entwickeln, die bewegend sind, spielen sich zwischen den beiden ab.

Leichtfertiger Umgang mit Fakten

Dass Vallée ansonsten recht leichtfertig mit den Fakten umgeht - das könnte man ihm dann schon vorwerfen. Zum einen erscheint hier AZT als mörderisches Teufelszeug, was so nicht ganz stimmt. Zum anderen schüttet er in seiner Begeisterung für die Selbstmedikations-Clubs das Kind mit dem Bade aus. Seine Beamten auf der Suche nach illegalen Substanzen sind allesamt nahezu diabolisch - in Wirklichkeit ist behördliche Regulierung bei der Abgabe und Zulassung von Arzneimitteln ja eine sinnvolle Erfindung, und kein unverschämter staatlicher Übergriff auf die Persönlichkeitsrechte.

An den Rahmenbedingungen, von denen Vallée erzählt, ändert das nichts. In dieser Geschichte vom homophoben Hetero, der sich plötzlich in einer sogenannten Randgruppe wiederfindet, steckt eine tiefere Weisheit: Bei einer Gesellschaft, die bereit ist, einen Teil ihrer Mitglieder ihrem Schicksal zu überlassen, kann man nie wissen, wen sie als Nächstes aussortiert.

Dallas Buyers Club, USA 2013 - Regie: Jean-Marc Vallée. Drehbuch: Craig Borten, Melissa Wallack. Kamera: Yves Bélanger. Mit: Matthew McConaughey, Jennifer Garner, Jared Leto, Steve Zahn. Ascot Elite/Paramount, 117 Minuten. In deutschen Kinos ab dem 6. Februar 2014.

© SZ vom 05.02.2014/mfh

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