Dänische Literatur Aus der Dunkelkammer

In ihrem Band "Tarkowskis Pferde" spürt die Lyrikerin Pia Tafdrup dem Sterben ihres Vaters nach.

Von Kristina Maidt-Zinke

Es fehlt nicht viel, und wir können dem, was wir salopp "Demenzliteratur" oder auch "Alzheimer-Literatur" nennen, den Status eines eigenen Genres zuerkennen. Wenn ein Mensch seine Erinnerungen und sein Gedächtnis verliert, in einem langsam oder rasch fortschreitenden Prozess, scheint es für diejenigen, die ihn lieben, hilfreich zu sein, diesen Vorgang literarisch zu verarbeiten und so etwas von der Persönlichkeit des Erkrankten festzuhalten, die ihnen unaufhaltsam entgleitet.

Gewiss spielt dabei eine Rolle, dass das Demenzleiden oft Äußerungen und Verhaltensweisen hervorbringt, in denen sich eine eigene poetische Dimension entdecken lässt. Im deutschsprachigen Raum gehören Arno Geiger, Martin Suter und Gerhard Köpf zu den bekanntesten Autoren, die sich des Themas erzählend angenommen haben. In der Sphäre der Lyrik fühlen sich bislang vor allem die Slam-Poeten zuständig: "Geblitzdingst" heißt ein vor anderthalb Jahren erschienener Band, der auch die komische Seite des Phänomens beleuchtet .

In Dänemark hat Pia Tafdrup, 1952 geboren und eine der bekanntesten Lyrikerinnen des Landes, vor zwölf Jahren mit dem Gedichtzyklus "Tarkowskijs heste" ihrem verstorbenen und zuvor lange demenzkranken Vater ein literarisches Denkmal gesetzt. Der Band "Tarkowskis Pferde", einfühlsam übertragen von Peter Urban-Halle, ist nach zahlreichen in Zeitschriften oder Anthologien verstreuten Texten nun das erste Werk der Autorin, das vollständig auf Deutsch vorliegt. Aus dem Nachwort des Übersetzers erfahren wir, dass eine Wohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg der "Geburtsort" des Zyklus' war. Dort, in der "Dunkelkammer in der Immanuelkirchstraße" (so lautet der erste Gedichttitel), entstand etwa einen Monat nach dem Tod des Vaters ein Großteil der Entwürfe, unter dem Ansturm von Reminiszenzen und Emotionen, die das Persönliche ins Mythische überhöhen: "Soll Eurydike ihren/ toten Vater holen - / wie Orpheus singen/ vom Verlornen?/ Eurydike, die Erinnerung,/ die Eruption./ Eh die Schlange in der Sonne/ zuschnappte,/ hatte Eurydike doch ein Leben."

Diese Gedichte, die in freien Versen den Raum zwischen Transzendenz und physisch-sinnlicher Erfahrung bespielen, scheuen das Pathos nicht, sondern gehen wie selbstverständlich damit um. Mit dem gleichen entschlossenen Zugriff vergegenwärtigen sie die schwindende Alltagstauglichkeit eines Bewusstseins, in das sich die Dichterin immer wieder hineinzuversetzen sucht, um den rätselhaften und bedrohlichen Vorgang zu verstehen: "So simple Dinge wie Brieftaschen/ sind plötzlich futsch,/ und Hut und Handschuh verschwunden/ spurlos wie Regen auf Wasser./ Das Licht zögert./ Und wo sind Adresse und Telefonnummer/ der Eltern meiner Mutter?/ (sie sind ja tot)."

Siebzehn Gedichtbände hat Pia Tafdrup veröffentlicht, außerdem Dramen, Hörspiele und zwei Romane. In den Achtzigerjahren gehörte sie zu jener Gruppe junger dänischer Lyriker, die der Kritiker Erik Skyum-Nielsen als "Körpermodernisten" bezeichnete, weil in ihren Texten der Körper als letzter existenzieller Freiraum, als Erlösungsmedium und als "Feld des Fatalen", wie es im Nachwort heißt, von zentraler Bedeutung ist. Davon kündet auch diese kleine Szene, die sich der Dichterin ins Gedächtnis geschrieben hat: " Mindestens eine Wunde hat der Körper immer, / sagte mein Vater vorm Spiegel,/ wo er seinen Schlips band,/ als ich zum ersten Mal/ Blut strömen sah/ aus meinem aufgeschlagenen Knie./ - Mindestens eine Wunde hat der Körper immer,/ ist, wie ich mich erinnere, der erste ganze Satz,/ den mein Vater an mich richtete,/damals als ich eben angefangen hatte,/ die Welt kennenzulernen."

Der letzte Satz des Vaters auf dem Sterbebett lautet: "Es tut weh." Am Ende des Gedichts ist von Andrej Tarkowskis Film "Andrej Rubljow" die Rede, dem sich der Titel des Zyklus' verdankt. In dessen Schlussbildern erscheinen Pferde als wirkmächtiges Symbol des Erinnerns, allerdings wurde bei den Dreharbeiten ein leibhaftiges Pferd planvoll verwundet und getötet, was den Regisseur für manche in ein ungutes Licht rückte. Hier aber wird besänftigend, fast beschwörend die Filmfigur des Griechen Theophanes zitiert, der "nach allen erdenklichen Qualen/ ausruft:/ - Trotzdem ist es so schön,/ und nun schneit es."

Die Natur und die Jahreszeiten, Schnee und Wind, Wasser und Licht, weiße Birkenstämme und "eisrote Blätter", das alles ist in Pia Tafdrups Gedicht-Erzählung gegenwärtig, wie es der Lyriktradition Skandinaviens entspricht. Hier gewinnt es besondere Leuchtkraft aus der Lebenserfahrung. Die Dichterin wuchs auf dem Land auf, nördlich von Kopenhagen, wo ihre Familie ein Gut besaß. Was sich aus dem Bewusstsein des Vaters kontinuierlich verflüchtigte, hat sie in ihrem Erinnerungsbuch vor dem Vergessenwerden und Verschwinden bewahrt, sich damit wohl auch zum Instrument eines Vermächtnisses gemacht, das er nicht mehr formulieren konnte.

Pia Tafdrups jüdische Eltern waren 1943 nach Schweden geflohen. Ihr Vater Finn und seine Geschwister kämpften dort in einer Widerstandsbrigade. Das Verhältnis der Familie zu Deutschland blieb problematisch (davon zeugt das Gedicht "Schöne Rosi", zweisprachig wiedergegeben wie etwa ein Drittel des Zyklus'). So dürfte es von einigem Gewicht sein, dass der Erinnerungsstrom, aus dem der Band hervorging, in Berlin einsetzte. Doch Pia Tafdrup, offenkundig geprägt von der großen Inger Christensen, hat nie mit politischer Lyrik geliebäugelt. In ihrer Skizze für eine Poetik erläuterte sie 1991 die "ästhetische und metaphysische Dimension", nach der ihr Dichten strebt. Es geht ihr um Leben und Tod, um Seelenzustände und Körperwahrnehmungen, letztlich um die "Suche nach dem Absoluten". Vor mystischem Nebel schützen sie dabei ein ausgeprägtes Formbewusstsein und ein klarer, analytischer Geist. Eine eigensinnige Mischung, die so vielleicht nur aus dem Norden kommen kann.