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Serie "Welt im Fieber": Kenia:Für eine Handvoll Dollar

Corona Afrika Kenia Rassismus

Wie wäre es, wenn die Afrikanische Union schwarzen Amerikanern eine AU-Staatsbürgerschaft ihrer Wahl anböte?

(Foto: dpa)

Ein Virus namens Rassismus: George Floyds Tod ist eine Anklage gegen die USA - aber auch gegen den Rest der Welt.

Gastbeitrag von Zukiswa Wanner, Kenia

Von Brigitte habe ich schon erzählt in dieser Kolumne. Brigitte ist eine Leserin dieser Zeitung, die Geld schickte, um den Frauen am Tor unserer Community zu helfen. Vorigen Sonntag sandte sie mir eine E-Mail. Sie und ihre Freunde hatten Geld gesammelt und mir überwiesen, damit ich es an die Frauen am Tor weitergebe.

Als ich ihr im Namen der Frauen dankte, schrieb sie mir unter anderem: "Wir sind glücklich, dass wir ein wenig helfen können. Es ist reiner Zufall, dass wir hier in Europa geboren sind, ohne jedes Zutun. Auch wir könnten wie diese Frauen sein, das sollte man nie vergessen."

Am vergangenen Dienstag ging ich zur Bank, um das Geld für die Frauen zu holen. Jede von ihnen bekam etwa vierzig US-Dollar. Wir waren immer noch betrübt über den Tod Kevins und warteten auf die Überführung seines Leichnams, doch als ich mich mit den Frauen am Tor unterhielt, löste das meine Stimmung ein wenig. Aber nicht für lange.

Stunden später zeigte mir mein Sohn, fast 15, ein Video, das in den sozialen Medien die Runde machte. Mein Herz brach. Nicht schon wieder.

"Ich kriege keine Luft", sagte George Floyd mehrere Male, als ein Polizist seinen Hals mit dem Knie runterdrückte, dann starb er. Derek Chauvin, der Polizist, der George Floyd in Minneapolis tötete, war in mindestens drei andere Fälle von Gewalt gegen Zivilisten verwickelt.

Es war nicht das erste Mal, dass die Welt Brutalität amerikanischer Polizei gegen schwarze Körper erlebte. Die Parallelen sind unübersehbar zwischen George Floyds Tod und dem eines anderen Mannes in einer anderen amerikanischen Stadt, New York, fast sechs Jahre zuvor. Eric Garner. Auch Garner sagte im Video, von einem Polizisten in einen Würgegriff genommen, in äußerster Bedrängnis: "Ich kriege keine Luft. Ich kriege keine Luft." Elf Mal sagte er, dass er keine Luft kriege.

Amerika hat auch schon vorgeführt, dass es Schwarze ermorden kann, die erst zehn sind

Und da waren andere. Ahmaud Arbery. Philando Castile. Sandra Bland. Tamir Rice. Aiyana Jones. Trayvon Martin. Oscar Grant. Amadou Diallo. Michael Brown. Laquan McDonald. Freddie Gray. Breonna Taylor.

Das sind nur einige der Namen. Jedes Mal, wenn eine weitere Person getötet wird, bedeutet das eine schwere Anklage gegen die Vereinigten Staaten von Amerika und stellt den amerikanischen Anspruch infrage, das "land of the free" zu sein. Es ist sicher kein freies Land für Schwarze. Vor vier Jahren fragte meine Cousine, die in den Vereinigten Staaten lebt, meinen damals elfjährigen Sohn, wann er sie denn mal besuchen käme. Er deutete auf seine Haut und antwortete: "Du wirst nach Kenia kommen müssen, Tante Vee, oder wir treffen uns in Simbabwe oder Südafrika. In Amerika bringen sie Jungen um, die aussehen wie ich."

George Floyd war ein Jahr älter als der Vater meines Sohnes und viele seiner Onkel. Aber Amerika hat auch schon vorgeführt, dass es Schwarze ermorden kann, die erst zehn sind.

Wie muss das sein, sich jedes Mal innerlich anzuspannen, sobald man einen Polizisten sieht, weil man nur seinen potenziellen Mörder in ihm sehen kann? Wie muss das sein, sich ständig kleiner machen zu müssen vor Menschen mit hellerer Hautfarbe, sodass man nur ja nicht bedrohlich rüberkommt? Wie muss das sein für Eltern, sein Kind aus dem Haus gehen zu lassen und dann mit Herzklopfen zu warten, bis das Kind wieder zu Hause ist? Ich war in den Vereinigten Staaten und habe Freunde dort, ich weiß, dies ist Realität für viele Afroamerikaner.

George Floyd ging in einen Laden, um Zigaretten zu kaufen. Der Verkäufer dachte, der Zwanzigdollarschein, mit dem George bezahlte, sei gefälscht. Er forderte George Floyd auf, die Zigaretten zurückzugeben. George Floyd weigerte sich. George Floyd ging hinaus und setzte sich zu seinen Freunden in den Wagen. Der Verkäufer rief die Polizei.

Ein Polizist in den Vereinigten Staaten ermordete George Floyd wegen eines Päckchens Zigaretten. Oder, wenn Sie so wollen, wegen zwanzig Dollar.

In einem der reichsten Länder der Welt wurde ein Mann ermordet wegen der Hälfte der Summe, die Brigitte für jede der Frauen an meinem Tor überwiesen hatte.

George Floyds Tod ist eine Anklage gegen die USA. Es ist auch eine Anklage gegen den Rest der Welt.

Das Statement der Afrikanischen Union, in dem sie verdammt, was in Minneapolis passierte, ist bestenfalls nett. Es wäre mehr wert, wenn sie schwarzen Amerikanern, die das wollen, die Staatsangehörigkeit in jedem AU-Land ihrer Wahl anbieten würde.

Wenn wir weiter Handel treiben und diplomatische Beziehungen unterhalten mit den Vereinigten Staaten, heißt das angesichts der Ermordung von Afroamerikanern dort, dass auch wir denken, schwarze Leben in Amerika zählen nicht.

Die südafrikanische Schriftstellerin und Kuratorin Zukiswa Wanner, Jahrgang 1976, hat im Lockdown ein Online-Literaturfestival mitbegründet. Sie lebt in Nairobi. Aus dem Englischen von Fritz Göttler.

© SZ vom 02.06.2020/khil

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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