Süddeutsche Zeitung

Corona und Kultur:Gerade weniger wichtig

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Nur die Kinder wurden in der Coronakrise hartnäckiger ignoriert als die Kunst. Sie gilt derzeit als Best-Case-Beschäftigung. Unabhängige Kunstschaffende leiden unter der Unsicherheit. Sie brauchen eine Stimme, die ihre Forderungen vertritt.

Kommentar von Sonja Zekri

Für alle, die schon beim Friseur waren, lautet die gute Nachricht: Auch Nagelstudios dürfen bald vielerorts wieder öffnen. Wenn sie überlebt haben. Landschaftsaufnahmen für einen Kinofilm hingegen sind in Deutschland noch nicht wieder erlaubt. Wenn eines Tages wieder gedreht werden darf, wird man sehen, was von der Kinobranche übrig ist. Man weiß nur noch nicht, wann das sein wird. Man weiß ohnehin sehr wenig.

Nach vielen Wochen hat sich die Kanzlerin am Samstag erstmals etwas entschiedener der Kultur gewidmet. In ihrer Videobotschaft versprach Angela Merkel der Kulturbranche Unterstützung, damit die "breite und vielfältige kulturelle Landschaft" auch nach der Pandemie "weiterexistieren" könne. Nun sollten Konzepte für Hygiene und Sicherheitsbestimmungen für Theater oder Opern entwickelt werden.

Auch Baden-Württembergs Kunstministerium möchte in dieser Woche "konkrete Regelungen" für den Wiederbeginn des Kulturlebens vorlegen und "Spielräume für kleine kreative Formate" bieten. Und Bayerns Kunstminister Bernd Sibler ist durchaus zuversichtlich, dass die Künstler des Landes in dieser Woche Anträge auf Nothilfe im Internet stellen können, man sei "auf der Zielgeraden". Die Rückkehr zum normalen Kulturbetrieb aber werde langwierig, warnt Sibler.

Nun weiß zwar niemand, was "normal" ist oder je wieder werden wird. Aber für einen "Kulturstaat" (so die Bayerische Verfassung über Bayern), dessen Ministerpräsident sonst als leidenschaftlicher Kulturmensch auftrat, mit dem Münchner Filmfest die Berlinale überholen wollte, und generell ohne Kino nicht in den Schlaf findet, ist das entlarvend schwach. In einigen Bundesländern haben die Museen wieder geöffnet, in Nordrhein-Westfalen können Kinos, Theater und Opernhäuser Ende Mai vor Publikum spielen. Gemessen an der sonstigen Vernachlässigung von Kunst und Kultur in der Corona-Krise wirkt das direkt flott.

Es fließt Geld zur Rettung der Kultur, viele Millionen Euro. Der SPD-Kulturexperte Martin Rabanus fordert sogar eine "Kultur-Milliarde". Und die staatlichen Opernhäuser, Theater und Museen waren nie sehr gefährdet. Aber private Veranstalter? Filmverleiher? Sänger? Sie sind nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen, weil sie ein kreatives Tief oder gerade keine Lust haben, sondern weil sie nicht arbeiten dürfen, weil sie nicht einmal wissen, wann sie wieder arbeiten können, weil Kunst, kurz gesagt, gerade nicht so wichtig ist. Schön, gewiss, aber gesamtgesellschaftlich betrachtet: eine Bestcase-Beschäftigung, ein Accessoire

Hier und dort hört man Einwürfe, dass Kunst system- oder gar demokratierelevant sei. Das ist sie nicht, das sollte man besser auch nicht von ihr erwarten, damit tut man ihr keinen Gefallen, derlei politische oder schlimmer noch: ideologische Nutzen-Rechnungen richten großen Schaden an.

Aber die Branche hat nicht nur keine Lobby, sondern auch keine Stimme. Manche Kritiker und Kulturschaffende fordern staatliche Stützungskäufe von Kunst für Museen und Einkommen für Künstler. Andere verlangen, umgekehrt, ein beherztes Zurückdrängen der der verzerrenden staatlichen Kulturförderung zugunsten der freien und unabhängigen, der reinen Kunst.

Krisen offenbaren Prioritäten. Und hartnäckiger ignoriert als die Kunst wurden in dieser Krise wohl nur die Kinder. Früher wurden, nachdem die Pest durch das Land gezogen war, Kapellen gebaut und Pestsäulen errichtet. Auch nach dieser Pandemie wird man sich der Kunst erinnern. Wenn es richtig gut läuft, wird Angela Merkel auch wieder Bayreuth besuchen können.

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SZ vom 09.05.2020
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