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Computerspiele (II):Die Verdoomung der Republik

"Doom 3" ist eine opulent aufbereitete Liquidierungsorgie und belegt die neue Gewalt der Bilder.

Von Bernd Graff

Dieses Spiel ist widerwärtig. Und es ist brutal. Doch ist dieses Spiel nicht widerwärtig, weil es brutal ist. Es ist brutal, weil es so widerwärtig ist.

Doom

Ein bislang ungekannter Grad an abscheulichem Realismus in der Darstellung

Der Unterschied ist entscheidend. Er bezeichnet die Differenz zwischen Bildern voller Gewalt und der Gewalt von Bildern. Mit Doom 3, so heißt dieses widerwärtige Spiel, ist ein bislang ungekannter Grad an abscheulichem Realismus in der Darstellung erreicht worden.

Fast schon in Überbietung ihres Inhalts behauptet sich hier eine neue Form von Bildern, die ebenso bedrohlich wie ekelhaft sind. In einer Welt, die ohnehin nur mittelbar über produzierte Bilder erfahren wird, werden es von nun an auch synthetische Pixel sein, die uns Gewalt antun.

Die Gewalt in Plot und Handlung von Doom 3 ist dagegen fast gewöhnlich zu nennen - sie wird von anderen Titeln sogar noch übertroffen. Tatsächlich unterscheidet sich das Narrativ auch fast nicht von den beiden Vorläufern.

Überall zu haben

Allerdings, und das ist neu: Die Vorläufer waren in Deutschland indiziert und durften nicht offen verkauft werden. Doom 3 dagegen ist zwar als nicht jugendfrei eingestuft, aber eben nicht indiziert worden. Daher ist es überall zu haben.

Die Doom-Serie von den amerikanischen Entwicklern id-Software, veröffentlicht von Activision, gehört zum Spiele-Genre der "First-Person-Shooter".

Es erlaubt die absolute Identifikation des Spielers mit der Spielfigur. Denn der Spieler erlebt das aufgebotene Szenario unmittelbar aus der Perspektive des von ihm gesteuerten Protagonisten. Man "sieht" also das Spiel aus seinen Augen, durchschreitet für ihn und mit ihm die Spielwelt - und metzelt mit ihm und für ihn, was sich in den Weg stellt.

Die schlichte Spielmaxime lautet: "Töte alles, was nicht du selber bist!" Das Spiel-Szenario ist entsprechend simpel: Auf einer Marsstation muss irgendetwas schief gelaufen sein.

Die Verdoomung der Republik

Entweder ein Labor-Versuch, der alle Stationsbewohner zu geifernden Untoten gemacht hat oder aber ein Experiment, das gleich die Tore zur Hölle geöffnet hat.

Und der entkommen nun rastlos schwankende Gestalten, die offensichtlich nur den Auftrag haben, alles menschliche Leben und folglich auch den vom Spieler gesteuerten Protagonisten zu massakrieren und zu vernichten.

Welch armselige Vorstellung von der Hölle! Und welch abgeschmackte Lizenz zum Töten - für den Spieler! Weil er ja ständig angegriffen wird, ist das Ballern gewissermaßen als Notwehr nobilitiert, da sich der gesteuerte Held nur der Wiedergänger erwehrt.

Literweise Blut

Überhaupt sind die Beschwichtigungsversuche für solche Spiele zumeist abenteuerlicher und noch zynischer als die Spiele selbst: So wird etwa versucht, das Blut triefende Töten auf dem Monitor mit ganz anderen Spielformen, etwa "Völkerball" und "Schach", in Verbindung zu bringen.

Dieses, so heißt es dann, sei ja auch nichts anderes als ein Kriegsspiel, bei dem "Bauern geopfert" würden. Jenes lasse explizit auf reale Menschen zielen, um sie "abzuschießen".

Oft gehört auch, dass der Spieler nur aus Notwehr handele und für seine Figur sorge. Oder aber man hebt - losgelöst vom kruden Tun - taktisches Geschick und strategisches Denken hervor, die in solchen Spielen gefordert würden.

Besonders bei Netzwerkspielen heißt es dann, dass es gar nicht ums Töten gehe, sondern um den praktizierten Teamgeist. Fast schon obszön: Man meldet gleich Kunstanspruch für solche Spiele an und zitiert etwa Hieronymus Boschs Phantasmagorien oder den obskuren Realismus von David Lynch oder Tarantino, um das digitale Killen auf ein weithin akzeptiertes Werk-Niveau zu hieven.

Für Doom 3 sind solche Sublimationsversuche nicht mehr ernsthaft geltend zu machen. Denn es ist nicht mehr als eine opulent aufbereitete Liquidierungsorgie.

