Cover-Album von Heino Glanz und Schrecken

Nenas Vers "Ich geh mit dir wohin du willst / auch bis ans Ende dieser Welt" ist unverfänglicher, da rasselt nichts mehr. Knödeln tut es natürlich umso heftiger. Hach. Kurzer Gedankenschnitt auf das schunkelnde Publikum im ZDF-Fernsehgarten. Verschnaufpause. Remmlers "Vogel der Nacht" wird mindestens ebenso routiniert verräumt, mit ganz weit von hinten unten nach vorne oben über die Schneidezähne geschobenem Unterkiefer: allleiiiiinnnnnn. Stellen Sie sich die Ns bitte kleiner werdend vor. Wenn Sie alles richtig gemacht haben, müsste man Ihnen am Ende ein Smartie an der Oberlippe vorbei von oben in den Mund fallen lassen können. Aber Vorsicht beim Nachmachen, renken Sie sich nichts aus! Der Meister schüttelt das natürlich aus dem Ärmel. Für einen altgedienten Gefühlsdusel-Ingenieur wie Heino ist das kein Problem.

Glanz und Schrecken dieser drei, vier Songs des Albums bleiben dabei seltsam unberührt. Stimmt es also, was man sagt: Dass kompositorisch nichts so robust ist wie der knallhart kalkulierte Kitsch eines teutonischen Qualitäts-Schlagers?

Es stimmt.

Damit wären wir beim möglicherweise nicht ganz so robusten deutschen Pop- und Rock-Song. Peter Fox' Dancehall-Hit "Haus am See", der im Original sehr eindrucksvoll vom Filmorchester Babelsberg eingespielt wurde, wehrt sich noch vergleichsweise tapfer. Mit der Aussprache von Peter Fox' Gedanken ist Heino hörbar beschäftigt. Bisschen viel Text, das ist er nicht gewohnt. Das Rrrrr kommt krampfig, gehemmt. Heino rappt auch nicht, er macht eine logopädische Sprechübung: "Ich. Habe. Zwanzig. Kinderr. Meine. Frrau. Ist. Schön." Vom Song selbst bleibt so auf Dauer leider nicht viel übrig.

Ähnlich schlecht ergeht es der großen Kürzel-Hymne "MfG" von den Fantastischen Vier. Die sagt er auf, als wäre er ein singendes Telegramm. Aus der kleinen Vorrede - "Nun, da sich der Vorhang der Nacht von der Bühne hebt, kann das Spiel beginnen, das uns vom Drama einer Kultur berichtet" - macht er mit dem Killer-Rrrrr einen Wochenschau-Bäärricht. Wobei man hier nicht den Fantastischen Vier vorwerfen kann, dass ihr Interpret offenbar wirklich nichts verstanden hat.

Die Sportfreunde Stiller halten sich mit "Ein Kompliment" auch recht gut. Uptempo kann Heino nicht, mag er auch nicht. Man hat den Eindruck, er fühlt sich gehetzt, er probiert es erfolglos mit etwas mehr Druck, carusot so vor sich hin, fängt sich in der Strophe, schwimmt wieder und leistet sich dann die erste echte Peinlichkeit: Aus "Wenn man so will / bist du meine Chill-Out-Area" wird "Wähn mann so will / bis du meine Schill-Aut Ääääria". Tja. Niedriger Punktsieg für die Sportfreunde.

Heino als brillanter Dekonstruktivist

"Junge" von den Ärzten fällt dagegen völlig auseinander. Heino als brillanter Dekonstruktivist. Von dem Song bleibt wirklich nichts mehr übrig, wenn der gealterte Papa, aus dessen Perspektive der Text geschrieben ist, selbst ganz ernsthaft singt: "Junge, warum hast du nichts gelernt? / Guck dir den Dieter an, der hat sogar ein Auuuto!" Aua. Vielleicht doch kein Wunder, dass die Ärzte so sauer waren.

Bliebe die grandios kalkulierte Pyro-Pathos-Pampe des teutonischen Comic-Industrial-Metal von Oomph! und Rammstein. Heino singt Rammstein - darüber freuten sich die Medien vorab selbstverständlich am meisten: "Alle warrrrten auf das Licht / fürrrrchtet euch, fürrrchtet euch nicht!" Das Gipfeltreffen der Freunde des rollenden Rrrrr. Bei Heino ersetzen nur ein paar Bläser die Wall of Sound der Metal-Gitarren und siehe da: Wir hören Kirchentagsmusik! Hoppla.

In den Amazon-Charts steht "Mit freundlichen Grüßen" übrigens wegen außergewöhnlich vieler Vorbestellungen schon seit Tagen auf dem ersten Platz. Zu den 50 Millionen Tonträgern, die Heino in den bislang 52 Jahren seiner Karriere verkauft haben soll, werden wohl noch ein paar mehr hinzukommen. Ist Heino also der größte Rollator des deutschen Pop? Sicher. Ist er vielleicht sogar der GröRAZ, der größte Rollator aller Zeiten? Womöglich. Und was soll das jetzt bitte heißen?

Dass es im Pop keinen unbestechlicheren Qualitäts-Detektor gibt als Heinos rollendes Rrrrr. Wer möchte, darf sich das Album also als einen echten Glücksfall vorstellen. Irrrrgendwie.

Extreme Cover-Versionen

Klang mal anders