Soziale Kontakte in der Krise:Ersatzleben vor dem Schirm

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Global Citizen Together At Home

Ersatzmusik: Lady Gaga beim Benefizkonzert "Global Citizen's One World: Together at Home".

(Foto: AFP)

Digitaltechnik hilft dabei, die Krise zu überstehen. Doch mal ehrlich: Ein Live-Konzert unterscheidet sich vom Stream wie die Liebe vom Liebesfilm.

Von Kurt Kister

Manche deutsche Begriffe sind zu Lehnwörtern im Englischen geworden, etwa "Schadenfreude" oder "verboten". Zu diesen Wörtern mit Migrationshintergrund gehört in der englischen Sprache auch "Ersatz", was in aller Regel eher abschätzig benutzt wird. In der Washington Post nannte zum Beispiel ein Kommentator Trumps wütendes Getwittere "ersatz toughness", sinngemäß also die Imitation von Härte.

Bald beginnt der dritte Monat der medizinisch nötigen Vereinzelung des sozialen Lebens, also des Lebens überhaupt. In einer Situation, in der körperliche Nähe, gar Kontakt gefährlich sein kann, behilft man sich damit, dass man das soziale und kulturelle Leben entkörperlicht. Man weicht mit Gesprächen und Konferenzen, mit Konzerten und Museumsbesuchen, mit Sport und sogar mit dem abendlichen Bier in die immaterielle Sphäre des Netzes aus. Man bleibt zwar allein, sieht aber auf dem Schirm die anderen Alleinbleibenden.

Ein leerer Saal ist mehr Statement als Erlebnis

Man kann diese Sphäre für ebenso real wie reell halten. Vieles, was in der Krise geübt und gemacht werden muss, auch zum Broterwerb in vielen Schreibtischberufen, wird nach der Krise nahezu selbstverständlicher Teil der Arbeitswelt werden beziehungsweise bleiben. Allerdings zeigen die Erfahrungen der letzten Wochen auch, dass die Teilverlagerung des Lebens ins Netz durchaus dazu führen kann, dass ein ersatz life entsteht.

Ein Beispiel: Es gibt eine nahezu unüberschaubare Menge von neuen Musikdarbietungen im Netz. Das sind Großveranstaltungen aus dem Wohnzimmer wie jüngst Lady Gagas Weltkonzert, aber auch Soloauftritte von Pianisten, Sängerinnen oder zusammenvideokonferenzten Chören. Das ist (fast) alles schön, kreativ und macht möglicherweise auch Mut. Aber Igor Levit auf dem Telefon gestreamt oder die umgearbeitete Matthäus-Passion mit drei Künstlern in einem leeren, leeren Saal ist mehr Statement als Erlebnis. Ja, es ist wichtig zu sagen: Wir sind hier, wir machen weiter, wir bleiben. Aber es ist doch auch Ersatzmusik für ein Ersatzleben.

Natürlich ist gegen konservierte Musik als solche nichts zu sagen, im Gegenteil. Erst die fortschreitende Technik von der Lochwalze über die Schallplatte zum Streaming hat die Orts- und Zeitgebundenheit der Musik mehr und mehr aufgehoben. Allerdings kann der Unterschied zwischen einer erlebten und erhörten Aufführung von Mahlers Zweiter Symphonie und einem Download dieser Symphonie fast so groß sein wie der Unterschied zwischen der Liebe und einem Liebesfilm.

Was das Menschsein ausmacht

Telefone und Laptops, Videokonferenzen und Messengerdienste sind nur Geräte und Werkzeuge. Sie vermitteln und bilden ab, was Menschen tun und sagen. Sie konstituieren keine eigene Welt, sondern erweitern die existierende Welt. Allerdings entstehen mit ihrer Hilfe auch die berühmten Filterblasen, die manche für die wirklich wirkliche Welt halten - auch wenn es sich nur um Gebilde handelt, die durch eine Verbindung von Mathematik und Sprache entstehen (die Algorithmen greifen nach mathematischen Gesetzen auf "Inhalte" zurück, die durch bestimmte Begriffe und Wörter definiert werden).

Die Digitaltechnik hilft dabei, die Krise zu überstehen. Allerdings bemerken sehr viele, die jetzt seit Wochen dieses Ersatzleben führen müssen, dass ihnen etwas fehlt, was das Menschsein ausmacht. Das gibt es nicht im Netz.

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