Anderweitige Ziele, ideelle Werte und abstrakte Spielprinzipien sucht man hier ebenso vergebens wie die Unschuld der zum Abschuss freigegebenen Untoten.

Doom 3 zelebriert dagegen die Macht seiner grausamen und grausam-realistischen Bilder: Es verspritzt und verschmiert literweise Blut auf weißen Kacheln, zeigt Wesen mit aufgeschlitzten Bäuchen, die gekreuzigt von der Decke hängen und wie irre schreien, dazu torkelnde Humanoide, denen man den Unterkiefer weggebrochen und die Gesichtshaut abgezogen hat.

All das fein detailliert und in Hochauflösung. Im Internet kursieren dazu noch sogenannte "Gore-MOD's" - das sind frei verfügbare Nachprogrammierungen und Patches, die die Menge an vergossenem und verschmierten Blut sogar noch erhöhen.

Weil aber die Visualisierung des Blutrauschs so unglaubliche Anforderungen an den Rechner stellt, wird das Spiel inzwischen fast schon als Standardtest für die Leistungsfähigkeit von Grafikkarten verwandt.

Wie stark die Identifikation des Spielers mit dem Geschehen dann auch tatsächlich ist und wie gering die Distanz zum Gesehenen, belegen Kommentare aus einem dezidierten Spieler-Forum im Internet.

Ein Nutzer mit Namen "Spike" konstatiert etwa: "Richtig schlecht ist mir geworden bei der Szene, in der man in einen Raum kommt und da so'n Typ an der Decke hängt (am ganzen Körper durchbohrt)! Und das grausamste war, dass der arme Hund noch geröchelt und gequiekt hat."

Nicht auszuhalten

Einer, der sich "Spacelümmel" nennt, antwortet: "Habe gerade wieder aufgehört, weil ich mich nicht weiter traute." Und "justme" meint: "Das ganze Spiel ist ein Schreck an sich. Ich zocke nur ein paar Minuten, dann brauche ich 'ne Pause, um meine Nerven zu erholen. Ich habe keinen Bock mehr. Der Stress wird einfach zuviel. Und Leute, ich bin schon über 30."

Doom 3 ist nicht auszuhalten - auch deshalb nicht, weil der provozierte Abscheu völlig sinnlos aufgewendet werden muss. Es geht um nichts - nur ums voyeuristisch ausgeweidete Töten. "factorx" beschreibt die Wirkung treffend: "das gefühl der hilflosigkeit und der unterlegenheit...ist das, was das spiel ausmacht."

Die Verdoomung der Republik

Und doch: Trotz seines Horrorszenarios besetzt Doom 3 Spitzenplätze in den Charts der meistverkauften Spiele-Titel - wenn es sie nicht anführt. Es darf ja offen verkauft und beworben werden. Folglich liegt Doom 3 denn auch in Stapeln in den Kaufhäusern.

Das Spiel ist in aller Munde. Die Verdoomung der Republik muss sehr weit fortgeschritten sein.

Martin Pitzl, Sprecher des Doom-Publishers Activision, freut sich natürlich, dass Doom 3 weltweit auf Platz 1 in den Charts war und nennt es den "erfolgreichsten Release in der Firmengeschichte."

Pitzl kennt niemanden, der "sich darüber aufgeregt hätte, dass das Spiel zu brutal oder gewalttätig" sei. Denn: "Bei dem Produkt ist doch klar, dass alles reine Fiktion bleibt."

Pitzl nennt Doom3 denn auch einen "interaktiven Horrorfilm" und betont aber: "Es ist gut und richtig, dass dieses Spiel als nicht-jugendfrei eingestuft wurde. Die Zielgruppe dafür ist definitiv über 18."

Anruf bei Manfred Schiefer. Er ist Sprecher des "Verbands der Unterhaltungssoftware" (VUD). Ein Hersteller-Verband übrigens, der gerade seine Auflösung beschlossen hat - anscheinend wegen unüberwindlicher interner Querelen.

Es entsteht eine Diskussion über die Top-Titel in den Charts. Denn dort belegen zum Zeitpunkt des Gesprächs Ego-Shooter und Kriegs-Simulationen alle vorderen Plätze: "Ja", räumt Schiefer ein, "es gibt Spiele, die gewalthaltig sind - aber das ist ein Winnetou-Film auch."

Wann ist es ein Mensch

Und ja, "es gibt dafür auch einen großen Fankreis. Aber solche Titel bilden gerade einmal drei Prozent aller auf dem Markt befindlichen Produkte."

