"Cryptozoo" von Dash Shaw auf Mubi.com:Durchbohrt vom Einhorn

Cryptozoo

Fantastische Tierwesen: Im "Cryptozoo" von Dash Shaw sollen sie gerettet werden.

(Foto: Mubi)

Der Animationsfilmer Dash Shaw hat mit seiner Frau Jane Samborski einen filmischen Tierpark für Fabelwesen erschaffen. Aber sind sie im "Cryptozoo" auch sicher?

Von Anke Sterneborg

Statt eines Vorhangs heben sich hier wie in einem Klappbuch für Kinder die Bäume eines paradiesischen Waldes. Statt Adam und Eva tummeln sich hier Matt und Amber: Und den Sündenfall begeht nicht die Frau, sondern der Mann. Er steigt über einen hohen Zaun in ein mysteriöses Sperrgebiet, in dem er ein feuriges Einhorn entdeckt, das ihn, verschreckt durch einen unter seinen Schritten springenden Stein, aufspießt. Schon nach den ersten Bildern ist klar, dass Dash Shaw und Jane Samborski in ihrem kunstvollen Animationsfilm für Erwachsene klassischen Erzählungen einen eigenwilligen Dreh geben.

In seinem Langfilmdebüt "My Entire Highschool Sinking Into The Sea" hat der Comiczeichner und Graphic-Novel-Autor Dash Shaw statt der Titanic eine Highschool im Meer versenkt. Jetzt errichtet er einen Zoo, den seine Frau Jane Samborski mit allen Fabelwesen dieser Welt bevölkert. Hier finden Drache, Einhorn und Pegasus, Greif, Riesenschlange, Zentaur und Pan, kleine Kobolde und tanzende Lichtwesen Zuflucht vor geldgierigen Schwarzmarkthändlern und einem amerikanischen Militäroffizier, der sie als Biowaffe missbrauchen will. "Cryptozoo" ist eine in alle Richtungen wuchernde Collage aus vielen Ideen und Motiven, ein Film, der zugleich Abenteuerexpedition um die Welt, utopisches Märchen und kämpferisches Bürgerrechts- und Aktivistendrama sein will.

Den Keim für "Cryptozoo" fand Dash Shaw auf Youtube, in einem gut zweiminütigen Film des amerikanischen Animationspioniers Winsor McCay, in dem drei Generationen einer Zentaurenfamilie anmutig durch die Natur spazieren. Eine weitere Inspiration war die Hokusai-Zeichnung eines Baku, eines Fabeltiers aus dem japanischen Volksglauben, eines Chimärenwesens mit der Fähigkeit, Albträume abzusaugen. Im Film hat es die Gestalt eines blauen Babyelefanten mit der Zeichnung eines tropischen Fisches. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges befreit das Baku das kleine Mädchen Lauren Gray auf einer amerikanischen Militärbasis in Japan von den Nachtmahren, die die Atombombenabwürfe heraufbeschwören.

Die Fabelwesen kämpfen gegen Vorurteile, Anfeindungen und Ausbeutung

Dieses einschneidende Erlebnis führt dazu, dass Lauren ihr Leben der Rettung der Fabelwesen widmen wird, die in der Welt des Films eine ganz real bedrohte Spezies sind: "Die Menschen halten uns für imaginäre Biester, in Wirklichkeit sind die meisten mythologischen Wesen einfach nur extrem selten", erklärt die Gorgonenfrau Phoebe: "Uns gibt es wirklich! Der Cryptozoo ist ein Anfang, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass wir ganz normal sind." Ob der Cryptozoo wirklich eine gute Idee ist, wird immer wieder diskutiert. Während die einen meinen, dass er das Überleben der Mischwesen sichert, argumentieren die anderen, dass sie hier nur wie Freaks angestarrt werden. So wie die X-Men kämpfen auch sie gegen Vorurteile, Anfeindungen und Ausbeutung und für Toleranz und Gleichberechtigung.

Dash Shaw hat einen eigenwilligen Animationsstil, in dem die verschiedensten Kunstrichtungen ihre Spuren hinterlassen haben. Die Zeichnungen erinnern an Aubrey Beardsley und Toulouse Lautrec, aber auch an die Comics von Robert Crumb. Die mächtige Gestalt von Lauren ist mit den Frauenfiguren von Tamara de Lempicka verwandt. Die vielfältigen Farbspiele in den Landschaften zitieren mal Emil Nolde und Paul Gauguin, dann wieder die Kinderbuchillustrationen von Eric Carle oder Wolf Erlbruch, oder auch, passend zum Setting im Jahr 1967, die psychedelischen Yellow-Submarine-Animationen.

Wie andere Filmemacher ihre Besetzung zusammenstellen, so kuratiert Dash Shaw die Künstler, die für einzelne Schauplätze und Hintergründe zuständig sind. Sie haben den Look der Zooanlagen und Provinzsiedlungen entworfen, des Hinterzimmers einer Tarotkartenlegerin oder eines schummrigen Nachtclubs. Manchmal sind die Landschaften so abstrakt aus Farbflächen und -schlieren komponiert, dass sie sich erst durch die Geräusche auf der Tonspur offenbaren. Mehr als sonst im Animationsfilm hat man das Gefühl, ganz unterschiedliche Welten und Stile zu bereisen, auf einer weltumspannenden Jules-Verne-Expedition.

Die zunächst physisch auf Papier gebrachten Zeichnungen, Gouachen und Aquarelle wurden anschließend eingescannt und am Computer animiert, nicht weich fließend, sondern so, dass ihre Herkunft aus der grafischen Kunst immer erkennbar bleibt. Für die Synchronisation konnten Shaw und Samborski ein beachtliches Ensemble an Schauspielern gewinnen, von Peter Stormare über Michael Cera und Zoe Kazan bis Lake Bell und Emily Davis. Kleine Traumnotiz am Rande: Lange vor dem realen Sturm aufs Kapitol imaginierte Dash Shaw die freundliche Utopie einer revolutionären Übernahme der Regierungsgeschäfte.

Cryptozoo, USA, 2021 - Regie und Buch: Dash Shaw. Animation und Creature-Design: Jane Samborski. Mit den Stimmen von Lake Bell, Peter Stormare, Grace Zabriskie, Michael Cera, Zoe Kazan, Emily Davis. Auf Mubi.com, 95 Minuten. Starttermin: 22. 10. 2021

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