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"DAF"-Gründer Gabi Delgado ist tot:Der Räuber und der Prinz

Konzert von DAF CTM Festival Festsall Kreuzberg Berlin DAF Schlagzeug Elektronik Robert Görl Ges

„Verschwende Deine Jugend!“ – Gabi Delgado während eines Auftritts in Berlin.

(Foto: Roland Owsnitzki/imago)

Mit DAF revolutionierte Gabi Delgado nicht nur die deutsche Popmusik.

Von Max Dax

In den frühen Achtzigerjahren schossen neue deutschsprachige Bands wie Pilze aus dem Boden. Unter ihnen: das Düsseldorfer Duo Deutsch Amerikanische Freundschaft (DAF) um Robert Görl (Elektronik) und Gabriel "Gabi" Delgado-López (Texte, Gesang und Schlagzeug). Beide hatten sich 1979 im Ratinger Hof, dem Treffpunkt der lokalen Punks sowie der Maler der Kunstakademie kennengelernt.

Der "Hof" wurde betrieben von Carmen Knoebel, deren Mann Imi die ehemalige Altbierkneipe in der Düsseldorfer Altstadt über Nacht in einen neonbeleuchteten White Cube umgewandelt hatte. Zwei Welten prallten dabei im kalten Licht der Nächte dort aufeinander: Die Suche nach neuen Wegen in der Kunst und die Abenteuerlust, in deutscher Sprache zu singen.

Indem Görl und Delgado nicht einen Gedanken daran verschwendeten, sich an angloamerikanischen Vorbildern aus der Beatmusik oder dem Blues zu orientieren, betraten sie neues Terrain. DAF vermengten - anfangs noch als Quintett - auf ihren ersten beiden Alben "Produkt der Deutsch Amerikanischen Freundschaft" (1979) und "Die Kleinen und die Bösen" (1980) Ideen der Musique concrète mit Marschmusikrhythmen, verzerrten Gitarren und stakkatohaften Synthesizersequenzen zu einer neuen, noch sperrigen Musik.

Geschrumpft zum Duo, verfeinerten Görl und Delgado die Musik von DAF von anfangs noch fragmentarischen Improvisationen hin zu einer neuen Idee von Pop, wie sie die Welt bis dahin noch nicht gehört hatte.

In vielen ihrer Songs verzichteten sie ganz auf herkömmliche Strukturen. DAF gelten deshalb als frühe Paten der erst ein Jahrzehnt später beginnenden Techno-Revolution.

Mit "Alles ist gut", "Gold und Liebe" (beide 1981) und "Für immer" (1982) veröffentlichten DAF in sehr kurzer Zeit eine Trilogie von epocheprägenden Alben. Zu internationalen Stars wurden sie nicht zuletzt, weil sie ihre neue Tanzmusik mit der Ästhetik der Schwulen- und der Sadomaso-Szene kreuzten.

"Als ich mit acht Jahren nach Deutschland kam, konnte ich kein einziges Wort."

Delgado, geboren am 18. April 1958 in Córdoba in Spanien, schrieb die Texte: "Als ich mit acht Jahren nach Deutschland kam, konnte ich kein einziges Wort. Schon durch diese Distanz hatte ich einen anderen Blick auf die Sprache. Und als es dann darum ging, in Deutsch für DAF zu texten, benutzte ich ausnahmslos Wörter, die für mich sexy, lautmalerisch und vor allem deutsch klangen. Es ging gar nicht so sehr darum, was diese Worte genau bedeuten. Mir war schnell klar: ,Mussolini', ,Lippe aufgebissen' oder ,Ficken' - das waren Worte, bei denen keiner neutral bleibt."

Eine klare Untertreibung. Delgados pointierter Gebrauch der deutschen Sprache verblüfft bis heute.

Seine Texte wirkten in ihrer Verdichtung auf stets das Mindestmögliche wie ein Amalgam aus konkreter Poesie und militärischen Appellen. Zu Delgados bekanntesten Miniaturen gehörten die im Befehlston gerufenen Zeilen: "Verschwende deine Jugend!", "Tanz den Mussolini!" oder "Alle gegen Alle!" - stets intoniert mit einem sicheren Gespür für Tabubruch und Provokation. Er konnte allerdings auch berührende Balladen, freilich mit explizit sexuellem Unterton.

In Liedern wie "Der Räuber und der Prinz" oder "Prinzessin" kreuzte Delgado Grimm'sche Märchenstoffe mit schwulen erotischen Fantasien. Als sein bester Song gilt vielen "Ich und die Wirklichkeit". In wenigen Zeilen brachte Delgado die deutsche Selbstbefindlichkeit Anfang der Achtziger auf den Punkt: "Ich und ich / Im wirklichen Leben / Ich und ich / In der Wirklichkeit / Ich fühle mich so seltsam."

Gabi Delgado, der mit seiner neuen Songlyrik und seiner neuen Musik Generationen von Bands und Musikern nicht nur in Deutschland beeinflusst und geprägt hat, erweiterte den Horizont. Er verstarb überraschend am Montag, im Alter von gerade einmal 61 Jahren.

© SZ vom 25.03.2020
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