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Corona-Theater:Sich selbst überlassen

Theaterparcours Schauspiel Stuttgart

Jeder schaut für sich allein: Eine Zuschauerin in der Werkstatt des Stuttgarter Theaters beim Audio-Parcours durch das Haus.

(Foto: dpa)

Das Schauspiel Stuttgart führt seine Zuschauer durch ein "Phantomtheater für 1 Person". Es ist ein einsamer Audio-Parcours durch das Haus.

Von Adrienne Braun

Sogar an die Verschnaufpausen hat sie gedacht. Vier Stockwerke, da kann einem schon mal die Puste ausgehen. Sie ist umsichtig, diese Frauenstimme, die einem über den Kopfhörer Kommandos gibt und durch die Gedärme des Theaters leitet. Durch hallende Treppenhäuser und leere Gänge führt sie in die Stille des riesigen Malsaals, auf die menschenleere Probebühne, in verlassene Werkstätten und ins Archiv, wo vergilbte Programmhefte an längst abgespielte Produktionen erinnern. Kein Mensch, nirgends, nur diese Stimme im Ohr. Gespenstisch, wie genau sie weiß, wo man gleich seinen Fuß hinsetzen wird - "Vorsicht, Stufe!"

So also schaut es aus, das Theater in Corona-Schockstarre. Da Ansteckung droht, schicken manche Häuser ihr Publikum in kleinsten Gruppen auf theatrale Parcours. Im Schauspiel Stuttgart ist man dagegen mausallein unterwegs. Stefan Kaegi vom Kollektiv Rimini Protokoll hat mit "Black Box" ein "Phantomtheater für 1 Person" inszeniert, das durch verwaiste Werkstätten, Flure und Lager führt. Wie eine Filmkamera soll der einsame Wanderer all die Schauplätze dieser wundersamen Illusionsmaschinerie aufnehmen und im Gedächtnis abspeichern, den kreativen Geistern nachspüren, die hier bisher Theater erschufen.

Es regnet - vor dem Treppenhausfenster. Dabei ist das Wetter eigentlich prächtig. In der Werkstatt für Spezialeffekte schneit es sogar, dicke Flocken rieseln auf eine gemalte Alpenlandschaft vor dem Fenster. Wie von Geisterhand werden auf dem präzise durchgetakteten Rundgang Objekte zum Leben erweckt. Hier ein Globus, der sich plötzlich im Requisitenlager dreht, dort ein Kostüm auf dem Garderobenständer, das sich unheimlich aufbläht.

Auf der Tonspur kommen all jene zu Wort, die normalerweise hier, in der Maske und der Lackiererei, auf der Unterbühne oder im Souffleurkasten ihren Dienst tun. Im Gespräch mit Stuttgartern sinnieren sie über das Theater, wagen auch kühne Thesen: "Es wird nie wieder wie früher sein."

Die Krise nach der Krise hat begonnen. Der Zuschauer wird zum Alleinunterhalter

Noch vor wenigen Wochen hatte der geschäftsführende Intendant Marc-Oliver Hendriks erleichtert erklärt, dass genug zu tun sei im größten Drei-Sparten-Haus der Welt. Malersaal, Schreinerei, Schlosserei würden mit Hochdruck die neue Saison vorbereiten. Nun musste auch das Stuttgarter Theater in Kurzarbeit gehen. Während das Ballett weiter tanzt, hat der Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski sein ausgeklügeltes Corona-Ersatzprogramm wieder absagen müssen. Kein "Sommertheater" im Innenhof, eine letzte Premiere wird am Wochenende noch stattfinden, weitere Vorstellungen wird es davon nicht geben.

Die Krise nach der Krise hat also begonnen - womit Stefan Kaegis Beitrag zum Social Distancing im Theater eine ungeahnte Aktualität erhält. Denn sein klug konzipierter Parcours führt am Schluss zur Bühne, wo man im Schatten nun erstmals auch andere Zuschauer entdeckt. "Noch fünf Minuten bis zum Vorstellungsbeginn", mahnt eine Stimme, als man vor dem Inspizientenpult sitzt. Und schon muss man selber auf die riesige Bühne ins grelle Licht treten und ist den Blicken einer einzigen Zuschauerin ausgeliefert, die den Parcours vor einem absolviert. Jemand drückt den Knopf, den man eben selbst gedrückt hatte, um die Nebelmaschine in Gang zu setzen. Gleich wird ein anderer Zuschauer im Lichtkegel stehen, während man nun selbst im Zuschauerraum sitzend das Trauerspiel verfolgt, bei dem das Publikum sich notgedrungen alleine unterhält. Die Künstler dürfen es nicht mehr, weshalb die Zuschauer sich nun mit den zahllosen Eindrücken, die sie wie ein Kameraauge aufgenommen haben, ihre eigenen Geschichten erzählen.

© SZ vom 17.07.2020

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