Comics für Bildungsbürger:Mörderische Logik

Lesezeit: 3 min

Billiger als ein Film, anschaulicher als ein Buch, spannender als ein Lehrer: Der Comic ist das ideale Medium, wenn es um Geschichte geht. Egal ob Erster Weltkrieg oder Mauerfall.

Von Thomas von Steinaecker

Die Kultur unserer Gegenwart wird von einer intensiven Beschäftigung mit der Vergangenheit bestimmt. Das kann man als absolut nötige Aufarbeitung historischer Traumata ansehen; andererseits besteht dabei aber auch die Gefahr, es sich zu bequem zu machen: Häufig wird ein Thema wie der Erste Weltkrieg oder der Fall der Mauer gewählt, weil kein Zweifel über das besteht, was heute als Türöffner für Fördergelder und öffentliche Aufmerksamkeit gilt: seine Relevanz. Allzu oft wird allerdings vernachlässigt, dass gerade geschichtliche Stoffe ein verstärktes Maß an Innovation und künstlerischen Visionen bedürfen, hält doch ihr allgemein bekannter Verlauf kaum Überraschungen bereit. Auch der Comic, der eigentlich seine Ursprünge in der Fantastik hat, versperrt sich nicht diesem Trend. Im Gegenteil. Günstiger als bei jedem Film und anschaulicher als jeder Roman, damit potenziell unterrichtstauglich, wird seit dem Boom der Graphic Novel Geschichte ins Bild gesetzt.

Comics für Bildungsbürger: "Fluchttunnel nach West-Berlin" von Olivier Jouvray und Nicolas Brache

"Fluchttunnel nach West-Berlin" von Olivier Jouvray und Nicolas Brache

(Foto: Avant)

In Fluchttunnel nach West-Berlin (Avant) hat sich das französische Duo Olivier Jouvray und Nicolas Brachet von einer wahren Begebenheit inspirieren lassen. Der Kunststudent Tobias reiste noch vor dem Bau der Mauer aus, 1964 will er seine Schwester Hanna nachholen. Dazu gräbt er mit einem Freund und einer stetig anwachsenden Anzahl von Helfern einen Tunnel. Die tatsächliche Geschichte des "Tunnels 57" war wesentlich vielschichtiger als dieser Comic. Warum Jouvray und Brachet die Ereignisse mit ihren solide realistischen Zeichnungen und klischeehaften Charakteren auf das Niveau eines Sat1-Films zurechtgestutzt haben, bleibt ihr Geheimnis.

Comics für Bildungsbürger: "Treibsand" von Kitty Kahane, Alexander Lahl und Max Mönch

"Treibsand" von Kitty Kahane, Alexander Lahl und Max Mönch

(Foto: Metrolit)

Experimentierfreudiger geht es bei dem Wende-Comic Treibsand (Metrolit) von Kitty Kahane, Alexander Lahl und Max Mönch zu. Das beginnt bei der Hauptfigur. Der Auslandskorrespondent Tom Sandman reist zum 40-jährigen Bestehen der DDR von New York nach Berlin. Sandman ist eine wunderbar schrullige, tragikomische Figur wie aus einem Hitchcock-Film. Angetrieben von seinem unbarmherzigen, antikommunistischen Chef, stolpert er durch die Weltgeschichte und begegnet dabei einer geheimnisvollen Frau: Als Profischwimmerin versuchte Ingrid einst über die Ostsee zu fliehen, wurde gefasst, eingesperrt und nach zwei Jahren vom Westen freigekauft. Eine Familientragödie. Denn ihr Vater war ein hoher Funktionär, ihr Bruder Grenzsoldat, beide Karrieren endeten durch ihren Fluchtversuch. Das alles ist herrlich schrill gezeichnet und hält sehr gekonnt den schwarzen Ton. Allerdings bleibt die Frage offen, warum die Auflösung des Buches in einem kurzen rein textlichen Epilog nachgereicht wird.

Comics für Bildungsbürger: "Der Attentäter" von Henrik Rehr

"Der Attentäter" von Henrik Rehr

(Foto: Jacoby & Stuart)

Zu einem anderen Jahrestag, dem des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, legt der dänische Comicautor Henrik Rehr mit Der Attentäter (Jacoby & Stuart) eine epische Biografie des Sarajevo-Attentäters Gavrilo Princip vor. Der wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, wird auf die Schule nach Sarajevo geschickt und kommt dort als bosnischer Serbe in Kontakt mit antiösterreichischen Bewegungen. Anschaulich legt Rehr die falschen Informationen dar, die zur Radikalisierung Princips führen, sodass der Leser schwankt zwischen Sympathie für dessen freiheitliche Ideale und blankem Entsetzen, wie selbstverständlich, ja notwendig in dieser mörderischen Logik das Attentat auf Franz Ferdinand erscheint. Ein hochspannendes, komplexes Werk in brillanten Schwarz-Weiß-Zeichnungen.

Comics für Bildungsbürger: "Vita obscura" von Simon Schwartz

"Vita obscura" von Simon Schwartz

(Foto: Avant)

Dass man Geschichte aber auch ganz anders erzählen kann, zeigt Simon Schwartz in Vita obscura (Avant). Der Band versammelt 35 außergewöhnliche Biografien, vom Religionsstifter Mani über die siamesischen Zwillinge Chang und Eng Bunker, Joseph Pujol, der im 19. Jahrhundert als "Kunstfurzer" bekannt wurde, bis zur Krankenschwester Violet Jessop, die zahlreiche Schiffsunglücke überlebte, darunter das der Titanic. Für jeden Strip hat Schwartz einen eigenen Stil kreiert, der im Zusammenhang mit der Geschichte steht. So wird etwa Manis Schicksal in abfotografierten Tontafeln erzählt und wirken die Panels vom Leben des drogenabhängigen Ken Keseys, Autor von "Einer flog über das Kuckucksnest", selbst wie ein LSD-Trip. Anders als die meisten anderen historischen Comics wartet "Vita obscura" mit tatsächlichen Fundstücken auf. Das ist nicht nur extrem unterhaltsam, sondern auch von großem künstlerischem Wert. Ein heißer Anwärter auf den Titel des deutschsprachigen Comics des Jahres.

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