Kein aussagekräftiger Trend also? Dem Einwand, dass gerade der VUD damit wirbt, dass inzwischen "weltweit mehr Geld mit Computer- und Videospielen umgesetzt wird als mit Kinofilmen: rund 18,8 Milliarden Euro pro Jahr" und folglich selbst marginal anmutende Marktanteile tatsächlich sehr, sehr erfolgreich sind, begegnet er mit einer überraschenden Analogie: "Das ist wie mit dem Schnapsverkauf." Da gebe es auch riesige Umsätze, aber dennoch lebten wir nicht in einer Alkoholiker-Republik.

Stefan Brechtmann sitzt als Vertreter eines der großen Mitgliedsunternehmen im VUD und räumt ein, dass "die gesetzlichen Definitionen und Vorgaben zur Einstufung von Spielen nicht immer mit persönlichem Empfinden und moralischen Werten in Einklang zu bringen" sind.

"Jeder ist selbst verantwortlich"

Und dann bereichert er die Diskussion um folgende Pointe: Man könne den Publishern ja wohl kaum vorwerfen, dass sie nicht restriktiver als der Gesetzgeber vorgehen.

Darum folgert er: "Jeder einzelne ist selbst verantwortlich für das, was er spielt - und vor allem für das, was seine Kinder spielen."

Seit der Novellierung des Jugendschutzgesetzes vom April 2003 ist die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) gemeinsam mit den Obersten Landesjugendbehörden (OLJB) für das Verfahren zur Alterskennzeichnung von Computerspielen und für deren Einstufung zuständig.

Das macht offiziell Jürgen Hilse. Er sitzt als ständiger Vertreter der Länder in der USK und vergibt die Alterskennzeichnungen, die ihm nach Beschluss aller Gutachter vorschlagen werden.

Hilse ist also nicht persönlich haftbar zu machen für Doom 3. Aber er kann den generellen Kriterien-Katalog zitieren, nach denen das Gremium entschieden hat.

Spiele werden danach indiziert, wenn etwa die "Gewalthandlungen gegen Menschen deutlich visualisiert, bzw. deutlich akustisch untermalt werden." Wenn "blutende Wunden und zerberstende Körper" gezeigt und "Todesschreie vernommen werden können."

Nicht indiziert werden Spiele aber, "wenn die Tötung oder Verletzung eine von mehreren Möglichkeiten in der Spielhandlung darstellt", "wenn andere als Gewalttaten gegen Menschen eine Rolle spielen", und "wenn Parallelen zur Realität nicht nahe gelegt werden."

So habe man trotz der Blutorgien von Doom 3 "noch Distanzierungsspielräume für den Erwachsenen gesehen." Hilse weiß aber, dass Minderjährige "in der heutigen Zeit" genügend Gelegenheiten finden, "unser Votum immer zu umgehen."

Abgesehen nun davon, dass dieser starre Kommissions-Katalog voller abstrakter Kriterien kein zureichendes Mittel mehr darstellt, die eigenmächtige Gewalt bestialischer Bilder in ihrer genuinen Qualität und Bedrohung zu erfassen, zeigt sich hier auch fast schon exemplarisch, dass Spieleproduzenten anscheinend nur eine abstruse Geschichte um ihre ekelhaften Arrangements herum konstruieren müssen, um Gewalt gegen Humanoide nicht mehr als Gewalt gegen Menschen auszugeben.

Denn wie gesagt: In Doom 3 werden ja Zombies in Menschenleibern gemetzelt. Der Leiter der USK, K.-Peter Gerstenberger, hat übrigens in einem Interview erklärt, das Spielprinzip von Doom 3 sei: "Rette Deine Figur! Verteidige sie gegen andere Figuren." Überhaupt handele "das ganze Genre vom Retten."

Die USK zitiert auf ihrer Homepage eine Studie des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung und nennt sie "die ausführlichste Erhebung in Deutschland, die zu Inhalten von Computerspielen vorgelegt wurde."

Das Projekt mit dem verschwurbelten Titel "Funktion der Inhalte von Computerspielen für ComputerspielerInnen" kommt zu dem ebenso verschwurbelten Schluss, dass: "von generellen Aussagen oder Wirkungsvermutungen in Hinblick auf Computerspiele nicht mehr ausgegangen werden kann.

Es ist vielmehr so, dass die Bedeutung der Inhalte für die Computerspieler sowohl von den Spielern selbst, als auch von den Spielen und dem Wechselverhältnis zwischen Spiel und Spielern abhängt."

Aha. Wem das nun gar nichts sagt, der versteht aber vermutlich den Spieler "nikuz" aus dem Gamer-Forum: "Wer meint, dass es nicht gruselig sei, hat's irgendwie leicht verpeilt. Als ich angefangen habe zu spielen, war es 10 Uhr morgens. Selbst da hab ich mir vor Grusel und Schock fast in die Hose gepisst."

© SZ vom 19.10.2004
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