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Kunsthandel und Nationalsozialismus:Viele Rätsel nimmt Gurlitt mit in den Tod

Es gibt viele Rätsel, die Gurlitt mit in den Tod nahm und nur wenige Gewissheiten. Er wollte den Schatz, den die Eltern hinterlassen hatten, unter allen Umständen schützen. Die Mutter hatte 1968 ein Testament ohne Unterschrift hinterlassen. Gleichberechtigte Erben waren Gurlitt und seine Schwester Benita. Der Bruder, das stand fest, sollte die Sammlung zusammenhalten.

Benita, die 2012 starb, war ihm nahe. Soweit man das bei einem menschenscheuen Mann wie Gurlitt sagen kann. Bei ihr hatte er einige Zeit gelebt und eigentlich, so sagen Insider, habe er sein ganzes Leben mit ihr verbringen wollen. Doch Benita Gurlitt hatte 1968 geheiratet, und zu ihrem Mann, einem Kunstkenner, pflegte Gurlitt ein höfliches, aber distanziertes Verhältnis.

Man siezte sich. Von dem großen Erbe des Cornelius Gurlitt habe der Schwager "keine Ahnung" gehabt und seinen Münchner Verwandten auch nie besucht, sagte er. Cornelius Gurlitt wollte nicht, dass Fremde seine Wohnung sahen, und selbst ein Verwandter, den er vielleicht mochte, war für ihn ein Fremder.

Gurlitt war schon eine Weile schwer herzkrank und konnte kaum gehen. Die Bilder und die Termine bei einem Internisten bestimmten seinen Alltag. Im Dezember vergangenen Jahres, als die ganze Welt hinter ihm her war, wurde er in eine Klinik gebracht. Nur gelegentlich empfing er Besucher wie seinen vom Gericht gestellten Betreuer oder auch seinen Anwalt Tido Park. Oft auch den Schwager, der schon in den Achtzigern ist.

Keinen Vertrauten mehr in der Familie

Gurlitt soll im Februar oder März in dem Krankenhaus einen Notar empfangen haben, mit dem er sein Testament gemacht haben soll. Bei dieser Gelegenheit soll angeblich der Verbleib der Bilder fest geregelt worden sein. Wie die Regelung im Einzelnen aussieht, war am Dienstagnachmittag noch Spekulation.

Fest steht: Gurlitt hatte in der Familie niemanden mehr, der ihm wirklich vertraut war. Schon deswegen war nicht zu erwarten, dass er die Bilder an einen Verwandten vererben wollte. Die jetzige Lösung, sie einer Institution zu vermachen, spricht dafür, dass die Sammlung zusammenbleiben wird, was Gurlitt ja stets als seinen Auftrag verstanden hatte.

Gurlitt war bis zuletzt in der Lage, die Verhandlungen seiner Anwälte mit der bayerischen Regierung über den Umgang mit Restitutionsforderungen und die mögliche Rückgabe seiner Sammlung zu verfolgen. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit war er vor Wochen schwer krank in seine Schwabinger Wohnung zurückgekehrt. Dort sorgten sich Pfleger um ihn, während ein Privatdetektiv ihn abschirmte. Meist soll er im Bett gelegen haben. Anfang April hat er schließlich die Verfahrensvereinbarung zwischen der Bundesrepublik Deutschland, Bayern und ihm selbst unterzeichnet, in der auf sechs Seiten festgelegt wurde, was zu seinen Lebzeiten mit den Bildern passieren sollte: Er unterwarf sich den sogenannten Washingtoner Prinzipien, die sonst nur für öffentliche Sammlungen und Museen gelten, und die weitestmögliche Restitution von "verfolgungsbedingt entzogener" Kunst vorsehen.

Offen ist nun die Frage, von wem und unter welchen Bedingungen die laufenden und etwaige weitere Restitutionsverhandlungen weitergeführt werden. Eine Sprecherin des Justizministeriums sagte am Dienstagabend, dass die geschlossene Vereinbarung auch für die Erben bindend sei.

Im April war klar, dass das Ermittlungsverfahren gegen Gurlitt eingestellt werden sollte. Grundlage der geplanten Regelung war Paragraf 153, ohne Auflagen. Die Einstellung des Verfahrens, die auch ein Triumph für ihn gewesen wäre, hat er nicht mehr erlebt. Obwohl die Beschlagnahme damals aufgehoben worden war, hat er seine Bilder nie wieder gesehen.

© SZ vom 07.05.2014/pak
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