"Coming In" im Kino:Satirisch auf Crash-Kurs

Lesezeit: 4 min

Da sitzt zum Beispiel eine Wohngemeinschaft versammelt am Esszimmertisch beim Abendessen. Der Salat wird hübsch angerichtet, die Weingläser gefüllt, eine junge Frau erzählt mit leuchtenden Augen davon, dass sie sich gerade heftig verliebt hat. Trotzdem zeichnet sich negative Spannung in den Mitbewohner-Gesichtern ab, die der Verliebten gut zureden: "Ach, das ist ganz bestimmt nur eine Phase, und die geht vorüber!". Oder: "Und der Sex, der war doch ganz bestimmt eklig?" Die Verliebte widerspricht, es klingelt, und an der Tür erscheint ihr Geliebter, es gibt einen innigen Kuss zur Begrüßung.

Gegenschuss: Die sechs Wohngemeinschaftler blicken betreten drein, und jetzt erst wird offenbar, das es drei schwule beziehungsweise lesbische Pärchen sind. Eine Satire auf das ewige Abwerten und Ausgrenzen alles Andersartigen und Fremden - was auch immer schon ein Urthema des Kinos war.

Um die Rollen zu vermischen und Vorurteile hochkochen zu lassen, verliebt sich in "Coming In" der schwule Tom in seine neue Chefin Heidi, die Aylin Tezel mit hinreißendem Audrey-Hepburn-Charme spielt. Und natürlich verguckt auch sie sich in ihren schrägen Paradiesvogel-Praktikanten.

Schlüsselmomente des eigenen Coming-outs

Vor zehn Jahren präsentierte Kreuzpaintner mit "Sommersturm" bereits einen Film zum Outing-Thema, ebenfalls mit Kostja Ullmann in einer der Hauptrollen. Die Geschichte eines jungen Sportlers, der entdeckt, dass sein Begehren doch eher Männern als Frauen gilt. Ein schwieriges Coming-out, aber erzählt mit Leichtigkeit und Charme. Der neue Tonfall überraschte, nach all den mit Klischees überfrachteten Filmen, die in Deutschland das Thema Homosexualität entweder derb verwitzelten oder mit tragischer Schwere überdramatisierten. Kreuzpaintner erklärte, dass er hier zwar nicht seine Autobiografie erzähle, aber doch Schlüsselmomente seines eigenen Coming-outs verarbeitet habe.

Der Plot von "Coming In", dass ein Schwuler seine heterosexuelle Ader entdeckt, ist allerdings nicht ganz neu. In dem gleichnamigen Fernsehfilm von 1997 erzählte Thomas Bahmann bereits von einem schwulen Werbetexter, der sich in seine Sekretärin verliebt. Und 2012 gab es die italienische Komödie "Mal was anderes?", in der sich ein bekennend schwuler Bürgermeisterkandidat in seine Wahlkampfmanagerin verguckt.

Reue statt Intoleranz

"Coming In" aber erzählt die Schwuler-wandelt-sich-zum-Frauenliebhaber-Story zum ersten Mal im Mainstream-Muster einer romantischen Komödie. Die Befürchtung, die vor den Dreharbeiten hier und da geäußert wurde, dass der Film einen "Verrat an der schwulen Sache" begehe, ist glücklicherweise gegenstandslos.

"Coming In" zeichnet alle Figuren ungemein liebenswert und ist ein herrlich aufgebrezeltes, selbstironische Funken sprühendes Jonglieren mit Homo-Hetero-Klischees. Unter dem Vorwand einer herzigen Romanze werden die Welten von Homos und Heteros satirisch auf Crash-Kurs gebracht.

Tatsächlich versuchen Toms schwule Freunde, die ihn als Promi-Schwulen nicht verlieren wollen, die Romanze als Verrat hinzustellen und zu sabotieren. Aber nein, sie ergehen sich nicht in Intoleranz, schnell kehrt Reue ein, und sie entschuldigen sich für ihr Schubladendenken. Den ehernen Genremustern einer romantischen Komödie gehorchend, folgt das Finale der allseitigen Versöhnung, nach dem Motto: Es gibt keine Hierarchie des Begehrens, jeder darf und soll seinen eigenen Gefühlen folgen.

Coming In, Deutschland 2014 - Regie: Marco Kreuzpaintner. Buch: Marco Kreuzpaintner, Jane Ainscough. Kamera: Daniel Gottschalk. Mit: Kostja Ullmann, Aylin Tezel, Ken Duken, Katja Riemann, August Zirner, Denis Moschitto, Tilo Prückner, Hanno Kofler, Frederik Lau. Warner Bros., 104 Minuten.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema