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Großstadt und Corona:Unterwegs mit Abstandshalter

Coronavirus Spazieren Großstadt Berlin

Physisch nah, sozial auf Distanz: Passanten Unter Den Linden in Berlin, um 1900.

(Foto: Getty Images)
  • Ende des 19. Jahrhunderts erkannte die Soziologie ein Grundgesetz des Lebens in der modernen Großstadt: das Zugleich von physischer Nähe und sozialer Distanz.
  • Durch das Gebot der Abstandswahrung und durch die von sozialen Medien erzeugte Nähe kehrt sich dieses Gesetz nun um.
  • Das verändert die Erfahrung des Spazierengehens, die der Schriftsteller Franz Hessel für das Berlin der Jahrhundertwende eindrücklich beschrieben hat.

In einem der Videos, die derzeit durch die sozialen Netzwerke geistern, kann man einem älteren Italiener zusehen, der sich für einen Spaziergang rüstet. Er hat sich aus Kartonpappe vier spitz zulaufende Abstandshalter gebastelt, einen trägt er vor dem Bauch, einen im Rücken, einen an der rechten und einen an der linke Seite. Er kann sie, einzeln oder auch insgesamt hochklappen, dann sieht er aus wie ein trauriger eingesperrter Vogel. Längst ist seiner wunderbaren Erfindung der Charme des Überflüssigen zugewachsen. Die Chancen, dass er sich eine großstädtische Menge oder auch nur Menschentraube vom Leib halten muss, sind drastisch gesunken.

Der säkulare Schutzheilige aller Berliner Spaziergänger ist der Schriftstellers Franz Hessel. Er wurde 1880 in Stettin geboren, kam als Achtjähriger in die Stadt, wuchs zwischen Landwehrkanal und Tiergarten auf und starb 1941 im französischen Exil. Seine Kindheit und Jugend fiel in die Zeit, in der die noch junge Soziologie ein Grundgesetz des Lebens in der modernen Großstadt erkannte, das Zugleich von physischer Nähe und sozialer Distanz. Ein Großstädter im Omnibus ist von Fremden umgeben, denen er nahekommt und ins Gesicht schauen kann, ohne den Impuls verspüren zu müssen, ein Gespräch anzuknüpfen. Die Fremden, an denen er im Warenhaus, auf dem Bahnsteig oder der Einkaufsstraße vorbeigleitet, dürfen ihm gleichgültig sein. Er beherrscht die Kunst, noch in Situationen extrem dichter physischer Nähe die soziale Distanz zu wahren.

Der Abstandsimperativ in Corona-Zeiten kehrt die Konstellation der klassischen Moderne um. Er verbannt die physische Nähe aus der Großstadt, dem angestammten Terrain von Menge und Masse, und setzt die soziale Verbindung bei physischer Distanz an ihre Stelle. Da kommt die Infrastruktur der social media gerade recht. Das Internet ist schon seit langem eine Relaisstation von Distanzkommunikation, nun wird es zum Asyl aller sozialen Veranstaltungen, die auf physische Nähe verzichten müssen. Zu den Ausnahmen eingeschränkter Bewegungsfreiheit gehört neben dem Gang zum Arzt, zum Lebensmittelhändler oder, wo es absolut nottut, zum Arbeitsplatz der Spaziergang. Er ist zu einem kostbaren Gut geworden, eine Outdoor-Entlastung von der Norm des Zuhausebleibens.

Für Menschen, die in die Schule der Großstadt gegangen sind, hat Franz Hessel sein Buch "Spazieren in Berlin" (1929) und den Essay "Von der schwierigen Kunst spazieren zu gehen" (1932) geschrieben. Schon während wir uns auf den Weg zum letzten Berliner Wohnort Hessels machen, beim Gang durch den schmalen Fußweg zur Kreuzung Martin-Luther-Straße / Hohenstaufenstraße fällt auf, wie sehr sich ein Grundelement des großstädtischen Spazierens verändert hat, die Ausweichbewegung. Jeder Passant auf einer belebten Einkaufsstraße beherrscht diese Minimalbewegung der Mikroverlangsamung oder Mikrobeschleunigung. Sie ist zur zweiten Natur geworden, wer jemanden anrempelt, entweder eine Figur der Unhöflichkeit oder des Ungeschicks. Nun ist jeder Fremde, der entgegenkommt, von einem unsichtbaren Abstandshalter umgeben. Nur vereinzelt begegnet dieser Fremde, allenfalls als Paar, kein Problem, wenn das Trottoir breit genug ist. Droht aber eine Enge, so ist der Wechsel der Straßenseite wahrscheinlich. Er kann auch andere Gründe haben. In vormodernen Gesellschaften waren es oft Hierarchien, die das Ausweichen regelten, Höhergestellte oder Offiziere hatten nicht nur beritten, sondern auch als Fußgänger größere Rechte im Raum.

