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Courtney Love: "America´s Sweetheart":Weine nicht! Arbeite!

Courtney Love macht nach sechs Jahren auch mal wieder mit Musik auf sich aufmerksam. "America's Sweetheart" heißt ihr neues Album, von dem ungefähr die Hälfte der Stücke in die Top Ten drängen. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn es mindestens drei davon nicht schafften.

Wenn man die Welt im allgemeinen betrachtet und das Leben im besonderen, fällt zum Beispiel auf, dass die Dame vom Aussterben bedroht ist. Es gibt kaum noch Exemplare dieser schönen Gattung. Kürzlich, in einem sehr teuren Hotel: Zwei Frauen, schätzungsweise 40 Jahre alt, betreten den Frühstückssaal, beide mit sehr teuren Schuhen und sehr teuren Handtaschen. Dann erst bemerkt man, dass sie T-Shirts tragen mit der Aufschrift "Orgasmus". Und dass sie Konversation treiben über ihre Verdauung. "Mann, ey, ich hab solche Blähungen!" "Uhuuu, und ich erst!".

Wobei man sagen muss: Die Männer, welche die beiden Hotel-Frauen zu Begleitungszwecken mit sich führten, benahmen sich kaum besser. Ausgesprochene "Herren" waren das jedenfalls nicht.

Kündigt sich da ein Umbruch in der Sittengeschichte an, geht da eine ganze Kultur verloren? Darüber könnte man mal nachdenken. Aber nicht jetzt. Jetzt denken wir aus gegebenem Anlass über die Sängerin und Schauspielerin Courtney Love nach. Als Love Anfang der neunziger Jahre auf der Bildfläche erschien, besaß sie durchaus damenhafte Züge. Sie konnte noch so zerfetzte Mini-Röcke tragen, den Lippenstift noch so dick auftragen und in Wimperntusche baden und dabei krähen, sie sei doch nichts als eine "Teenage Whore" - ihre Ausstrahlung war die einer Lady. Souverän. Engagiert. Intelligent. Stilvoll.

Courtney Love befand sich auf einer Mission: Sie wollte beweisen, dass Frauen im Rock-Zirkus, meist rollenverhaftet als "Muse" oder "Frau an seiner Seite", zu mehr fähig sind. Ihr Pech: Sie heiratete den Rockmusiker Kurt Cobain, Dichterfürst und Gott der Generation X, eine Figur, die so raumfüllend war, dass daneben kaum Platz blieb - schon gar nicht für ein zweites, weibliches Rock-Genie.

Cobains Band Nirvana brachte das bahnbrechende Album "Nevermind" heraus, für viele so etwas wie ein "Sgt. Pepper's" für die Neunziger. Doch nur wenige registrierten, dass seine Ehefrau mit ihrer Band Hole eine Woche vor Cobains Selbstmord ein ebenbürtiges Werk vorlegte, "Live Through This", eine Art "White Album" für die Neunziger. Love bekam keinen Respekt, sie wurde beschimpft als Gattenmörderin, als Yoko-Ono-Hexe und "Madonna für Besoffene" sowie als "Punkrock-Röhre" (Focus).

Wer jetzt, zehn Jahre später, über Courtney Love nachdenkt, muss im Kopf erst mal ein paar Dinge klarkriegen. Courtney Love, das ist ein Multi-Persönlichkeits-Komplex: Love, die Witwe. Love, der Prozesshansel, im Paragraphen-Krieg gegen Cobains ehemalige Band-Kollegen und die gesamte Musikindustrie. Love, die Skandalnudel und Klatschspalten-Insassin. Nicht zuletzt: Love, die Musikerin. Aber den Blick auf ihre künstlerischen Leistungen hat sie zuletzt selbst oft verstellt mit vulgärem, rüpelhaftem, gelegentlich auch törichtem Benehmen.

Februar 2003: Courtney Love beschimpft während eines Transatlantikflugs einen Flugbegleiter. Nach der Landung wird sie in Polizeigewahrsam genommen.

März 2003: Courtney Love zieht sich bei einem Interview mit dem englischen Q-Magazine aus, legt sich nackt auf die Straße und bittet den Reporter, bei der Entfernung von Haaren im Analbereich behilflich zu sein.

