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Serie: "Welt im Fieber" - Senegal:"Wir sprechen uns nach der Krise!"

Die Stadt ist geisterhaft, die Angst hat die Seelen befallen: Ein Arbeiter versprüht in Dakar Desinfektionsmittel, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

(Foto: AFP)

Literaten aus sechs Ländern führen eine globale Chronik. Heute: Kaum einer glaubt, Afrika könnte glimpflich davonkommen. Das ist die alte rassistische Herablassung, die die Wirklichkeit verkennt.

Gastbeitrag von Felwine Sarr

Seltsame Zeiten, in denen das Leben auf seine elementaren Funktionen reduziert ist, die biologischen, vegetativen. In denen man sich darauf beschränkt, seine Gesundheit zu erhalten. Und deshalb den anderen meidet, den potenziellen Träger dieser heimtückischen, unsichtbaren Krankheit. Seltsame Zeit, in der man sich darüber klar wird, dass leben mehr ist, als sich am Leben zu erhalten, dass es heißt, mit anderen zu leben, in Verbindung mit anderen.

Dakar ist eine Stadt, in der die Proxemik stark ist - ein Konzept, das von Kultur zu Kultur unterschiedlich ist. In manchen berührt man sich, betastet sich, umarmt sich, ballt sich zusammen. In anderen hält man die Körper auf Distanz, grüßt sich mit Kopfnicken, beugt den Oberkörper. In Senegal grüßt man sich, indem man sich berührt. Man gibt sich die Hand. Manchmal legt man sie dem andern an die Stirn und ans Herz. Leben heißt zusammen sein. Man bildet Gruppen, auf Bänken, in Hauseingängen, zum Tee, in Garküchen, in Bussen. Man bildet einen Gesellschaftskörper.

Die Stadt ist geisterhaft. Die Angst hat die Seelen befallen. Vor allem die der Städter, die rund um die Uhr mit ihren Bildschirmen verbunden sind, die immer dieselben Informationen verbreiten, ad nauseam. Die steigende Zahl der Infizierten. Der Tod, der mahlt und mäht. Die Defizite des Gesundheitssystems. Die Angst. Immer die Angst.

Ausgangssperre. Von acht Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Am ersten Tag hat die Polizei alle verprügelt, die zu spät waren. Trödelnde Jugendliche, Taxifahrer, Familienväter vor ihrer Wohnungstür. Krankenschwestern und Pfleger, die keinen Bus für den Heimweg fanden. Diese Kultur staatlicher Gewalt geht auf die Kolonialzeit zurück. Unsere postkolonialen Staaten haben sie für ihre Zwecke übernommen. Das Volk, ein Vieh, das man in Schach hält, statt es aufzuklären. Der Präsident dieses Landes hat für diese Aufgabe einen Kommissar ernannt, der traurige Berühmtheit erlangte durch die Brutalität, mit der er bei den Protesten von 2012 gegen die dritte Amtszeit von Abdoulaye Wade vorging. Damals gab es ein Dutzend Tote. Die Krise ist ein Geschenk für die Mächtigen, um die Schrauben anzuziehen, die Bürgerrechte einzuschränken und die autoritäre Wende zu rechtfertigen, von der sie alle träumen.

In Frankreich nutzen sie die Situation aus, um illegale Einwanderer zu vertreiben und zu repatriieren, Boden zu gewinnen in den sogenannten schwierigen Banlieues, dadurch die Randgruppen zu treffen, die Armen, die Schwarzen, die Araber. In Senegal, der Elfenbeinküste, Burkina Faso nutzt man sie, um die Leute unter die Knute oder die Nilpferdpeitsche zu zwingen. Man verwandelt ein Problem der öffentlichen Gesundheit in eins des Erhalts der Ordnung. Attackiert jene, die am verletzlichsten sind, statt ihnen Unterstützung zukommen zu lassen.

"Wir sprechen uns nach der Krise!"