Franz Hessel vor dessen letztem Wohnhaus in der Lindauer Straße 8 wir nun stehen, war der Anwalt der bürgerlichen Spaziergänger. "Heimat ist Geheimnis, nicht Geschrei", steht auf der golden schimmernden Gedenktafel rechts neben der Eingangstür. Im nahen Bayerischen Viertel erinnern Gedenkschildern an die Einschränkung der Bewegungsfreiheit für Juden in den Jahren 1933 bis 1936, als er hier gelebt hat. Hessels Spaziergänge führten nur ausnahmsweise ins Grüne, sie nehmen die Natur vornehmlich dort in den Blick, wo sie Schauplatz von Gesellschaft ist. Hessels Kunst des Spaziergangs war vom Weg zum Termin oder zur Arbeit streng geschieden, auch zum Ausflug stand sie im Kontrast. Der Ausflug hat ein Ziel, einer seiner Fluchtpunkte ist die Sehenswürdigkeit oder das Ausflugslokal. Je absichtsloser ein Spaziergang, desto wahrscheinlicher, dass er dem Großstädter seine Stadt neu erschließt, so Hessels Lehre.

Leere herrscht auf dem Tauentzien, kaum Passanten an der Gedächtniskirche

Vielleicht ist diese Intentionslosigkeit das erste Element, was dem Spaziergang in Zeiten des sozialen Ausnahmezustands abhanden kommt. Einfach dadurch, dass er für das viele Zuhausebleiben entschädigen muss, das ja nur obenhin der Muße gleicht. Wenn Hessel die Kunst feierte, in den Straßen so zu lesen wie in einem Buche, wollte er den Blick schärfen für das Straßentheater ohne Schauspieler und Regisseure, für die Großstadt als Abenteuer im Nahbereich. Jetzt zeichnet sich, auf dem Weg von der abgelegenen Lindauer Straße über den Viktoria-Luise-Platz Richtung Tauentzien das Schauspiel des eingeschränkten Großstadtalltags ab. Sehr weit auseinander sitzen die Menschen auf den Bänken am Platz, auch die zusammenfaltbaren Stühle, die manche mitführen, sind mit unsichtbaren Abstandshaltern ausgestattet Vor dem Postamt am Wittenbergplatz hat der Abstandsimperativ die Schlange, die sonst den Innenraum füllt, in die Länge gezogen, sie reicht nun bis an den Straßenrand.

Der Markt, auf dem kaum jemand einkauft, und vollends Tauentzien und Kurfürstendamm, die Hessel unter dem Titel "Berlins Boulevard" als Zentren des urbanen Lebens gefeiert hat, sind von jener Leere in Besitz genommen, die es nur dort gibt, wo Fülle, Gewühl, Gedränge der Normalzustand sind. Das fest umschlungene Gucci-Paar auf dem Riesenplakat an der Fassade des geschlossenen KaDeWe schaut auf ein nicht vorhandenes Publikum herab. Kaum Passanten an Gedächtniskirche und Breitscheidplatz. Den Waren in den Schaufenstern fehlen die Kunden, denen sie verführerische Blicke zuwerfen könnten. Fast alle Baustellen geschlossen, nur an einer werkeln ein paar Arbeiter dicht an dicht. Ansonsten haben sich die Gesten physischer Nähe an den Bahnhof Zoo zurückgezogen. In der Gruppe von sieben nah bei einander stehenden Plastiktütenträgern, die vor kurzem noch nicht aufgefallen wären, geben die Raucher einander Feuer. Und eine Kapuzenfrau schüttelt doch tatsächlich einem Mützenmann die Hand. In den Blick, der dergleichen registriert, ist das Abstandsgebot eingewandert.

© SZ vom 25.03.2020/khil
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