"Cry Macho" im Kino:Mit Ach und Krach

Cry Macho

Nirgendwo in Mexiko: Clint Eastwood, Eduardo Minett und ein Kampfhahn namens Macho.

(Foto: Warner Bros.)

Clint Eastwoods neuer Film "Cry Macho" wirkt rührend und lachhaft zugleich - und lässt einen um die Knochen des 91-jährigen Stars fürchten.

Von Susan Vahabzadeh

Rührung und Entgeisterung sind zwei Emotionen, die eigentlich nicht sehr nahe beieinanderliegen. Clint Eastwoods neuem Film gelingt es aber mühelos, diese Brücke zu schlagen - wenngleich es so ziemlich das Einzige ist, was bei "Cry Macho" mühelos gelingt.

Eastwood, wie so oft Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion, spielt hier Mike, der früher einmal eine große Nummer beim Rodeo war. Das ist viele Knochenbrüche und Weihnachtsfeiern her, und als er von seinem letzten Job als Ranchhelfer gefeuert wird, scheint er sich endgültig in seinem entlegenen Häuschen in Texas zu vergraben. Bis der Ex-Chef in seinem Wohnzimmer steht, um die Begleichung einer alten Schuld einzufordern.

Mike soll nach Mexiko-Stadt fahren, einen dreizehnjährigen, angeblich stark verwahrlosten Jungen namens Rafo finden und über die Grenze nach Texas bringen. Es handelt sich um den Sohn des Ex-Chefs, der bei seiner mexikanischen Mutter lebt. Mike reagiert erst ein bisschen maulig, fährt dann aber los. Er findet den Jungen schnell. Rafo (Eduardo Minett) lebt auf der Straße und schlägt sich mit Hahnenkämpfen durch.

Wir schreiben das Jahr 1979, und ungefähr damals hätte Eastwood den Film auch drehen sollen. Vielleicht wäre dann eine Szene mit der Mutter des Jungen nicht ganz so bizarr geraten. Diese Mutter (gespielt von chilenischen Schauspielerin Fernanda Urrejola, 40) hat eine Villa und ist eine große Partylöwin, und als sie mit Mike über die Zukunft ihres Sohnes diskutiert, ist sie betrunken und in ein Negligé gewandet und weist ihre beiden Leibwächter aus dem Zimmer, um Mike - also den 91-jährigen Eastwood - ins Bett zu zerren.

Eine Mexikanerin versucht, Eastwood ins Bett zu zerren. Will sie ihn umbringen?

Der winkt glücklicherweise ab, sonst hätte man ernsthaft um seine Gesundheit fürchten müssen. Eastwood vermittelt über weite Strecken des Films - eigentlich immer dann, wenn er nicht gerade sitzt - den Eindruck, er könne sich nur noch mit Ach und Krach auf den Beinen halten. Was immer diese Partylöwin da vorhatte, es sieht auf jeden Fall so aus, als hätte es den Hauptdarsteller möglicherweise umbringen können.

Aber was soll's, das Drehbuch gesteht der Frau ohnehin keine Logik zu. Erst will sie ihren Sohn loswerden, dann will sie ihn plötzlich dringend behalten. In einem Moment will sie Mike verführen, plötzlich will sie ihn umbringen lassen. Die Charakterisierungen in "Cry Macho" sind ein wenig schlampig. So dauert es auch nur gefühlte zwanzig Sekunden, um den Hahnenkampf-versierten Straßenjungen Rafo in ein sanftmütiges Kind zurück zu verwandeln. Auch schon wurscht, scheint der Regisseur Eastwood bei solchen Szenen zu sagen. So was wäre ihm früher nicht passiert.

Jedenfalls beginnt dann ein Roadmovie quer durch Mexiko, mit Mike, Rafo und dessen Kampfhahn Macho. Der Name Macho ist Rafo wichtig, er findet alles toll, was mit Männlichkeit und Stärke zu tun hat. Mike aber sitzt in der Wüste am Lagerfeuer und gibt dem Jungen eine Weisheit fürs Leben mit auf den Weg - dieses ganze Macho-Zeug sei überbewertet. Für einen Mann, bei dem man sich fragt, wie er je wieder vom Boden hochkommen will, klingt diese Einschätzung allerdings nicht ganz uneigennützig.

Manchmal ist "Cry Macho" ganz in Ordnung, der Western-Bilder wegen, und als angenehm sentimentale Geschichte zwischen einem, der sein Leben überwiegend hinter sich hat, und einem, der gerade erst am Anfang steht. Es gibt noch andere Lektionen - hab Vertrauen, lautet eine von ihnen, sogar dann, wenn du schon weißt, dass du enttäuscht werden wirst; und überhaupt ist nichts wichtiger als die Liebe.

So können zwischen Mike und Rafo eine Reihe bewegender Momente entstehen, ebenso zwischen Mike und Marta (Natalia Traven), der Besitzerin eines ärmlichen Wirtshauses in der Einöde, bei der Mike, Rafo und Macho längere Zeit Station machen, und in die Mike sich verliebt. Weniger ist manchmal mehr - und das minimalistische Spiel von Eastwood ist immer noch überzeugend. Solange er als Chef des ganzen Unternehmens nicht darauf beharrt, sämtlichen Frauen Mexikos noch immer schlaflose Nächte zu bereiten.

Cry Macho

Immer noch der Traum aller Mexikanerinnen? Clint Eastwood und Natalia Traven in "Cry Macho".

(Foto: Warner Bros.)

Mal ganz im Ernst: Clint Eastwood ist einer der ganz Großen in Hollywood, sowohl als Schauspieler als auch als Regisseur - aber bei der filmemacherischen Genauigkeit setzt er hier auf Seniorenrabatt. Der Maßstab ist dabei er selbst: Bei einem, der mit ungeheurer Erzählökonomie seine Figuren charakterisieren konnte, sie aus unlösbar erscheinenden Kitsch-Fallen mit unvergleichlich lakonischer Eleganz herausmanövrierte, ist das wohl klar. Warum er diesen Stoff von N. Richard Nash, der schon 1975 als Roman erschienen ist, unbedingt verfilmen wollte, bleibt mysteriös. Alles, wovon er hier erzählt, hat er schon einmal besser gesagt.

Besonders betrifft das sein Image als ganz harter Kerl, der unerwartet weiche Seiten zeigt. Gebrochene Männerfiguren sind schon sehr lange Eastwoods Spezialität. Sein "Bronco Billy" beispielsweise wollte unbedingt Star einer Wild-West-Show sein, dann outete er sich als Schuhverkäufer aus New Jersey. Seit jenem Film ist Eastwoods Verhältnis zum Machismo des Westernhelden eigentlich geklärt - und damals, vor mehr als vierzig Jahren, hat er damit noch nicht mal sperrangelweit offene Türen eingerannt.

Cry Macho, USA 2021- Regie: Clint Eastwood. Drehbuch: Nick Schenk, N. Richard Nash. Kamera: Ben Davis. Mit: Clint Eastwood, Eduardo Minett, Natalia Traven. Warner, 104 Minuten. Kinostart: 21. 10. 2021.

Zur SZ-Startseite
Jamie Lee Curtis

SZ PlusJamie Lee Curtis im Interview
:"Jeder trägt eine dunkle Seite in sich, wirklich jeder"

Jamie Lee Curtis war 19, als sie durch die Low-Budget-Produktion "Halloween" weltberühmt wurde. Nun kommt der zwölfte Teil der Reihe ins Kino. Zeit zu fragen: Was macht diesen Horror erfolgreich? Ein Gespräch über menschliche Abgründe und die Kunst des Schreiens.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB