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D. F. Wallace: "Unendlicher Spaß":Die Depression, das Leiden unserer Tage

Am Ende des Kapitels stellt sich Hal, der mittlerweile auf dem Steinboden einer Toilette festgehalten wird, vor, wie sich "ein müder kubanischer Pfleger" zu ihm runterbeugt und fragt, "lass hören, Kumpel, was hast du denn zu erzählen?" Mit dieser Erfahrung extremer Einsamkeit, mit dem unerfüllten Wunsch, sich mitzuteilen, und mit der Irritation des Lesers (Spinnt nun Hal? Oder sind die Prüfungskommission und der Rest der Welt verrückt?) öffnet sich der Roman auf die folgenden 1500 Seiten und sein Personal.

Als Wallace an diesem Roman saß, wirkte die Ironie in der amerikanischen Postmoderne noch als Königsweg der Erkenntnis. Wallace ist der Vollblutironiker, der zugleich sieht, dass die Ironie längst zur läppisch kraftlosen Attitüde verkommen ist. Bereits Anfang der neunziger Jahre entwickelte er in einem Essay über die Geschichte des Fernsehens eine Art literaturästhetische Theorie in Opposition zur Unterhaltungsindustrie. "E unibus pluram" beschreibt, wie das Fernsehen in seinen Erzählformen immer intelligenter und selbstreferentieller wurde. Das postmoderne Erzählen, so Wallaces These, unterschätzte die Macht des Fernsehens, weil es viel zu lange glaubte, mit ironischem Zwinkern auf die durchmedialisierte Welt blicken zu können, obwohl diese längst ironisch zurückfunkelte. Wie aber noch etwas lächerlich machen, das längst alles Lächerliche absorbiert hat?

In seinen Augen muss der Erzähler wieder den Ernst riskieren, den Schmerz erzählen, authentisch sein: "Vielleicht besteht die nächste Generation literarischer Rebellen ja aus einem verrückten Haufen von Anti-Rebellen, die die kindliche Frechheit besitzen, wieder von all den uralten menschlichen Problemen und Gefühlen zu erzählen, die so gar nicht trendy sind." Hal Incandenza, sein eigener Antirebell, tut genau das, wenn er sagt, "dass das, was sich als hippe zynische Transzendenz des Gefühls gibt, in Wahrheit Furcht vor dem echten Menschsein ist."

Wie ein schwarzer Faden ziehen sich Depressionsbeschreibungen durch das Buch, von der hoffnungslosen Ödnis an einem Morgen, "wenn die Seele schon weiß, dass der bevorstehende Tag weniger zu traversieren als gewissermaßen vertikal zu erklimmen" ist, bis zur Empörung einer Patientin über das läppische klinisch-vokabularische Vokabular: "Depression, das klingt so, als wäre man bloß tierisch traurig (...) Es ist eher Grauen als Traurigkeit. Ja, eher wie Grauen. Es ist, als passiert gleich was Schreckliches, das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann - nein, schlimmer als alles, was man sich vorstellen kann, weil da dieses Gefühl ist, dass man sofort was machen muss, um es zu stoppen, aber man weiß nicht, was man machen muss, und dann passiert es auch, die ganze schreckliche Zeit, es passiert gleich und es passiert jetzt, alles zur selben Zeit."

Es wäre interessant, "Unendlicher Spaß" parallel zu lesen mit "Das erschöpfte Selbst", der Studie von Alain Ehrenberg, in der der Pariser Soziologe Mitte der neunziger Jahre, also zur selben Zeit, in der Wallace an seinem Roman saß, die Depression als symptomatische Krankheit unserer Tage deutete: Ehrenberg arbeitet heraus, wie sich seit den siebziger Jahren das freiheitliche Versprechen der Selbstverwirklichung hinter dem Rücken der so wunderbar Selbstverwirklichten schleichend in einen dämonischen Zwang verwandelte: Indem das authentische Selbst umfunktioniert wurde zum produktiven Motor all unseren Handelns, ist die Erschöpfung programmiert. Erschöpfung als Dauerzustand aber mündet in Depression, die bei Ehrenberg definiert wird als "Krankheit der Verantwortlichkeit, in der ein Gefühl der Minderwertigkeit vorherrscht. Der Depressive ist nicht voll auf der Höhe, er ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen."

