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Culture Clash-Komödie:Das Rosa nimmt abends zu

Filmstills

Sirkka (Anna-Maija Tuokko) und der Chinese Cheng (Pak Hon Chu) finden im dauerhellen Sommer von Lappland zusammen.

(Foto: Verleih)

Gestrandet in Lappland: In Mika Kaurismäkis "Master Cheng in Pohjanjoki" geht es um eine finnisch-chinesische Liebe.

Von Doris Kuhn

Im Norden herrscht Trübsal. Frauen finden keine Männer, denn die sind zu betrunken oder zu unsensibel oder beides. Männer finden keinen Frieden, denn sie haben Leberschäden oder schlechten Magen. Das kommt von der Einsamkeit, glauben sie. Wobei die Einsamkeit so groß nicht sein kann, schließlich treffen sich Männer wie Frauen täglich bei Sirkka in der Gaststube, nicht fern vom Dorf Pohjanjoki, zwischen Tankstelle und Supermarkt. Eine Haltestelle für den Überlandbus, ein Imbiss für Reisegruppen, eine Pinkelpause für die Landpolizei, das ist Sirkkas Lokal. Das, und ein Heim für die lokale Trübsal.

Mika Kaurismäki siedelt seinen Film "Master Cheng in Pohjanjoki" in Lappland an, das ist praktisch, da muss er nicht lang nach Naturschönheit suchen. Wohin sich die Kamera auch wendet, man sieht nur großartige Wälder, Seen, Wiesen oder Berge. Das Licht ist gelb mit rosa Flecken drin, eine verzauberte Mischung, die sich bestimmt nur in Lappland findet, wo es in den Sommertagen nie dunkel wird, nur das Rosa nimmt abends zu. Die Einsamkeit, von der sein Film erzählt, kommt mit der Landschaft, auch das ist praktisch. Seine Protagonisten leben mit viel Platz und wenig Kommunikation, sie sind mundfaul und brummen statt zu reden, manchmal singen sie ein schwermütiges Lied. Nur Sirkka (Anna-Maija Tuokko), die hübsche Kneipenwirtin, ist halbwegs munter.

Eines Tages steigt aus dem Überlandbus ein Chinese, begleitet von seinem etwa zehnjährigen Sohn. Die beiden stranden bei Sirkka, sie können mäßig Englisch, aber sie suchen Kontakt. Das allein verblüfft die Einheimischen. Cheng (Pak Hon Chu), der Chinese, ist nach Pohjanjoki gereist, um jemanden zu finden, den er wirklich sehr dringend finden will. Da sich das schwierig gestaltet, bekommt er ein Zimmer von Sirkka für die Nacht, tagsüber versucht er, den wortkargen Lokalbesuchern Informationen zu entlocken. Dabei muss er unweigerlich Sirkkas Essen probieren, das sorgt für die erste Erschütterung.

Die unverblümte Finnin wird den Chinesen lehren zu sagen was er denkt

Cheng ist ein höflicher Mann, Kaurismäki ein Komödienregisseur, also wird das Ess-Erlebnis unterschwellig heiter. Alle wahren das Gesicht, während gelber, brauner und orangefarbener Matsch auf Tellern hin und her geschoben wird. Das möchte man selbst auf keinen Fall essen, exakt so geht es auch Herrn Cheng, während Sirkka, ein wenig peinlich berührt, hinter der Wärmeplatte steht und ihm zuguckt. Bemüht ist sein Lächeln, der Matsch muss weg, keine Klagen. Mit dieser Szene als Rückhalt formt Kaurismäki dann die Grundelemente des Films: Master Cheng, eigentlich ein Restaurantbesitzer in Shanghai, wird anfangen, hier im Lokal chinesisch zu kochen; Sirkka, unverblümte Finnin, wird ihn lehren zu sagen, was er denkt.

Mika Kaurismäki, der Regisseur, ist zusammen mit seinem noch bekannteren Bruder Aki Kaurismäki ins Filmbusiness eingestiegen. Aki wurde bekannt für die Außenseiter, die er in seinen Filmen porträtierte, "skurril" ist das Wort, das den Mann seither begleitet. Mika, der Ältere, ging auf die Filmhochschule in München, wahrscheinlich hat er da gelernt, dass im Kino auch die glattere Packung gern genommen wird. Das ist inzwischen alles sehr lange her, aber in "Master Cheng" nutzt Mika jedenfalls beides - das Gespür für Außenseiter und für das Gefällige. Er bestückt den Film mit Personal, das man sonst eher bei Aki sehen würde, mit Alten, Säufern oder Kranken, die sich schön unappetitlich geben, bevor sie zu komödiantischer oder sentimentaler Form auflaufen.

Die zwei Hauptfiguren sind hingegen ansehnliche Menschen mittleren Alters, vom Schicksal gebeutelt, sie werden miteinander das Vorhersehbare durchlaufen. Auch die Liebe ist abhängig vom Marktgesetz, von Angebot und Nachfrage, im Kino sowieso. Sie wird hier unterstützt von der chinesischen Küche, die Cheng in Sirkkas Lokal anbietet, mit allen Accessoires, die das Klischee vom fremden Essen und vom fremden Mann verlangt. Die Trübsal, die anfangs herrscht, wird weggekocht. Mika Kaurismäki zelebriert die Story über Misstrauen und Neuanfang angenehm unaufgeregt, jeder Konflikt, sagt sein Film, wird leichter, wenn man ihn nicht aufbauscht. Vielleicht ist es diese hoffnungsvolle Haltung, die "Master Cheng" so ansprechend macht. Oder es ist der Dreiklang von Essen, Liebe und Culture Clash, der einlöst, was jedes Feelgood-Movie verspricht: Versöhnlichkeit.

Mestari Cheng, Finnland, China, UK 2019 - Regie: Mika Kaurismäki. Buch: Hannu Oravisto. Mit Anna-Maija Tuokko, Pak Hon Chu, Lucas Hsuan, Kari Väänänen, Vesa-Matti Loiri. MFA+, 114 Minuten.

© SZ vom 30.07.2020

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