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Corona:Das Virus bringt das Verdrängte zurück

A woman wearing a face mask takes pictures of blooming cherry blossoms outside an entrance of a closed park, as the country is hit by an outbreak of the novel coronavirus, in Shanghai

Eine Frau mit Schutzmaske fotografiert in Shanghai durch den Zaun eines geschlossenen Parks.

(Foto: REUTERS)

Inwieweit die Corona-Angst mit der Angst vor China zusammenhängt. Und mit verdrängten Unmenschlichkeiten Europas, das einst Infektionskrankheiten in die Welt getragen und damit fette Beute gemacht hat.

Es stimmt also doch: Früher war alles besser. Früher, als die Welt noch übersichtlicher war, wohlgeordnet nach Gut und Böse. Es war die Welt des Ost-West-Konflikts: Eine gefährliche Welt, mit zwei um die Vorherrschaft ringenden Supermächten, jede nur einen Knopfdruck vom atomaren Erstschlag entfernt. Aber die Blockkonfrontation garantierte ein weltpolitisches Gleichgewicht, und nicht nur eines des Schreckens: Man wusste, woran man war. Nämlich immer auf der richtigen Seite im Wettbewerb der Systeme.

Dann kamen Gorbatschow, Mauerfall und Globalisierung, und die Welt geriet aus dem Lot. Aus den klaren Fronten des Freund-Feind-Denkens wurde die von Jürgen Habermas schon vor 1989 hellsichtig ausgerufene neue Unübersichtlichkeit. Die kognitive und emotionale Verunsicherung, die mit der Auflösung der bipolaren Welt über "den Westen" kam, war immens. Und sie wird vielleicht erst jetzt, 30 Jahre später, wirklich offensichtlich.

Seither nämlich haben sich die Krisenherde vervielfacht, sind die Gefährder unserer Ordnung diverser, abstrakter und diffuser geworden. Von einem vermeintlich allgegenwärtigen und zu allem bereiten Islamismus über Abermillionen Flüchtender, die an den Grenzen Europas angeblich nur auf ihre Chance zur Einnahme unseres Territoriums warten, bis hin zu einem schleichenden Klimawandel, der unaufhaltsam auf uns zuzukommen scheint und unsere Lebensweise radikal infrage stellt: Wir sehen uns umzingelt von Gefahren, die Einschläge kommen näher, sie wollen uns an die Wäsche.

Und jetzt also das Coronavirus. Jetzt also Hamsterkäufe, plombierte Kreuzfahrtschiffe, abgesagte Messen, verweigerte Handschläge. Womöglich bloß eine vorübergehende Hysterieepidemie. Vielleicht ja nur eine kurzlebige Aufwallung spätmoderner Katastrophenlust, die sich nach heftiger medialer Erregung, demonstrativer politischer Umtriebigkeit und kurzfristiger Realisierung pharmaindustrieller Extraprofite auch wieder verläuft - wie schon bei Vogel-, Schweine- und anderen Grippen. Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht. Denn immerhin kommt Corona aus China. Und die Chinesen sind uns ohnehin nicht geheuer. Die Vorstellung, dass eine dieser namenlosen Millionenstädte im Reich der Mitte zum "apokalyptischen Zentrum einer Epidemie" (Die Welt) geworden ist, hat die öffentliche Aufmerksamkeitsmaschinerie hierzulande auf Hochtouren gebracht. Denn China steckt hinter den vor unseren Augen sich vollziehenden politisch-ökonomischen Machtverschiebungen im Weltsystem. "China" ist die Chiffre für die multipolare Störung des ehedem weltpolitisch herrschenden Gleichgewichts. Entsprechend ressentimentgeladen, angstbesetzt und hasserfüllt begegnet man dem gefährlichen Emporkömmling.

Angriff auf den Wirtschaftsstandort Deutschland

Dabei macht China eigentlich nur das, was man früher auch im Westen machte - und für das Geheimnis des eigenen Erfolgs hielt. Eine staatsautoritäre Modernisierung von oben, die systematisch-bürokratisch die Volkswirtschaft auf Weltmarktfähigkeit und die Bevölkerung auf Untertanentum trimmt? Klingt, gerade in Deutschland, bekannt. Eine wachstumsfixierte Gesellschaft, die ohne Rücksicht auf ökologische Verluste immer neuen Höhen entgegenstrebt und sich maßgeblich über die auch den unteren Schichten zugänglichen, ständig zu erweiternden Konsumchancen stabilisiert? Nannte man an diesem Ende der Welt "Fordismus".

