Countrymusiker Doug Seegers:"Papa war Gitarrist, ich wollte so sein wie er."

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Auch auf Fragen nach seiner Vergangenheit antwortet Seegers so direkt, als ginge es um die Daten seiner Tournee. Aufgewachsen ist er im New Yorker Stadtteil Queens. Seine Eltern spielten in einer Countryband. Das musikalische Talent läge also in der Familie. Genau wie das Trinken: "Als ich so fünf oder sechs Jahre alt war, nahm mich mein Großvater mit in eine Bar, und dort saß ich dann auf dem Tresen und sang alle Songs von Elvis Presley, die ich auswendig kannte. Es waren einige." Seine Mutter brachte ihm die ersten Akkorde bei. "Papa war Gitarrist, und ich wollte so sein wie er", sagt Seegers und lacht heiser. Darüber, dass sein Vater die Familie verließ, ist er 55 Jahre später immer noch nicht ganz hinweg.

"Ich nahm meine Gitarre und zog mit den Kumpels von der Straße in ein leer stehendes Haus. Wir ballerten uns Heroin rein. Ende der Sechziger machten das alle so."

Seinen ersten Song schrieb Seegers mit 18: "Riker's Island Blues", ein "lustiges Lied" über die Gefängnisinsel im New Yorker East River. Er denkt kurz nach - dass er selbst dort einsaß, liegt lange zurück. Dann singt er mit einem Hank-Williams-Trällern in der Stimme: "Hol' mich aus diesem ollen Knast raus, Schatz. Ich brauche nur 100 Dollar für die Kaution."

Das Lied sollte den Ton für Seegers Leben vorgeben: oft in Schwierigkeiten und meistens knapp bei Kasse. Zwar machte er den Schulabschluss, "meiner Mutter zuliebe", aber am Tag nach der Zeugnisvergabe packte er seine Sachen. "Ich nahm meine Gitarre und zog mit den Kumpels von der Straße in ein leer stehendes Haus. Wir ballerten uns Heroin rein. Ende der Sechziger machten das alle so."

In der Schule hatte Seegers sein Talent für Schnitzereien entdeckt. Er fand eine Anstellung in einer Tischlerei. Sesshaft war er immer so lange, wie es Arbeit gab; von der Musik lebte er, wenn er obdachlos war. Er streckt seine rechte Hand aus. Vier Fingerkuppen haben tiefe Kerben vom Gitarrespielen. Eine fehlt. "In meinen 40 Jahren als Schreiner habe ich mir nur ein winziges Stück Finger abgeschnitten", sagt er stolz. " Das muss mir erst mal einer nachmachen."

In den Siebzigern tourte Seegers eine Weile mit einer Band durch Texas. Doch die Auftritte brachten wenig Geld ein, und das Herumreisen nervte. Seegers ging zurück nach New York, heiratete und bekam zwei Kinder. Er sei ein guter Vater gewesen, sagt er heute, "auch wenn ich nie gelernt habe, den beiden etwas abzuschlagen." Doch der Alltag ließ ihm wenig Raum für die Musik. Als sein Sohn 15 Jahre alt war, holte sich Seegers von diesem die Erlaubnis, die Familie zu verlassen. "Ich wollte nach Nashville, weil dort viele Profimusiker leben. Mir fehlten Gleichgesinnte." In der Hauptstadt des Country wurde er allerdings nicht so herzlich empfangen, wie erhofft. Bei Open-Mic-Veranstaltungen ernteten andere Künstler den Applaus. Ein Bandprojekt mit Frauen scheiterte. "Ich war wohl nicht gut genug", sagt er. Es ist einer der seltenen Momente, in denen Seegers' Stimme bitter klingt.

Wenn er seine Phasen der Obdachlosigkeit beschreibt, hört sich das dagegen an wie ein großes Abenteuer. "Mir hat diese Art zu leben nie Angst gemacht. Ich fand immer einen Platz zum Schlafen. Und wenn mir nach Gesellschaft war, zog ich zu anderen Obdachlosen in ein Camp im Wald. Wir angelten und saßen nachts ums Lagerfeuer." 17 Jahre verbrachte er so. Bis er, der charismatische Obdachlose mit den schlechten Zähnen, einen Song für eine schwedische Pop-Prinzessin schrieb und einen Hit landete.

Wenn Doug Seegers heute "Going Down To The River" singt, klingt der Song nicht mehr ganz so wie früher. Ruhm verändert die Menschen. Seegers hat sich vom Geld aus seinem Plattenvertrag die Zähne machen lassen - das Lispeln, das auf seinem im Mai 2014 in Europa veröffentlichten Album noch zu hören ist, ist weg. Wovon er allerdings auch in Schweden nicht lassen will, sind die Gigs auf der Straße. "Manchmal verschwindet er einfach aus seinem Hotelzimmer", sagt seine Managerin. Dann läuft er durch Straßen, deren Namen er nicht aussprechen kann, bis er einen Platz mit Schatten und guter Akustik findet.

Seegers bleibt Straßensänger. Trotz seiner neuen Zähne

"Eigentlich will ich nicht, dass die Leute mir Geld geben", sagt er. "Ich brauche es ja nicht mehr. Aber ich sehe, dass es sie glücklich macht, einen Straßensänger zu unterstützen. Warum sollte ich Ihnen das verwehren?" Außerdem hätten so auch jene Leute die Chance, ihn zu sehen, die sich keine Konzertkarte leisten können.

Seegers' Leben in Nashville hat sich ebenfalls verändert. Seit einem Jahr hat er ein Zimmer, und für bezahlte Auftritte wird er ab und zu auch gebucht. Sein größter Gig steht ihm aber in der kommenden Woche bevor. Am 16. September ist der Straßenmusiker mit zahlreichen Stars zur Verleihung der "Americana Music Honors & Awards" eingeladen, einer wichtigen Preisverleihung der Folk- und Country-Szene. Da Doug Seegers' Album inzwischen auch in den USA erschienen ist, wurde der 63-jährige Seegers nominiert. Als Newcomer des Jahres.

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