Die Depression scheint sich in Wallaces naher Zukunft sogar bis tief in die Sprache hineingefressen zu haben: Hal, der Wörterbuchverschlinger, behauptet eingangs, die aktuelle Ausgabe des Oxford English Dictionary kenne 19 Synonyme für teilnahmslos. Da müssen in relativ kurzer Zeit 17 dazugekommen sein, im Oxford English Dictionary von 1992, mit dem Wallace arbeitete, standen nur zwei Synonyme . . .

Überhaupt: die Synonyme und wunderbaren Fremdwörter. Ein Fettarsch wird mit "glutealer Hyperadiposität" umschrieben, es gibt "magiskulierte Schimpfwörter" und "hydroponisches Marihuana", die Leute haben "modraogoide Nasen" und operieren mit "thigmotaktischen Eletroden", wobei man sich nicht sicher sein kann, ob es all diese Wörter wirklich gibt, oder ob da wieder mal eine der Personen, ähnlich der wackeren Frau Stöhr im "Zauberberg", fremdsprachlich vor sich hindilettiert.

Viele Kritiker machen ein solches Gewese um diese unbekannten Wörter, als könne man dieses Buch ohne einen Stapel Fachwörterbücher unterm Arm niemals durchqueren. Dabei erinnern diese Begriffe nur an kleine wunderschöne Fische, die am Grunde dieses Textozeans vorbeigeschwommen kommen, man muss sie nicht verstehen, sondern kann sich vielmehr an der unendlichen Vielfalt der Sprache erfreuen, ja zeitweise neologiert man nach diesen Ausdrücken, nach der Fülle und Sprachwucht, die Ulrich Blumenbach so brillant nachempfindet und oftmals kongenial neuschafft.

Auch die langen Perioden, vor denen viele warnen, sind nicht störend, im Gegenteil, zuweilen haben sie die verwegene Eleganz einer schlanken Hängebrücke, die sich über die Seite wie über ein zerklüftetes Tal spannt. Geradezu teuflich wirken sie, wenn sie einhergehen mit Beschreibungen der Enge: Es gibt da die Szene, in der ein stark verschnupfter Frankokanadier überfallen und geknebelt wird. Da er kein Englisch kann, vermag er sich dem Einbrecher gegenüber nicht verständlich zu machen, und als der immer weiter vor sich hin mäandernde Satz, in dem sein qualvolles, stundenlanges Ersticken erzählt wird, nach eineinhalb Seiten endlich an seinen erlösenden Punkt kommt, holt man beim Lesen instinktiv Luft.

Was das Lesen hingegen streckenweise zu qualvollen Exerzitien macht, ist Wallaces Taktik der Mimesis ans Hässliche, Unübersichtliche und Verlaberte unserer Zeit. Wallace stapelt immer wieder Material auf wie Geröll, wuchert in eine flächige Textur aus, und beim Durchqueren mancher endloser Tennispassagen kommt man sich vor, als müsste man in der trockenen Hitze Arizonas den roten Staub des Sandplatzes essen. Er selbst gab einmal eine merkwürdige Definition seines Berufs: "Heute habe ich mehr als 500 000 Einzelinformationen erhalten, von denen aber nur 25 relevant sind. Mein Job ist es, daraus schlau zu werden."

Wenn er nun aber den Leser wieder einmal mit 500 000 Einzelinformationen flutet, hat er dann seinen Job nicht gemacht oder ist das der Kunstgriff, der uns zeigen soll, dass die Welt in endlose, immer kleiner werdende Wissensfraktale zerfällt? Schon klar, Wallace will damit unser nervöses Rezeptionsverhalten attackieren, das Zapp und Hopp, mit dem wir heute vor dem Fernseher, vor Büchern und vor dem ganzen Leben sitzen. Aber zuweilen wirkt es auch, als würde sich all das hässliche Material den Autor zurückerobern und verschlucken.

Wobei das Wallace wahrscheinlich gefallen hätte, der Autor, der anonym in seinem Werk verschwindet: Die Einzigen, denen er sich in seiner Danksagung verpflichtet, sind die Anonymen Alkoholiker, nicht die Vereinigung selbst, sondern Einzelne, die zu den offenen Treffen in Boston kamen und die "mir äußerst geduldig, redselig, offen und hilfreich Auskunft gegeben haben. Ich kann diesen Männern und Frauen am besten danken, indem ich ihre Namen für mich behalte."