Oktober 2003: Courtney Love wird festgenommen, nachdem sie am Haus eines Freundes Fensterscheiben eingeschlagen hat. Kurz nach der Freilassung liefert sie sich selbst mit einer Überdosis Oxycontin ("Hillbilly Heroin") ins Krankenhaus ein.

Heute erscheint nach sechs Jahren auch mal wieder Musik von Courtney Love, "America's Sweetheart", ihr erstes Solo-Album. Darauf fragt sie "Did you miss me?"

Ehrlich gesagt: Nein.

Vieles hätte man von ihr erwartet, alles hätte man ihr zugetraut, nur nicht dass sie ein so brillantes Album produziert. "America's Sweetheart" enthält 12 Stücke. Ungefähr sechs davon wollen unbedingt in die Top Ten. Und wenn es in den Top Ten mit rechten Dingen zugeht, werden es drei Stücke dorthin schaffen.

Zwei schwere Drogenprozesse hat Courtney Love im Moment am Hals, dazu einen unendlichen Sorgerechtsstreit um Francis Bean, ihre und Cobains Tochter. Der Tiefpunkt ihres Lebens aber erweist sich jetzt klar als der Höhepunkt ihrer Kunst. Love, das mittlerweile 39 Jahre alte Riot Girl, sieht gar nicht ein, weshalb sie vom Leben - und von der Kunst - weniger als alles erwarten sollte.

"America's Sweetheart": Nichts ist süß auf diesem Album. Alles ist Aufruhr, Hysterie, Chaos. Love hat eine Form gefunden für ihre Wut, ihr fundamentales Nicht-Einverstandensein mit einem Rock-Business, das Altäre errichtet für tote Männer, aber nicht weiß, wie es mit lebendigen Frauen umgehen soll.

"Hey, hey, yeah", so fängt das erste Stück an, das als Single ausgekoppelte "Mono": "Well they say that rock is dead, and they're probably right". Dass Rock im Moment so abgehalftert und ausgezehrt erscheint wie selten zuvor in der Geschichte, ist eine Tatsache. Man denke an Bands wie Nickelback, armselige Grunge-Kopisten, die mit einem Sound hausieren gehen, der schon vor zehn Jahren leicht ranzig roch. Courtney Love braucht exakt drei Minuten und vierzig Sekunden, um dem Zuhörer den Glauben an die Rockmusik zurückzugeben. Drei Minuten und vierzig Sekunden voll luzide delirierendem Geschrei und manischen Gitarren-Attacken. Die Hamburger Riot-Girl-Band Parole Trixi, heißt es, löste sich auf, nachdem die Musikerinnen "Mono" gehört hatten. Gibt es ein schöneres Kompliment, eine überzeugendere Ehrerbietung für ein Idol?

Dass "America's Sweetheart" aktueller klingt als die anderen musikindustriellen Rock-Angebote im Frühjahr 2004, lässt sich nicht wirklich behaupten. Aber das Album besitzt eine Wucht und Dringlichkeit, die singulär ist. Außerdem ging es bei Rockmusik noch nie um Aktualität, sondern um Mythen. Courtney Love, die mythische Figur, vertont hier das Drama, das sie in den vergangenen Jahren aufführte. Es heißt: Das Drama der begabten Frau. Oder: Eine Dame verschwindet.

Jetzt ist die Dame zurück. Im Ganzen nämlich ist das ein altmeisterlich souveränes Werk, das trotz gelegentlicher "Fucks" und "Shut ups" von Stilbewusstsein und gutem Geschmack zeugt. Sehr ladylike. Dass Courtney Love sich nicht ausschließlich von stumpfen Gitarren ernährt, sondern auch feine Popmusik verehrt von den Beach Boys, den Beatles und Frank Sinatra, das hört man in jedem Ton. Manches Jung-Genie sieht dagegen plötzlich sehr alt aus: die präpotenten Strokes, die berechnend niedlichen White Stripes . . .

"I am the center of the universe", singt Courtney Love, als ob sie in diesem Punkt keinen Widerspruch duldet. So viel Mut. So viel Hingabe. So viel Pop.

Mit diesem Album beginnt - kein Widerspruch! - die Popgeschichte des 21. Jahrhunderts.