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"Crowdsourcing" im Journalismus:Wikipedia trifft Woodward

Man dürfe Crowdsourcing nicht mit dem Versuch verwechseln, Amateure in Journalisten zu verwandeln, warnt Howe. Die Amateure sind Quellen; die Journalisten haben die Kontrolle, zumindest in der Theorie. Die Washington Post beschrieb Crowdsourcing einmal als "Wikipedia trifft Bernstein und Woodward." Ein Kompliment? Howe sagt, dass Umsetzung und Erfolg "sehr unterschiedlich" seien. Das ist freundlich ausgedrückt für: Vieles ist ungeprüft und fragwürdig. Eben wie bei Wikipedia.

Vor zwei Jahren hat sich der New Yorker Journalismus-Professor Jay Rosen mit seinem Projekt "Assigment Zero" in zweifacher Hinsicht mit Crowdsourcing beschäftigt. Ziel war es, zu erforschen, was es damit auf sich hat, und das sollte mit der Methode des Crowdsourcing selbst geschehen: Führt ein Aufruf an Leser zu Ergebnissen, die es in ihrer Qualität mit der Arbeit von Journalisten aufnehmen können? Das Projekt scheiterte, aber das Nachfolgeprojekt "Off the Bus", bei dem 12 000 Amateure über den Präsidentschaftswahlkampf berichteten, wertet Rosen als Erfolg. Sieht man von Zitaten eines ehemaligen Präsidenten (Bill Clinton) und eines nun amtierenden Präsidenten (Barack Obama) ab, lieferte das Projekt allerdings kaum nennenswerte Erkenntnisse.

Ein schönes Wort

Dennoch glaubt Robert Niles, Chefredakteur der Online Journalism Review der University of Southern California, Crowdsourcing könne bei investigativen Recherchen Hilfe leisten. Er schreibt: "Crowdsourcing könnte den Journalismus stärker verändern, als alle anderen Entwicklungen, die auf das Internet zurückgehen." Die Fürsprecher befinden sich im Aufwind. Zwar warnte Jim Naughton, der ehemalige Leiter des Poynter Instituts, einer Journalistenschule in Florida, Crowdsourcing sei nur ein schönes Wort für Einsparungen von Personalkosten. Doch inzwischen wird Crowdsourcing sogar in Harvard und an der New Yorker Columbia School of Journalism gelehrt, zwei der einflussreichsten Universitäten des Landes.

Ende März kündigte die Onlinezeitung Huffington Post den Aufbau eines gemeinnützigen (also steuerbefreiten) Recherche-Fonds an, bei dem Jay Rosen als Berater fungiert und mittels Crowdsourcing recherchieren lassen will. Dazu will der Fonds, der über 1,75 Millionen Dollar von der Huffington Post und der Stiftung Atlantic Philanthropies verfügt, zehn professionelle und kürzlich arbeitslos gewordene Reporter beschäftigen.

Der Fonds kooperiert mit der Journalistenschule der Columbia University. Erstes Projekt sei die Wirtschaftskrise; jeder könne die Ergebnisse kostenlos veröffentlichen, heißt es. Auch ProPublica, die investigative Redaktion von Paul E. Steiger, dem ehemaligen Chefredakteur des Wall Street Journal, will die Methode nutzen und hat dazu jene Mitarbeiterin eingestellt, die das Projekt "Off the Bus" koordinierte. Sie alle setzen auf Howes Regel Nummer acht, die besagt: Wenn 90 Prozent Mist sind, dann sind zehn Prozent aller Hinweise brauchbar. Und ein Prozent sei richtig gut. Dieses eine Prozent suchen sie.

© SZ vom 15.4.2009/rus
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