bedeckt München

Serie: "Licht an" mit Hans Hütt:Ein Loblied auf die Menschheit

Hans Hütt (Foto: Angela Zumpe)

(Foto: Angela Zumpe)

Wie kommt man durch die dunklen Pandemie-Wochen? Vielleicht, indem man das Virus sprechen lässt. Man muss nur genau hin-, also in sich hinein hören. Ein Traum.

Gastbeitrag von Hans Hütt

In der vergangenen Woche beschloss ich, an einer Studie mit einem schon bekannten Impfstoff gegen Tuberkulose teilzunehmen. Vielleicht stärkt er, bis ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 verfügbar ist, die körpereigenen Abwehrkräfte. Die Ärztin sagte: "Ich werde Sie jetzt randomisieren." In der Nacht darauf erschien mir Sars-CoV-2, und ich erträumte diese Rede.

"Ich darf mich Ihnen vorstellen? Sie erinnern sich an meine Stiefonkel Mers und Sars? Sie haben ihre Botschaft nicht verstanden. Die beiden waren meine Herolde. Sie dienten mir als Kundschafter, als Feldvermesser. Sie prüften Ihre Abwehr, sie testeten unsere Gegenmittel, und sie ersannen Listen, wie Ihre Abwehr zu umgehen wäre, während ich bei den Fledermäusen nach langer Zeit des Wartens langsam ungeduldig wurde. Ich sehnte mich schon immer danach, meinen Stammwirt zu wechseln. Sie kennen das? Mir wurde es zu langweilig in den Fledermäusen. Im Fledervieh schwebte ich durch die Nacht und kam euch nahe genug, um zu wittern, was an euch so verlockend ist. Ihr seid die ideale Brutstätte für meine Vermehrung. Ihr garantiert mir Unsterblichkeit. Jede Öffnung in euren Körpern (jede!), jede Gelegenheit, die ihr zum Feiern, Essen, Trinken und Tanzen nutzt, jedes Mal, wenn ihr euch zu nahe kommt, jede ungewaschene Hand, mit der ihr in den Ohren und den Nasen popelt, die Augen reibt, den Mund abwischt oder einen Fleischfaden aus den Zähnen pult, sie dient mir als Tor in den Garten Eden - euren Körper. Eure Abwehrkräfte habe ich lange genug studiert.

Jede nächste Generation, in der ich mich vervielfache (für euch sind es Millisekunden, für mich heißt es Ewigkeit) beschleunigt meinen Vortrieb. Komme ich weit genug über eure Schleimhäute, so merkt ihr, dass ich in euch angekommen bin. Hosianna, flüstere ich nun zu mir selbst! Was immer ihr nun tut, schlafen, trinken, schwitzen, Zuflucht zu Hausmittelchen, ein Likörchen, ein Aspirinchen, es ist ungeeignet. Ihr schwitzt? Um so leichter sause ich auf und in euch herum. Ihr mobilisiert eure Körperabwehr und eure T-Zellen? Sie dienen mir als Mondfähren in euer All. Ihr dient mir als Brandbeschleuniger, als Brutstätte, um mit euch und gegen euch die Welt zu erobern. Wenn ihr glaubt, ich hätte euch schon wieder verlassen, so warte ich verpuppt auf die nächste Gelegenheit, euch Pein zuzufügen, morgen, in einem Monat, vielleicht in ein paar Jahren. Ich verwandele euch in fitte Sieche.

Jetzt kommt das Fortissimo meines Lobliedes auf euch Menschen, jetzt geht noch eine Runde aufs Haus!

Kein Organ, das ich nicht längst erkundet hätte, keine Zelle, die mir nicht als Schlaf- und Brutstätte diente, ich bleibe euch erhalten. Denn ich habe eine Mission. Wenn ihr es schon selbst nicht fertig bringt, euch zu vernichten, so übernehme ich das Ruder und leiste ganze Arbeit. Kommt ein Schwall frischen Blutes, klammre ich mich in jeder Kurve fest (ihr seid auch innen kurvenreich!), ich verklumpe ein paar Blutgefäßchen, sie sind noch zu klein, um entdeckt zu werden, eine Au für mich, bald ein Au für euch. Ihr habt mit dem anschwellenden Nachschub an frischen Kranken genug zu tun, um eure Aufmerksamkeit nicht zu sehr mit den Genesenen zu verschwenden. Eure Reha-Experten haben das verstanden, weil sie mit so vielen Symptomen konfrontiert sind, die sie nicht einordnen können oder gegen die sie kein Mittel haben. Jetzt aber kommt das Fortissimo meines Lobliedes auf die Menschheit, meinen Lieblingswirt, jetzt geht noch eine Runde aufs Haus! Die Virologen tappen noch im Helldunkel ihrer Erkenntnisse herum. In der Masse sorgt ihr selbst als meine besten Helfershelfer dafür, dass ich floriere und unaufhaltbar werde.

