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Berliner Pilotprojekt:Kultur im Stop and go

Coronavirus - Pilotprojekt der Berliner Bühnen

"Endlich wieder unter Menschen": das getestete, im Schachbrettmuster sitzende Publikum vor Beginn der Vorstellung "Panikherz" im Berliner Ensemble. Die Aufführung machte den Auftakt des Berliner Pilotprojekts.

(Foto: Annegret Hilse/dpa)

Die Berliner Modellversuche, mit getestetem Publikum wieder Kultur zu ermöglichen, sind nicht abgesagt. Sie pausieren über Ostern nur. Weitere Pilotprojekte soll es jedoch nicht geben.

Von Christine Dössel

Verwirrung um das Berliner Pilotprojekt "Testing", den Versuch, Kulturveranstaltungen mit getesteten Zuschauern zu ermöglichen. Am Wochenende schien es so, als ließe Corona auch diesen Testballon platzen. Die Nachrichtenagentur dpa meldete nach einer Sitzung des Berliner Senats am Samstag, die Testreihe werde wegen steigender Infektionszahlen gestoppt, und zitierte den Regierenden Bürgermeister Michael Müller mit dem Satz: "Es ist völlig klar, dass die Modellprojekte, die wir uns vorgenommen haben, für Kultur, für Sport, möglicherweise für Gastronomie, so jetzt nicht weiter umgesetzt werden können." Sie würden zurückgestellt.

Abgesagt? "Nein, das Testprojekt pausiert nur zwischen dem 1. und 5. April", sagt Daniel Bartsch, Pressesprecher der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa, am Sonntag der SZ. Die Pause entspreche dem Zeitraum der von der Bundesregierung verordneten und dann wieder gecancelten "Osterruhe". Aber es gelte (da hat er extra noch mal bei seinem Chef, Kultursenator Klaus Lederer, nachgefragt): "Wir bringen dieses Pilotprojekt zu Ende!" Das sei nur "unglücklich kommuniziert" worden. Nach Ostern werden also die restlichen drei der insgesamt neun Testveranstaltungen nachgeholt, so etwa die "Figaro"-Aufführung an der Staatsoper Unter den Linden, dirigiert von Daniel Barenboim, und "Francesca da Rimini" an der Deutschen Oper. Anders als ursprünglich angedacht werde es aber danach keine weiteren Pilotprojekte geben, so Bartsch.

Zuschauer aus dem Häuschen, Schauspieler glücklich

Vor einer Woche hatten die ersten Berliner Bühnen für das bundesweit beachtete Pilotprojekt geöffnet. Aufführungen mit getestetem Publikum sollten beweisen, dass sichere Vorstellungen möglich sind. Den Anfang machte das Berliner Ensemble (BE) mit zwei Aufführungen von "Panikherz" nach dem Buch von Benjamin Stuckrad-Barre vor jeweils 350 Zuschauern. Es folgte ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Chefdirigent Kirill Petrenko, dem 1000 Menschen beiwohnten. Am Samstag gab es auch ein Pilot-Event der Berliner Clubszene mit 70 Besuchern. Online-Anmeldung, Vorlage eines negativen Schnelltests samt Personalausweis und das Tragen einer FFP2-Maske waren Bedingung.

"Der Testlauf war super", sagt BE-Intendant Oliver Reese am Telefon. "Alles ist reibungslos verlaufen, auch bei den anderen Veranstaltern. Es gab keine einzige infizierte Person. Wir betrachten das Experiment als komplett gelungen." Die beiden BE-Vorstellungen von "Panikherz" seien binnen vier Minuten ausverkauft gewesen, "die Zuschauer waren aus dem Häuschen, die Schauspieler glücklich". Zum Schluss hüpfte Stuckrad-Barre über die Bühne und freute sich: "Endlich wieder unter Menschen!"

Reese setzt auf die Beweiskraft dieses Projekts, "um Kultur wieder an den Start zu bringen". Gewährleistet sei eine "doppelte Sicherheit": Zu den Hygiene- und Sicherheitskonzepten der Bühnen komme "das Testing zusätzlich noch obendrauf".

Die Erkenntnisse werden im April ausgewertet und von der Kultursenatsverwaltung zur Verfügung gestellt, als mögliches Szenario für die Wiedereröffnung der Kultur. Ein Ergebnis: Bei Veranstaltungen mit Schnelltests direkt vor den Theatern fallen Zusatzkosten von etwa 20 Euro an. Bei dem Konzert in der Philharmonie war die Hälfte der 1000 Besucher vor Ort getestet worden. Zusammen mit den Tests für das Personal machte dies 23 000 Euro. Die 35 Euro pro Test ließen sich durch bessere Abläufe auf knapp unter 20 Euro senken. Wer diese Mehrkosten zahlt, wird noch zu klären sein. Beim Pilotprojekt hat sie der Berliner Senat übernommen.

© SZ
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