Afrika ist der Kontinent, der am wenigsten betroffen ist, weil er am wenigsten Teil ist der globalen Mobilität. Dieses Mal kommt die Epidemie nicht von hier. Trotzdem verlangt die WHO, der Kontinent müsse aufwachen und sich für das Schlimmste wappnen, und Antonio Guterres, der UN-Generalsekretär, erklärt, es werde hier Millionen Tote geben. Immer die alte rassistische Herablassung, die sich nicht die Mühe macht, die Wirklichkeit wahrzunehmen.

Afrika, das ist eine imaginäre Wirklichkeit. Dass die meisten afrikanischen Länder sehr früh teils drastische Maßnahmen ergriffen haben, während manche europäischen Länder schliefen, spielt keine Rolle. Man sagt uns das Schlimmste voraus. Es ist Afrika! Unvorstellbar, dass der Kontinent glimpflich davonkäme. Man vergisst dabei, dass Afrika eine lange Erfahrung mit Infektionskrankheiten hat. Und eine größere Belastbarkeit Schocks gegenüber. Wir sprechen uns nach der Krise!

Das Virus ist ein Ergebnis des Anthropozäns, einer Zerstörung der Biodiversität durch eine gedankenlose kapitalistische Produktionsweise und der Hybris eines Viertels der Menschheit, der Europäer und Amerikaner, inzwischen auch der Chinesen. Die ganze Welt zahlt den Preis für deren Leichtfertigkeit und Egoismus. Dieses Virus deckt die Anfälligkeit der Weltgesellschaft auf, ihre Ungleichheit, ihren Mangel an Solidarität. Es erinnert uns, dass wir alle dasselbe Schicksal teilen. Niemand wird den Auswirkungen der ökologischen Krise entgehen, die bereits im Gange ist.

Seit der erzwungenen Einstellung der industriellen Hyperproduktion atmen die Flüsse und Ströme besser, die Fische kehren zurück. Selten habe ich auf der Corniche von Dakar so gute Luft erlebt wie in den letzten Tagen. Doch wir beherrschen keine Kunst besser als die des Vergessens. Es steht zu befürchten, dass wir uns nach der Krise nicht mehr erinnern an das Zeichen, das uns Covid-19 gab. Warum sind wir so blind? Warum ist kein Alarm heftig genug, um uns daran zu hindern, gegen die Mauer zu rennen?

Bisher sicherten Konsum, Status, Expansionsdrang das Überleben. Jetzt gefährden sie es

Unser Gehirn ist seit dem Präkambrium darauf programmiert, das Überleben zu sichern: essen, sich fortpflanzen, Informationen speichern, sozialen Status erlangen, neue Gebiete entdecken. Das Gehirn erledigt diese Aufgabe, indem es mit Dopamin Verhaltensweisen belohnt, die das Überleben sichern. Den "Bug humain" nennt das der Neurobiologe Sébastien Bohler. Dieser bug bringt uns dazu, immer mehr zu konsumieren. Dieses Prinzip, das bis jetzt unser Überleben sicherte, bedroht es heute.

Wie sollen wir uns zügeln, obwohl unser Gehirn uns zu Hybris drängt? Religion und gesellschaftliche Konventionen mäßigen uns, mit begrenztem Erfolg. Doch das Mantra vom hemmungslosen Genießen ist das meistgeteilte der Welt.

Was tun? Verzichten auf den Traum vom Hyperkonsum. Für die im industrialisierten Norden bedeutet das, sich mühsam des Konsums zu entwöhnen. Für die im Süden, die in erzwungener Kargheit leben, bedeutet es Verzicht auf das Traumbild der westlichen industriellen Modernität und dieses Modells der Zivilisation. Eine andere erfinden. Diese Krise ist die Gelegenheit dafür.

Felwine Sarr, geboren 1972, lehrt Ökonomie in Saint-Louis, Senegal. Gemeinsam mit Bénédicte Savoy schrieb Felwine Sarr den Restitutionsbericht für Präsident Macron. 2019 erschien von ihm der Essay "Afrotopia" (Matthes & Seitz). Aus dem Französischen von Fritz Göttler.

© SZ vom 07.04.2020/khil
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