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Computerspiel:Allein gegen alle

Days Gone
(Foto: Sony)

Das Feuilleton der Zeit hat gerade festgestellt, dass die einst freie diskursive Welt von "unerbittlichem Lagerdenken vergiftet" wird, weil "Argumente" darin nur noch wie "unveränderliche Brandzeichen einer politischen Identität" betrachtet werden. Es geht um "Herdengefühl im vorlogischen Raum", und dem entkommt im aktuellen Debattenstuhlkreis angeblich niemand. Kann man sich hier einen sentimentalen Redneck vorstellen, einen Blümchen pflückenden Biker mit aufrechten Gefühlen, einen trauernden Ledermacho mit Bandana, der nicht nur am Auspuff seines gepimpten Choppers bastelt, sondern auch den kranken Kuttenkumpel aufopferungsvoll pflegt? Diesen Heiligen gibt es nicht wirklich, er ist die zentrale Figur in Sonys neuem Mega-Seller für die Playstation 4: "Days Gone." (70 Euro, USK ab 18). Wie TV-Serien auch setzen die Großtitel des E-Sports nun auf gemischte Charaktere. In Days Gone hat eine Pandemie stattgefunden, die fast die gesamte Menschheit dahinraffte. Was noch atmet, führt ein armseliges Halbleben. Der Ex-Rocker Deacon St. John, unser Biker, hat die Seuche im US-Bundesstaat Oregon überlebt. Seine Frau ist tot, glaubt er, Rohstoffe, Nahrung und Munition sind knapp, schlechte Voraussetzungen im Kampf aller gegen alle, der sofort entbrannt ist, ein Kampf, wie ihn auch Cormac McCarthy in seinem postapokalyptischen Roman "The Road" beschrieben hat. Denn jeder ist potentiell Freund wie Feind. Unseren Mann plagen zudem Schuldgefühle, Angst und Trauer. Doch "Freaker", Sektenmitglieder, Banditen wie Wölfe trachten nach dem bisschen Restleben. Oregon kann da sehr kalt sein. Natürlich wird in der offenen Welt von "Days Gone" geballert, natürlich gibt es grundböse Menschen und nervende Zombies. Aber doch werden hier die offenen Fragen unserer Gegenwart aufgeworfen: Werden Menschlichkeit und Solidarität im Angesicht der Gefahr, der gefühlten persönlichen Bedrohung, einfach über Bord geworfen? Wer ist die diffuse Masse, die man "wir" nennt, und wer sind all die "Anderen"? Erstaunlich, so etwas in einem Computerspiel zu erleben. Dort scheinen die offenen Welten jedenfalls offener als bei uns.