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Serie "Welt im Fieber": Brasilien:Brasilien läuft die Zeit davon

Coronavirus - Brasilien

Nelson Teich, der neue brasilianische Gesundheitsminister, hat als eine seiner ersten Amtshandlungen eine Lockerung der Einschränkungen zur Eindämmung des Corona-Virus angekündigt.

(Foto: Eraldo Peres/AP/dpa)

Inkompetente Politiker und jeden Tag Hunderte Tote: In Brasilien scheint vieles wichtiger zu sein als der Kampf gegen das Coronavirus.

Gastbeitrag von Katherine Funke

Das Virus trifft die ganze Menschheit. Einige Orte erfasst es früher, andere später. Sechs Literaten aus sechs Ländern führen eine globale Chronik. Heute: Brasilien.

Hier bei mir zuhause habe ich eine besondere Kuckucksuhr. Zu jeder Stunde singt ein anderer brasilianischer Vogel. Der Tagschläfer, der Pirol, der Orpheus-Zaunkönig, der Schwarzkopf-Reisknacker. Es sind zwölf, ist ja klar. Wie buddhistische Mantren erinnern mich diese zwölf Melodien daran, dass der Mensch niemals das Zentrum aller Entscheidungen sein sollte. Der Mensch ist nur ein Teil des großen Ganzen auf diesem Planeten, wo alle Lebewesen verbunden sind. Wo jedes Leben zählt.

Diese Kuckucksuhr würde ich gern unserem neuen Gesundheitsminister Nelson Teich zeigen. Er sagte, er renne gegen die Zeit an. Das ist herzlich wenig. Wenn er rennen würde, erschiene die Lage vielleicht nicht mehr so erschreckend. Denn der Minister hält eine Zeitbombe in der Hand. Und wir stehen schon eine Minute vor der Explosion. Ich wünschte, dass er die Bombe entschärfen könnte, aber Hoffnung habe ich keine. Wir haben schon viel Zeit verloren. Als das Coronavirus anfing, sich auf dem Planeten auszubreiten, hatte Brasilien noch Zeit, sich vorzubereiten. Seit dem ersten Fall, am 26. Februar sind in Brasilien 4057 Menschen an Covid-19 gestorben. Unter ihnen Jugendliche und zwei Babys.

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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Aber Brasilien ignoriert den Flug der Stunden. Wir verlieren Zeit, besonders mit der Neubesetzung von Ministerposten und bei der Bundespolizei. Jeden Tag kommen wir einer Tragödie näher, die noch größer sein könnte als die Verwüstung, die Covid-19 in den USA verursacht hat. Wenn in Brasilien derzeit täglich etwa 400 Menschen an Covid-19 sterben (und diese Zahl verdoppelt sich aktuell etwa alle fünf Tage), was soll man da von einer Regierung halten, die so viel Zeit darauf verschwendet, sich um andere Dinge zu kümmern? Warte noch ein bisschen, die Bombe zündet schon bald.

Ich würde einem Experten vertrauen, der die Initiative der Gouverneure des Nordostens unterstützte, die ein wissenschaftliches Komitee zum Kampf gegen das Coronavirus gegründet haben. Der die Zuständigkeit von Gouverneuren und Präfekten achtete, die verantwortungsvoll ihre föderale Autonomie nutzen - vom Obersten Gerichtshof bestätigt - um gegen die Pandemie vorzugehen.

Ich vertraute vielleicht einem Gesundheitsminister, der die richtigen Worte fände, um sich bei Tedros Adhanom, dem Generaldirektor der WHO zu entschuldigen. Denn es ist nötig, um Entschuldigung zu bitten für die Beleidigungen, die Präsident Bolsonaro vergangenen Donnerstag aussprach, als er die Empfehlungen der WHO infrage stellte, mit dem Argument, Dr. Tedros sei kein Arzt. Ja, Dr. Tedros vertraue ich. Er ist ein hochqualifizierter Experte. Und auch in Brasilien gibt es, trotz allem, Wissenschaftler, die sich mit Leidenschaft dem Umgang mit der Pandemie stellen. Dies zeigt der Erfolg mit gerinnungshemmenden Medikamenten an 27 Covid-19-Patienten im Syrisch-Libanesischen Krankenhaus in São Paulo.

Der Medizinrat auf Bundesebene hat die Verwendung von Chloroquin für die Behandlung der Krankheit genehmigt. Gleichzeitig informiert der Rat auf seiner Website darüber, dass es keine Beweise für die Wirksamkeit des Medikamentes gibt. Ohne Zweifel wäre es aber wichtig gewesen, das zu berücksichtigen, was die WHO zum Gebrauch von Chloroquin empfiehlt.

In Brasilien, das so viel Zeit verliert, bleibt mir nichts anderes übrig als zu warten. Die Hoffnung kann warten. Die Hoffnung darauf, weiterhin jede neue Stunde gemeinsam mit den Vögeln dieses Planeten singen zu können.

Katherine Funke, geboren 1981 im brasilianischen Joinville, ist Autorin und Gründerin des Verlags "Micronotas". A. d. Portugiesischen v. Michaela Metz.

© SZ vom 27.04.2020/tmh
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