Wenn aber heute "die Chinesen" einen deutschen Mittelständler kaufen, dann ist das nicht bloß eine Direktinvestition, sondern ein Angriff auf den Wirtschaftsstandort Deutschland. Wenn die chinesischen Käufer nach Europa einfliegen, dann sind es nicht die locker-smarten Männer von Welt, die wir auf Geschäftsreisen schicken, sondern staatsgelenkte Automaten, denen neben jeder Moral auch jegliche Individualität fehlt: "alle Haare von links nach rechts mit schwarzer Schuhcreme gekämmt" (Günther Oettinger). Was der Chinese auch macht, er macht's verkehrt: Betreibt er gut industrialistisch Kohlekraftwerke, ist er - obgleich in den CO₂-Emissionen pro Kopf weit unter deutschem Niveau liegend - der weltgrößte Umweltsünder; treibt er systematisch die Nutzung erneuerbarer Energien voran, wird er zum Inbegriff der Ökodiktatur.

Und jetzt geht er auch noch viral. Langsam aber sicher wird die Sache unheimlich: Neue Seidenstraße, Landgrabbing in Afrika, Huawei, Covid-19 - was kommt als Nächstes? Was wird aus unserer hart erarbeiteten, wohlverdienten globalen Vorrangstellung? Größte Exportnation, Ingenieurbüro der Welt: Sind wir das die längste Zeit gewesen? Deutsche Wertarbeit und Sekundärtugenden: Gelten die nichts mehr? Wird der Spieß jetzt umgedreht, wandert das Machtzentrum an die Peripherie? Werden uns jetzt auch noch die Waffen des Kolonialismus genommen?

Was gerade zu uns zurückkehrt, ist das Abbild unserer eigenen Vergangenheit

Früher hat Europa seine Infektionskrankheiten in die Welt getragen - und damit fette Beute gemacht. Die spanischen Konquistadoren Südamerikas schlugen die gottlosen Naturvölker mit den Waffen einer Zivilisation, nämlich mit hochinfektiösen Krankheiten, die in Europa endemisch, in den zu "Lateinamerika" gemachten Regionen aber unbekannt waren: mit Pocken und Masern, aber auch mit der Influenza. Während diese Erkrankungen unter Europäern im Einzelfall tödlich verliefen, im Grunde aber Immunität bestand, rafften die entsprechenden Erreger die indigene Bevölkerung der eroberten Territorien wie die Fliegen hinweg. Schätzungsweise neunzig Prozent der amerikanischen Ureinwohner sollen an importierten Krankheiten gestorben sein.

Selbst wenn jetzt das bundeseigene Robert-Koch-Institut, ehedem Königlich Preußisches Institut für Infektionskrankheiten, seine epidemiologischen Wasserstandsmeldungen und Warnhinweise herausgibt, gemahnt dies an die Tatsache, dass der Namensgeber und gefeierte Nobelpreisträger seine bahnbrechenden Erkenntnisse über die "Schlafkrankheit" auch im Rahmen von Forschungsexpeditionen nach Deutsch-Ostafrika gewann - mit allen Risiken und Nebenwirkungen für die einheimischen Probanden. Und nun wird Deutschland, die verhinderte, aber wo es noch geklappt hat stets gütige Kolonialmacht, zum Exerzierfeld eines Virus "Made in China", zum Opfer der neokolonialen Influencer aus dem Fernen Osten? Wir wollen unseren alten Robert Koch wiederhaben!

Aber er wird nicht zurückkommen. Was gerade zu uns zurückkehrt, ist das Abbild unserer eigenen Vergangenheit, sind Bestandteile unseres industrialistischen, kolonialen, imperialen Selbst, die wir - auch für uns selbst - in die Unsichtbarkeit abgedrängt hatten. Dass das von unserem Bewusstsein Abgespaltene als scheinbar Fremdes zu uns zurückkehrt und, als nicht länger Heimliches, das Heimelige unserer Existenz bedroht, ist der Kern dessen, was Freud das "Unheimliche" nennt. Und womöglich auch das eigentlich Ansteckende am Coronavirus: Vielleicht sind wir ja schon infiziert von der Ahnung, dass die guten alten Zeiten vorbei sind und es uns an den Kragen geht. In der Tat, da kann einem der Atem stocken.

Der Autor ist Professor am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.

© SZ vom 07.03.2020
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