"Crosseyed Heart" von Keith Richards:Als Tourist im eigenen musikalischen Leben

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Ganz neu ist das nicht, schließlich hat er es schon besser in seiner Autobiografie "Life" erzählt, aber dafür findet er immer wieder schöne Formulierungen, etwa wenn er sagt, dass sich die schwarzweiße Nachkriegswelt, in der er in England aufwachsen musste, mit dem Auftreten von Elvis Presley über Nacht in Technicolor verwandelte. Die fünf britischen Buben wollten spielen, singen und vor allem sein wie die Amerikaner. Zu ihrer Überraschung merkten sie in Amerika, dass dort niemand ihre Helden kannte. Als er 1965 in den Chess Studios in Chicago Muddy Waters vorgestellt wurde, hatte der weiße Farbe an den Händen, weil er die Decke ausmalte: Der größte lebende Bluessänger, der Mann, dem sie den Namen der Band verdankten, musste sich mit Malerarbeiten etwas dazuverdienen. Nur eine fromme Legende zwar, aber Keith erzählt sie mit der Inbrunst des Jüngers auch hier wieder.

Völlig zu Recht verweist der Musikologe Prof. Dr. (Sidcup Art College) Keith Richards auf Gemeinsamkeiten zwischen dem amerikanischen schwarzen und dem britischen Liedgut, nämlich dass noch die abgefucktesten Bluesnummern keltischen Ursprungs sind, Heimatkunde.

Leider bewegt er sich zunehmend wie ein Tourist durch sein musikalisches Leben. Die Perspektive ist der Rücksitz einer Limousine, bei der er manchmal das Fenster herunterlässt, um Autogramme unters Volks zu werfen. Keith besucht, angeschärft durch eine Canyon-Einstellung von Kameramann Igor Martinovic die Hinterhöfe New Yorks, er reist nach Nashville und steht ehrfürchtig zwischen den Kirchenbänken des Ryman Auditorium, er fährt nach Chicago, wo die Rolling Stones 1964 "It's All Over Now" aufnahmen. Jamaika, wo er seit Jahrzehnten wie zu Hause ist, ist in Archivaufnahmen mit einem noch recht jungen Keith dabei, der mit den Schwarzen herumalbert. Reggae wurde nach dem Blues und Country seine dritte, nicht unbedingt glückliche Liebe, wie das Stück "Love Overdue" auf der Platte mit dem schielenden Herzen beweist.

Wo wir schon dabei sind: Auch wenn es von dem unsterblichen Blueser Lead Belly stammt, hätte er das schon immer unerträgliche "Goodnight, Irene" nicht nochmal aufnehmen müssen.

Aber es ist so rührend, wie er zwei frisch gekaufte Platten von Chuck Berry und Muddy Waters zeigt, genau die, darauf besteht er, die seien es gewesen, die Mick Jagger unterm Arm trug, als sie sich im Vorortzug nach London trafen. Bei aller gern ausgestellten Feindschaft mit dem anderen Glimmer Twin kann er nicht anders als von dieser schicksalsentscheidenden Begegnung zu schwärmen, aus der ihre Band hervorging.

Nicht weniger gerührt ist er, als ihm jemand den Kassettenrekorder bringt, mit dem er einst den Riff für "Street Fighting Man" aufnahm. Geradezu ehrfürchtig hört er sich an, wie der Song entstand und wie er immer noch klingt. Ein grausames vanity project bleibt der Film doch.

Aber die Platte!

Aber die Platte! Richtig ist, dass ihr der Gegenspieler, dass ihr das größte Großmaul, der arschwackelnde Mick Jagger schmerzlich fehlt. Keith hat einfach nicht seine Stimme. Kenner wollen wissen, dass der Knabe Keith einst über einen so schönen Sopran verfügte, dass er sogar in Westminster Abbey vor der damals auch noch etwas jüngeren Queen auftreten durfte. Auf Band-Tourneen darf er immer zwei Stücke vortragen, wenn Mick nach hinten ins Sauerstoffzelt eilt, um Luft für den nächsten Dauerlauf zu holen.

Aber diese Stimme, wie der ganze Mann ein liebevoll gearbeitetes Alterswerk, steht längst unter Denkmalschutz, vergleichbar nur mit jener von Bob Dylan. Damit kann Keith Richards tatsächlich Erstaunliches vollbringen, wenn er nach seiner Weise darüber klagt, dass die Bullen wieder hinter ihm her sind oder er statt Geld nur Löcher in der Tasche hat oder wenn er einen darüber informiert, dass er einen Morgenständer hat, der aber dann doch nicht so lang hält. Die good old Hasenpfoten-times sind halt vorbei, das postsexuelle Alter ist erreicht, aber dafür hat er, wie der Film zum Schluss zeigt, eine nette Frau, mit der er auf der Veranda herumliegt und dazu mit einer Hingabe raucht, die sonst nur Helmut Schmidt aufbringt, nur dass er einem dabei nicht zwischen zwei Lungenzügen erläutert, dass sich Russland und China nur autoritär regieren lassen, sondern Little Walters "Blue and Lonesome" auflegt.

Produktwarnung: Wer Keith Richards und die Rolling Stones nicht mag, hat Pech gehabt, aber Jesus hat auch nicht für alle gepredigt. "Crosseyed Heart" wird erst beim dritten Anhören gut, aber dann sollte für den vollendeten Genuss "Beggars Banquet" aufgelegt werden, es muss um Gottes willen nicht Vinyl sein, aber auf jeden Fall das erste Stück auf der zweiten Seite, richtig: "Street Fighting Man" - hört Ihr diese Gitarre? Das isser. Und damit wieder zurück zu "Crosseyed Heart". Im letzten Stück, "Lover's Plea", otisreddingt es zwar heftig, aber hört Ihr denn nicht, dass der Mann ein Genie ist? Dass er deshalb immer weiter machen muss und nienienie aufhören darf? Die Rolling Stones, hat er gerade verkündet, sind auf dem Weg ins Studio, sie wollen seinem Beispiel folgen und wieder Musik machen. Gutnacht, Keith.

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