Covid, Covid, Covid schreit ein Superheld und tut so, als habe er mich überwunden. Der Wahnsinn, den er verbreitet, macht euch schlachtreif für meine nächsten Angriffswellen. In eurer Mitte gedeiht ein Milieu, das weder hören will noch fühlen, das eine Freiheit verteidigt, die einst das soziale Gewebe konstituierte, das euch so stark gemacht hatte, das nun aber zerreißen könnte, das Gewebe, das eure Gesellschaft zusammenhielt. Euch nicht mehr berühren, euch nicht mehr nahe kommen zu dürfen, weckt in euch eine unstillbare Sehnsucht genau danach. So verteidigt ihr eure Freiheit und zeigt euch blind für die Folgen, für meinen Plan, euch Schaden zuzufügen. Ihr missversteht Abstandsgebote als Ermunterung dazu, Mitgefühl und Achtsamkeit für Euresgleichen zu verhöhnen. Was ihr euren Zusammenhalt genannt habt, erlebt nun eine Zerreißprobe, auf die ich hinarbeite, damit ihr, durch eigenes Zutun, mit meiner Hilfe endlich zugrunde geht. Habe die Ehre!"

Ich wachte auf. Seit ich randomisiert wurde, muss ich so tun, als sei ich positiv, weil mein Mitbewohner wegen einschlägiger Symptome getestet wurde. Das Ergebnis "liegt bald vor", hieß es. So lange gehen wir uns in der geteilten Wohnung aus dem Weg, wir desinfizieren alles, was wir berührt haben könnten, wir schnüffeln durch die FFP2-Masken den eigenen Atem. Das Wetter spielt späten Frühling. Gut für Hündin Lola und mich. Sie ist mein täglicher Trost, und sie ist die Quelle meiner Widerstandskraft, auch ohne Doppelblindstudie das Unaushaltbare auszuhalten. Ihr Fell ist frisch entfilzt, hosianna, wir können riechen und schmecken!

Der Publizist Hans Hütt, geboren 1953 am Niederrhein, lebt in Berlin. Michael-Althen-Preis für Kritik 2014. Zuletzt erschien von Hütt im Dudenverlag: "Wilde Jahre, kühne Träume - Sprache im Wandel der Zeit".

© SZ/gor/khil
Zur SZ-Startseite

Kontaktbeschränkung, die Welt hat geschlossen, und das im Winter. Wie also kommen wir ans Licht? In der SZ-Serie "Licht an" finden Sie persönliche Geschichten von Künstlerinnen und Künstlern.

  • Auf der Parkbank

    Eines sonnigen Mittwochs bestieg ich in Wedding eine Parkbank und begann vorzulesen, ohne Mikrofon, aber doch so laut und deutlich, wie ich konnte. Eine unangenehme Erfahrung war das nicht.

  • Ein Loblied auf die Menschheit

    Wie kommt man durch die dunklen Pandemie-Wochen? Vielleicht, indem man das Virus sprechen lässt. Man muss nur genau hin-, also in sich hinein hören. Ein Traum.

  • Wir müssen da durch

    Ein paar Empfehlungen für diese Tage. Auch Bücher. Auch solche, die wenig mit Literatur zu tun haben. Das ist hier nicht der Bachmannpreis.

  • Eva Sichelschmidt, Licht an. Der große Schlaf

    "Ich war's nicht, Corona ist es gewesen", dies ist mein Mantra. Es ist, als hätte das Virus alle Schuldgefühle endlich ausgelöscht. Mein Dasein als Sorgenstaubsauger hat ein Ende.

  • Joachim Lottmann Lockdown Corona Wien Zeit der Zärtlichkeit

    Endlich ist Schluss mit den Lockerungen, in Wien ist alles wieder still. Dazu die Kälte. Schön. So kommt der Mensch zu sich. Über den Lockdown in der österreichischen Hauptstadt.

  • Thalia Kinos Filmgespräch Fühlen sie sich manchmal ausgebrannt und leer Regisseurin Lola Randl * Zeit für Trüffel, Sauerkraut und den Liebhaber

    Die Tage werden dunkler, die Pandemie bedrückender. Wie kommt man da durch?

  • Lutz Seiler Corona Licht an Es rauscht im Kieferngewölbe

    Was hilft durch die düstere, bedrückende Zeit der Pandemie? Gespräche auf Bänken mit Stulle und Thermoskanne - und Selbstgespräche unter Bäumen.

  • 'GOLIATH96' Premiere In Hamburg; Katja Riemann Man will nicht allein sein

    Grüner Tee am Morgen, Pfefferminztee am Abend und dort in Kontakt gehen, wo es möglich ist. Und es hilft in diesen Zeiten, mit vielen Mitbewohnern unterschiedlicher Herkunft zusammenzuwohnen.

  • Eva Menasse, österreichische Autorin; Eva Menasse Solange wir leben, bleibt das Beste immer möglich

    Ja, es kommen dunkle Wochen. Aber anstelle von weihnachtlichem Warenkapitalismus könnte es eine Zeit für das Detail sein, für die Überraschung. Und für die Dankbarkeit.

Lesen Sie mehr zum Thema